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79. Internationale Grüne Woche : „Es wird keine Preisexplosion geben“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Deutsche Bauernverband startet mit verhaltener Zuversicht ins neue Jahr – Präsident Joachim Rukwied erklärt die Hintergründe

svz.de von
erstellt am 13.Jan.2014 | 00:33 Uhr

Am Freitag beginnt die 79. Internationale Grüne Woche in Berlin. Im Vorfeld der zehntägigen Messe gab es in den vergangenen Tagen wieder viel Diskussionsstoff. Unser Berlin-Korrespondent Rasmus Buchsteiner sprach mit dem Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, unter anderem über den Einsatz von Antibiotika in Ställen, das Konsumverhalten der Deutschen und die Entwicklung der Lebensmittelpreise in den nächsten Jahren.

 

Umwelt- und Naturschützer warnen vor den Folgen eines wachsenden Fleischhungers in der Welt. Übertriebene Horrorszenarien oder ist es Zeit, Konsumgewohnheiten zu überdenken?
Rukwied: Es ist absurd, von Deutschland aus Menschen in anderen Teilen der Welt gute Ratschläge geben oder etwas vorzuschreiben zu wollen. Die weltweite Nachfrage wächst, weil sich immer mehr Menschen Fleisch leisten können. Daran kann ich nichts Schlechtes erkennen.
370 Millionen Tiere werden jährlich in Deutschland geschlachtet, jeder Deutsche verzehrt im Schnitt 60 Kilogramm Fleisch. Ist das zuviel?
Unsere Verbraucher sind mündig. Sie sollen selbst entscheiden, ob sie gerade Lust auf Steak, auf Gemüse oder Obst haben. Wir brauchen keine selbsternannten Gutmenschen, die uns auch noch den Speisezettel diktieren wollen.
Der Einsatz von Antibiotika und der Bau von immer größeren Ställen sorgen immer wieder für Debatten. Sind Sie sicher, dass die Verbraucher für bessere Haltungsbedingungen von Schlachttieren auch bereit sind, mehr zu zahlen?
Das wünsche ich mir! Wir machen jetzt den Versuch und haben uns bereit erklärt, auf freiwilliger Basis das Tierwohl noch weiter zu verbessern. Die notwendigen Mehrkosten müssen sich jedoch in einem höheren Preis widerspiegeln. Jetzt sind der Lebensmitteleinzelhandel und die Schlachtbranche am Zug. Wir wollen unsere „Initiative Tierwohl“ umsetzen. Ich hoffe, dass wir noch in diesem Jahr starten können.
Wie stark wird sich das Fleisch in der Kühltheke verteuern?
Der Preis für Fleisch ist von vielen Faktoren abhängig. Somit wäre eine Prognose nicht seriös.
Klassische Klein-Bauernhöfe verschwinden, die Betriebe werden immer größer - ist Deutschland auf dem Weg zu einer fast schon industrialisierten Landwirtschaft?
Die deutsche Landwirtschaft ist gekennzeichnet durch bäuerliche Familienunternehmen. Die Unternehmerfamilie trägt das wirtschaftliche Risiko. Unser Ehrenpräsident Gerd Sonnleitner ist mit gutem Grund UN-Sonderbotschafter für die Familienbetriebe in der Landwirtschaft geworden. Und zwar deshalb, weil die deutsche Landwirtschaft hierfür im internationalen Vergleich ein Paradebeispiel ist. Der Strukturwandel verlangsamt sich übrigens. Er liegt derzeit bei zirka zwei Prozent.
In Brandenburg ist in dieser Woche der erste BSE-Fall seit Jahren nachgewiesen worden. Kehrt die Seuche zurück nach Deutschland?
Wir nehmen diesen Fall sehr ernst, aber er beweist auch, dass die Kontrollen funktionieren. Mir ist wichtig festzuhalten: Für die Verbraucherinnen und Verbraucher besteht nach heutigem Wissensstand keine Gefahr. Wir haben bisher keine Hinweise auf weitere erkrankte Tiere. Es ist richtig, dass wir in Deutschland weiterhin alle Rinder ab einem Alter von acht Jahren auf BSE untersuchen, obwohl es in Europa keine Testpflicht mehr gibt.
Was haben die Bauern in Deutschland aus dem Lebens- und Futtermittelskandalen der Vergangenheit gelernt?
Zunächst möchte ich feststellen, dass die letzten drei großen Skandale ihre Ursache nicht in der Landwirtschaft hatten. Wir haben diese Missstände und die damit verbundene kriminelle Energie aufs Schärfste verurteilt. Der dann oft einsetzenden unberechtigten Kritik an unserer nachhaltigen Landwirtschaft wollen wir mit noch mehr Kommunikation begegnen.
Bei der Grünen Woche in Berlin geht es nun auch um die wirtschaftlichen Kennzahlen der Branche: Wird 2014 ein gutes Jahr für die deutschen Bauern?
Wir gehen mit verhaltener Zuversicht ins neue Jahr. Die Perspektiven für unsere Milchbauern sind im 1. Quartal gut, bei den Schweinehaltern und den Ackerbauern sieht es nicht so günstig aus.
Werden Lebensmittel in diesem Jahr deutlich teurer?
Ich kann die Verbraucher beruhigen. Es wird keine Preisexplosionen geben. Jahrelang sind die Lebensmittelpreise Inflationsbremse gewesen. Im vergangenen Jahr jedoch lagen sie über der Teuerungsrate.
Die Große Koalition treibt den Mindestlohn voran. Gehen die Bauern dagegen auf die Barrikaden?
Wir haben in der Landwirtschaft schon einen von den Tarifpartnern verhandelten Mindestlohn. Da sind die Bedürfnisse der Branche berücksichtigt. Laut Tarifvertrag wird dieser Mindestlohn im Jahr 2018 8,50 Euro erreichen. Wir halten nichts von flächendeckenden Mindestlöhnen. Es darf nicht dazu kommen, dass die Tarifautonomie ausgehebelt wird.
Der neue Landwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich (CSU) ist bisher nicht gerade als Agrar-Spezialist in Erscheinung getreten. Ein Nachteil?
Herr Friedrich ist ein Polit-Profi. Er bringt jede Menge Erfahrung für schwierigere Verhandlungssituationen mit und kennt die Sorgen der Bauern.
Es gibt viele Ausnahmen und Sonderregelungen – sind die Deutschen bei der EU-Agrarreform unterm Strich nicht ganz gut weggekommen?
So kann man das nicht sagen. Bei den Direktzahlungen verlieren wir viel Geld. Für uns ist jetzt entscheidend, wie die Regeln für die nationale Umsetzung des „Greening“ ausgestaltet werden. Es darf nicht dazu kommen, dass es angesichts der steigenden Nachfrage nach Nahrung zu massiven Flächenstilllegungen kommt. Bund und Länder müssen deshalb ein produktionsintegriertes „Greening“ umsetzen.

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