Inflation Europa : EZB senkt Leitzins auf Null Prozent

Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt
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Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt

Europas Währungshüter zwingen Banken mit noch höheren Strafzinsen zu mehr Krediten. Bei der Billiggeldflut ist kein Ende in Sicht.

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10. März 2016, 15:47 Uhr

Europas Währungshüter legen im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche massiv nach - zum zweiten Mal binnen drei Monaten. Die Währungshüter senkten den Leitzins am Donnerstag überraschend von 0,05 Prozent auf Null Prozent.

Zudem müssen Banken wie erwartet künftig noch mehr Strafzinsen zahlen, wenn sie Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken, statt Kredite an Unternehmen und Verbraucher zu vergeben. Auch die milliardenschweren Anleihenkäufe werden weiter ausgeweitet. Und es gibt neue Langfristkredite für Banken.

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Seit einem Jahr steckt die EZB Monat für Monat 60 Milliarden Euro in den Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren. Die Maßnahme, die im Fachjargon „Quantitative Easing“ oder kurz „QE“ genannt wird, wurde erst im Dezember um ein halbes Jahr bis mindestens März 2017 verlängert. Ab April will die EZB nun monatlich 80 Milliarden Euro investieren. Zudem werden weitere Papiere in den Korb aufgenommen.

Was ist QE?
Die Abkürzung QE steht für „Quantitative Easing“, zu Deutsch: „Quantitative Lockerung“. Dieser Begriff kommt daher, dass bei einer solchen Maßnahme die Menge, also die Quantität, das Zentralbankgeldes zunimmt. Eine Notenbank druckt sich selbst Geld, um Wertpapiere zu kaufen. Meist sind das Anleihen von Staaten und Unternehmen. Mit dem Erwerb solcher Schuldscheine will die Zentralbank langfristige Zinsen drücken. Dann können etwa Staaten günstiger frisches Geld bei Investoren einwerben. Und im Idealfall kommt das zusätzliche Zentralbankgeld über die Banken, denen die Notenbank Wertpapiere abkauft, bei Unternehmen und Verbrauchern an: Mehr Kredite könnten zu mehr Investitionen und Wachstum führen.

Nochmals verschärft wurde der Strafzins für Bankeinlagen. Statt 0,3 Prozent müssen Geschäftsbanken künftig 0,4 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld kurzzeitig bei der EZB parken. Mit dem negativen Einlagenzins wollen die Währungshüter die Kreditvergabe im Euroraum ankurbeln. Müssen Banken mehr für das Bunkern von Liquidität zahlen - so die Theorie - bringt sie das eher dazu, das Geld als Kredit an Verbraucher und Unternehmen weiterzureichen.

Die Strafgebühr für Bankeinlagen ist umstritten. Ökonomen befürchten, dass Banken die Kosten auf ihre Kunden abwälzen könnten, statt mehr Kredite zu vergeben. Dadurch könnten Sparer, die bereits unter den Niedrigzinsen der EZB leiden, noch mehr in Mitleidenschaft gezogen werden.

Strafzins der EZB
In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der Europäischen Zentralbank Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Notenbank parken. Doch im Sommer 2012 senkten die Währungshüter den sogenannten Einlagezins zunächst auf null Prozent, im Juni 2014 gar auf minus 0,1 und drei Monate später auf minus 0,2 Prozent. Im Dezember 2015 verschärften die Währungshüter den Einlagenzins auf minus 0,3 Prozent. Kreditinstitute müssen nun Strafzinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB bunkern. Die Notenbank will erreichen, dass Geschäftsbanken das viele billige Geld, das die EZB ihnen zur Verfügung stellt, an Unternehmen und Verbraucher weiterreichen, damit es in Investitionen und Konsum fließt. Das soll die Konjunktur anschieben und den Preisauftrieb verstärken.

Ab Juni wird die EZB den Banken im Euroraum weitere zielgerichtete Langfristkredite mit vier Jahren Laufzeit anbieten (TLTRO) - mit negativen Zinsen. Zuletzt war die Nachfrage nach solchen Krediten verhalten.

Bislang kommt das viele billige Zentralbankgeld nicht im gewünschten Maß in der Wirtschaft an. Die Konjunktur im Euroraum erholt sich nur schleppend, die Inflation ist nach wie vor im Keller. In Deutschland drückte der erneute Absturz der Ölpreise die jährliche Teuerungsrate im Februar nach vorläufigen Zahlen auf Null. Im Euroraum fielen die Verbraucherpreise in dem Monat erstmals seit einem halben Jahr sogar wieder: Die Inflationsrate ging auf minus 0,2 Prozent zurück.

Das viele billige Geld soll auch die Inflation anheizen. Denn dauerhaft niedrige oder gar sinkende Preise gelten als Risiko für die Konjunktur. Unternehmen und Verbraucher könnten Anschaffungen aufschieben weil sie erwarten, dass es bald noch billiger wird. Die EZB strebt daher mittelfristig eine Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent an - weit genug entfernt von der Nullmarke.

 

Minuszinsen und Geldschwemme: Folgen für Verbraucher

Lernensversicherungen

Sie leiden ohnehin seit geraumer Zeit unter den Niedrigzinsen und werfen immer weniger ab. Jetzt kommen noch die Negativzinsen hinzu. Von institutionellen Investoren wie Versicherungen und Pensionsfonds „muss die Parkgebühr mit bezahlt werden, das können wir nicht drauflegen“, sagt der geschäftsführende Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen, Gerhard Grandke. Das Problem der Lebensversicherer: Sie legen das Geld ihrer Kunden vor allem in Staatsanleihen an, die als sicher gelten. Diese werfen wegen der EZB-Geldpolitik aber kaum noch oder gar nichts mehr ab. Versicherern fällt es immer schwerer, hohe Garantieversprechen der Vergangenheit zu erwirtschaften. Die laufende Verzinsung aus Garantiezins und Überschussbeteiligung sinkt daher im Schnitt.

Gesundheitsfonds

Der Fonds, der die Gelder für die gesetzlichen Krankenkassen einsammelt und an sie verteilt, musste im vergangenen Jahr rund 1,8 Millionen Euro Strafzinsen zahlen. Dadurch schmilzt die Liquiditätsreserve von rund 10 Milliarden Euro aber zunächst nur etwas ab, wie ein Sprecher des Bundesversicherungsamtes erläutert.

Das habe unmittelbar aber keine Folgen für die Höhe der Zusatzbeiträge, die Versicherte zahlen müssen.

Krankenkassen

Negativzinsen seien derzeit kein Problem, heißt es beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. Falls ein Finanzhaus Strafzinsen ankündige, würden die Kassen die Bank wechseln. Auch beim Verband der Privaten Krankenversicherung gibt man sich gelassen: Eine Negativverzinsung gebe es vielleicht bei einzelnen Anbietern als durchlaufenden Posten. Im Schnitt erwirtschafteten die Privaten aber eine Nettoverzinsung von mehr als 3,5 Prozent: „Versicherte müssen also keine höheren Beiträge in Folge von Negativzinsen befürchten.“ BANKGEBÜHREN/DISPOZINSEN: „Wir werden versuchen, das Thema Negativzinsen unseren Privatkunden nicht zuzumuten“, sagt der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Uwe Fröhlich. Allerdings könnten Geldhäuser gezwungen sein, an der Gebührenschraube zu drehen. „Jeder muss in seiner Bank überlegen, wie er über Konditionengestaltung gegen die Ertragsverluste anarbeitet, die ohne Zweifel da sind.“ Finanzexpertin Dorothea Mohn vom Verbraucherzentrale Bundesverband geht davon aus, „dass Banken schauen, wo sie heute Geld verdienen können, weil ein Teil ihrer Einnahmen wegbricht.“ Aus ihrer Sicht könnte ein Zusammenhang mit den von Verbraucherschützern als überhöht kritisierten Dispozinsen bestehen.

Tagesgeld, Sparbuch & Co.

Die Lieblinge vieler Sparer in Deutschland werfen schon seit geraumer Zeit kaum noch etwas ab. „Generell ist die Zinspolitik für Verbraucher, die überwiegend in sichere Anlageprodukte investieren, kritisch“, sagt Finanzexpertin Mohn. „Die Niedrigzinsphase müsste Anlass sein, über die Verteilung der Ersparnisse nachzudenken und zum Beispiel mehr in Aktien zu investieren.“ KREDITE: Häuslebauer und andere Kreditnehmer profitieren von den Niedrigzinsen - für sie wird es günstiger. Allerdings warnte der Chef der Deutschen Bank, John Cryan, jüngst: Wenn die Zinsen negativer würden, müssten Banken höhere Zinsen für Kredite fordern.

>> Lernspiel: Welche Auswirkungen hat die Inflation auf die Wirtschaft

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