Landwirtschaft : Die neuen Jägerinnen

Auf der Jagd: Die 28-jährige Anna Lena Kaufmann
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Auf der Jagd: Die 28-jährige Anna Lena Kaufmann

Immer mehr junge Frauen gehen zur Jagd: Sie versprechen sich von ihrem Hobby Nachhaltigkeit, Entspannung und gutes Fleisch.

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01. Mai 2017, 05:00 Uhr

Der Lieblingsort von Anna Lena Kaufmann ist ein Hochsitz über einem plätschernden Bach, von oben streift der Blick über den Rand des Sachsenwaldes bei Hamburg. Hier macht sie die Augen zu und lauscht dem Vogelzwitschern, wenn stundenlang kein Reh zu sehen ist. „Das Revier ist mein Ruhepol“, sagt die 28-Jährige, deren Familie im schleswig-holsteinischen Wohltorf ein 166 Hektar großes Jagdrevier pachtet und eine Pferdepension besitzt. Einen tödlichen Schuss gibt Anna Lena selten ab. „Ich erlebe schöne Momente hier, und die möchte ich oft nicht zerstören, auch wenn ich die Chance hätte, ein Tier zu erlegen.“ Ab und zu schießt sie dennoch eines ab, um es zu verwerten oder von einer Krankheit zu erlösen.

An ihrem Jagdhut hängt eine Erpellocke vom ersten erlegten Stockentenerpel. Sie trägt einen dunkelgrünen Parka, darunter eine Bluse mit Wildenten-Muster. In der Hand das alte Fernglas ihres Vaters. Zu Hause hat sie mehrere Waffen, gerade lässt sie sich ein leichtes Damengewehr für die Sommerpirsch anfertigen. Für Jagdzeitschriften testet sie regelmäßig Waffen und Kleidung.

Die Schleswig-Holsteinerin gehört zu den gut 30.000 Jägerinnen in Deutschland. Vor 20 Jahren waren nur ein Prozent der Jagdscheininhaber Frauen. Derzeit sind es laut Deutschem Jagdverband schon zehn Prozent. In den Vorbereitungskursen zur Jägerprüfung sitzen bereits 20 Prozent Frauen – viele von ihnen um die 20 Jahre alt, sehr selbstbewusst und modeaffin.

Auf der Jagd:  Alena Steinbach will ihr Fleisch selbst erlegen.
Auf der Jagd: Alena Steinbach will ihr Fleisch selbst erlegen.
 

Anna Lena ist die erste Frau in der Familie, die jagt, obwohl die Familie schon seit fünf Generationen diesem Handwerk nachgeht. Opa und Vater begleitete sie schon als Kind auf der Pirsch. Ihr Vater sei erstaunt gewesen, als sie 2009 ihren Jagdschein gemacht habe. „Er sah in mir vorrangig das Pferdemädchen“, sagt die Journalistin. Von älteren Männern wurde sie am Anfang auf Jagdmessen nicht für voll genommen. „Die dachten, ich wäre eine Hostess, aber keine passionierte Jägerin.“

Zu Hause bei ihr hängen Trophäen an der Wand. Felle von Wildschweinen liegen auf dem Boden. Aus dem Balg von Füchsen lässt sie sich Schals und Kragen machen. Was militanten Fellgegnern ein Dorn im Auge ist, ist für sie ganz natürlich. „Warum soll es verwerflich sein, den Pelz eines Fuchses zu tragen, den wir aus Artenschutzgründen erlegt haben? Das ist nachhaltig, denn kein Tier stirbt umsonst“, sagt Anna Lena.

Auf dem Grill brutzelt ihr Mann Benjamin hausgemachte Burger aus hundert Prozent Wildschweinfleisch vom eigenen Revier. Die beiden heirateten vor fünf Jahren. Zwei Jahre nach Anna machte auch er seinen Jagdschein. Frühe Heirat, Landleben, was ungewöhnlich konservativ für eine Endzwanzigerin erscheint, ist unter Jägerinnen nicht unüblich. Wer zur Jagd geht, lebt oft traditionelle Werte: Drei Viertel aller Jäger sind verheiratet, in der Gesamtbevölkerung sind es nur 55 Prozent. Mit einem Nichtjäger zusammen zu sein, kann sich Anna Lena kaum vorstellen. Denn es erfordere schon sehr viel Verständnis, wenn der Partner statt im Bett bei Vollmond auf dem Hochsitz nach Wildschweinen Ausschau halte.

Auf der Jagd: Martje Meyer.
Auf der Jagd: Martje Meyer.
 

Die neue Generation von Jägerinnen wie Anna Lena ist internetaffin und extrem vernetzt. Es gibt Facebook-Gruppen und Single-Börsen für Jägerinnen, Internetforen, die Jägerinnen Niedersachsen, Jägerinnen vereinigt euch, eine Miss Jägerinnen-Wahl. Man trifft sich auf dem Schießstand, lädt Freundinnen zur Gesellschaftsjagd ein und beobachtet gemeinsam Greifvögel. Den Trend zur weiblichen Jagdlust haben Ausrüster und Waffenindustrie erkannt. Sie produzieren extra-leichte Lady-Gewehre in elegantem Nussbaum, verkaufen figurbetonte Jacken in Camouflage-Optik und „Hot Pink“. Jagdaccessoires wie Hornketten, Fasanfeder-Hütchen und Halstücher mit Hirschen und Füchsen erfreuen sich unter den jungen Jägerinnen großer Beliebtheit.

Auf Instagram posieren die jungen Frauen mit Gewehr, ihrem Hund, dem erlegten Reh, dazwischen immer wieder Sonnenuntergänge, Wanderungen im Maisfeld und Ausritt im Wald. Sie zeigen in Youtube-Videos, was alles in einen gut gepackten Jagdrucksack gehört oder wie man ein Tier in kurzer Zeit zerlegt. „Die Mädchen sind stolz darauf, Jägerinnen zu sein, und das wollen sie auch zeigen“, sagt Anna Lena.

Die Jungjägerin Martje Meyer teilt ihre Eindrücke und Erfahrungen seit Juni 2014 in ihrem Blog „Jagd ist Leidenschaft“. Die 20-Jährige studiert Forstwissenschaften in Göttingen und fährt am Wochenende raus ins Umland. „Ich habe Freude an der Natur, freue mich aber auch, wenn ich mit einem Reh nach Hause komme und dann mit Freunden Rehfilet essen kann“, sagt die Neumünsteranerin, die über ihren jagenden Vater zu diesem Hobby gekommen ist. „Mein Leben hat sich durch die Jagd komplett verändert.“ Anstatt zu Partys geht sie lieber in den Wald. Einen Geweih-Ring am Finger, und das Messer mit pinkem Griff immer dabei. Ihre pinken Ohrenschützer setzt sie am Schießstand auf. „Schießen macht Spaß“, sagt sie. In der kühlen Jahreszeit hat sie Thermowäsche und Zehenwärmer an, sie trägt gern schicke Schals und Camouflage. „Die Kleidung muss praktisch sein, aber ich möchte auch gut aussehen und mich wohlfühlen“, sagt Martje Meyer.

Viele Frauen kommen über ihre Hunde zur Jagd. Wenn es ein Jagdhund ist, wollen sie ihn artgerecht beschäftigen. Auch ein Umdenken der Ernährung kann Auslöser sein. Eine bewusste, nachhaltige Ernährung war für Alena Steinbach der Grund, mit dem Jagen anzufangen. Die Herausgeberin des Onlinemagazins „Wir jagen“ geht dem Hobby seit ihrem 18. Lebensjahr nach. Vorher lebte die gebürtige Hamburgerin viele Jahre als Vegetarierin, lehnte Massentierhaltung ab. Später suchte sie nach einer Alternative zum Supermarktfleisch. „Ich beschloss, wenn ich Fleisch essen will, muss ich es zum einen selber töten können und auch wissen, wo es herkommt“, erinnert sich die 27-Jährige. Wenn sie ein Reh oder Wildschwein schieße, wisse sie, dass es vorher ein gutes Leben in seiner natürlichen Umgebung gehabt habe. „Ich habe dann ein gutes Gefühl, wenn ich das Fleisch esse.“ In ihrem Onlinemagazin stellt sie immer wieder Wildrezepte vor, weil sie auch Nicht-Jägerinnen vermitteln wolle, wie einfach es sei, mit Wildfleisch zu kochen. Zusammen mit ihrem Freund und zwei Jagdhunden sei sie „mit Herzblut“ jede freie Minute im Revier. Da noch von Hobby zu sprechen sei absurd. „Das ist eine Lebenseinstellung“, sagt sie. Neuerdings zieht sie auch noch zwei Jagdhundewelpen groß.

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