Wirtschaft : Einwanderer als Jobmotor

Computer statt Gastronomie: Der türkischstämmige Unternehmer Eyüp Aramaz arbeitet in der Start-up-Szene.
Computer statt Gastronomie: Der türkischstämmige Unternehmer Eyüp Aramaz arbeitet in der Start-up-Szene.

Studie zu Migranten-Unternehmen: Menschen nichtdeutscher Herkunft schaffen immer mehr Stellen

svz.de von
12. August 2016, 12:00 Uhr

„Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln“, ätzte Thilo Sarrazin, Berlins früherer Finanzsenator und Publizist, im Herbst 2009 über die größten Migrantengruppen der Hauptstadt. Eine Studie, gestern von der Bertelsmann Stiftung veröffentlicht, widerlegt derartige Klischees.

Die Untersuchung der Wissenschaftler aus Gütersloh zeigt, dass Menschen nichtdeutscher Herkunft zunehmend Unternehmen gründen und dabei eine wachsende Zahl von Arbeitsplätzen schaffen. Demnach sind die von Selbstständigen mit Migrationshintergrund erzeugten Stellen zwischen 2005 und 2014 um mehr als ein Drittel gestiegen. Damals waren es 947 000 Arbeitsplätze, neun Jahre später bereits 1,3 Millionen. Das sei umso bemerkenswerter, weil der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland in demselben Zeitraum nur um knapp neun Prozent gewachsen sei, konstatieren die Experten der Bertelsmann Stiftung.

„Unternehmer mit ausländischen Wurzeln sind ein Jobmotor für Deutschland. Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten nicht nur als Alleinunternehmer, sondern schaffen auch Arbeitsplätze und ermöglichen vielen Menschen so eine Chance zur Teilhabe am Arbeitsmarkt", so Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung. Demnach haben hierzulande zwei Millionen Menschen dank Unternehmern mit ausländischen Wurzeln einen Job.

Aber nicht nur die Zahl von Unternehmern mit Migrationshintergrund ist gestiegen, sondern auch die Art der Unternehmen, die gegründet werden, hat sich gewandelt. Somit sind das inzwischen weniger 24-Stunden-Shops und Dönerbuden, sondern fast die Hälfte der Selbstständigen mit Zuwanderungsgeschichte (48 Prozent) ist mittlerweile im Dienstleistungsbereich außerhalb von Handel und Gastronomie tätig. Handel und Gastgewerbe machen nur noch 28 Prozent aus, ein Rückgang um zehn Prozent im Vergleich zu 2005. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil des produzierenden Gewerbes: Jeder fünfte Selbstständige mit Migrationshintergrund ist demnach in der Baubranche oder im verarbeitenden Gewerbe tätig.

Welchen Beitrag Migrantenunternehmer für den Arbeitsmarkt liefern, ist allerdings regional sehr unterschiedlich. Die Zahl der Arbeitsplätze durch Unternehmer mit Migrationshintergrund stieg besonders in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Berlin. Demnach hat sich Thilo Sarrazin mit seiner Prognose für die Hauptstadt-Migranten, dass „sich vermutlich keine Perspektive entwickeln wird“, kräftig getäuscht.

Das bestätigen auch die Erfahrungen des Industrie- und Handelskammertages. „Wir rechnen damit, dass durch Gründer mit Migrationshintergrund in diesem Jahr rund 40 000 Stellen geschaffen werden“, sagte Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages gestern unserer Berliner Redaktion. „Das ist ein Hoffnungsschimmer, denn insgesamt gesehen geht die Zahl der Existenzgründungen seit Jahren zurück und befindet sich mittlerweile auf einem Rekordtief."

Trotz des Unternehmergeistes der Migranten stehen sie unterm Strich in Sachen Einkommen aber noch immer deutlich schlechter da, als die Unternehmer ohne Zuwanderungsgeschichte, wie die Wissenschaftler aus Gütersloh belegen: Zuwanderer und ihre Nachkommen verdienen demnach im Schnitt 30 Prozent weniger als Menschen ohne Zuwanderungsgeschichte. Ursache ist nach Einschätzung der Experten das durchschnittlich geringere Bildungsniveau.

„Gerade beim Vordringen in die ertragreicheren Branchen beginnt die Aufholjagd von Zuwanderern erst jetzt“, sagt Studienleiter Carcia Schmidt. Bildung sei hier der entscheidende Schlüssel. Schaut man auf die Selbstständigenquote von Zuwanderern in den einzelnen Bundesländern, zeigt sich: Je besser die Ausbildung, desto höher die Zahl von selbstständigen Migranten.

Kommentar: Gegen den Trend
Migranten haben einen überdurchschnittlich ausgeprägten Unternehmergeist. Das zeigt die Bertelsmann-Studie und das sagen Wirtschaftsexperten. Bürger mit ausländischen Wurzeln schaffen damit rund zwei Millionen Jobs. Und zwar nicht irgendwelche, nicht nur in Dönerbuden oder Handy-Shops. Sondern auch in Bereichen jenseits des Niedriglohnsektors. Gut ausgebildete, hochqualifizierte Migranten haben unzählige Firmen gegründet und zwar gegen den Trend. Wer es als Migrant schafft, aus der Not eine Tugend zu machen, lebt gelungene Integration. Die neuen Zahlen sind eine gute Nachricht für Deutschland als Zuwanderungsland.
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