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Schlecker-Pleite : „Ein wenig Genugtuung“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Verdi-Vertreter Ulrich Dalibor über die Anklage gegen Anton Schlecker, die Riesenpleite und die Reaktion der früheren Beschäftigten

svz.de von
erstellt am 15.Apr.2016 | 06:30 Uhr

Anklage gegen Anton Schlecker und weitere Mitglieder der Familie: Es soll vor der Pleite des Unternehmens Geld beiseite geschafft worden sein. Mit Ulrich Dalibor, Bundesfachgruppenleiter Einzelhandel bei Verdi, sprach Rasmus Buchsteiner.


Kommen die Vorwürfe für Sie überraschend?

Dalibor: Die Vorwürfe kommen nicht überraschend. Sie standen ja bereits seit längerer Zeit im Raum. Wir begrüßen, dass es nun zur Anklageerhebung kommt. Das Ehepaar Schlecker geht ja übrigens vorbestraft in das Verfahren. Es wurde bereits 1998 wegen Betrugs verurteilt, weil die Schleckers Beschäftigte um ihre Tarifansprüche gebracht hatten. Allerdings ändert die aktuelle Anklage an der realen Lage der Beschäftigten nichts mehr.


Mit dem Wissen von heute: Hätten die Pleite des Konzerns und die Massenentlassungen abgewendet werden können?

Dazu kann man nachträglich kein seriöses Urteil abgeben. Das Problem war und ist aber unter anderem, dass eingetragene Kaufleute bis heute ohne jegliche Transparenz und Kontrolle ihre Geschäfte führen können. Sie müssen keinerlei Bilanzen offen legen. Es ist bitter, dass die Politik daraus keine Konsequenzen gezogen hat. Die Politik hat die Schlecker-Beschäftigten, vor allem Frauen, zudem damals im Stich gelassen, als es um die Gründung einer Transfergesellschaft ging. Bei Opel, also als es um Industriearbeitsplätze vor allem männlicher Facharbeiter ging, war hingegen solch eine Gesellschaft möglich.


Wie reagieren die früheren Schlecker-Beschäftigten auf die neuen Nachrichten?

Ich kann nur vermuten, dass einige vielleicht ein wenig Genugtuung verspüren. Aber an ihren realen Problemen ändert das nichts. Die Bundesagentur hat Ende März 2013 das Monitoring eingestellt, was aus den Beschäftigten wurde. Bis dahin hatte nur rund die Hälfte der ehemaligen Schlecker-Beschäftigten eine neue Stelle gefunden oder sich selbstständig gemacht. Und so, wie die Situation im Einzelhandel ist, bedeutet das für viele Beschäftigte finanziell eine deutliche Schlechterstellung, weil etliche Unternehmen nicht tarifgebunden sind.


Können ehemalige Arbeitnehmer der Drogeriekette jetzt noch Ansprüche gegen die Familie Schlecker geltend machen?

Das muss man leider skeptisch sehen. Selbst wenn man seine Abfindung eingeklagt hat, ist es aus wirtschaftlichen Gründen kaum möglich, das Geld auch zu bekommen. Zu viele große Gläubiger stehen vor den Beschäftigten in der Reihe, um zuerst mögliche Gelder zu erhalten.
 

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