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Wölfe in Deutschland : Die Dämonisierung des Raubtiers

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Aus der Onlineredaktion

Seit dem späten Mittelalter hatte der Wolf einen schlechten Stand – seine Rückkehr wird mit Argwohn betrachtet.

svz.de von
erstellt am 31.Aug.2017 | 20:45 Uhr

Als „Rückkehr eines lang Weggewesenen“ beschreibt Vanessa Ludwig, Projektleiterin des „Kontaktbüro Wölfe in Sachsen“, die Geschichte des Wolfes in Deutschland. Zwar war der Wolf (lat. canis lupus) nie komplett ausgerottet, ab Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch war er als sogenanntes Standwild verschwunden. Vereinzelt konnte man Tiere antreffen, aber sesshaft waren sie in Deutschland nicht mehr.

Seit dem späten Mittelalter hatte der Wolf einen schlechten Stand: Die Menschen nahmen ihn zusehends als Konkurrenten wahr, der ihre Nutz- und auch Wildtiere angriff und ihre Existenz gefährdete. Durch regelrechte Ausrottungskampagnen, die immer erfolgreicher wurden, dezimierte sich die Zahl der Wölfe. Indem die Kirche dem heidnischen Glauben den Kampf ansagte, wo der Wolf eine an sich neutrale Rolle spielte, trug sie mit zur Dämonisierung des Wildtieres bei.

Ende des 19. Jahrhunderts war der Wolf nicht mehr präsent, wenngleich einzelne Wölfe zum Beispiel aus Polen einwanderten. Die meisten von ihnen wurden geschossen. 1980 stellte die BRD den Wolf unter Schutz. Ende der 90er Jahre hielt sich das erste Paar in Deutschland auf, im Jahr 2000 wurde der erste Wolfsnachwuchs und damit das erste Rudel bestätigt. Im letzten Wolfsjahr vom 1. Mai 2015 bis 30. April 2016 wurden vier Einzeltiere, 22 Paare und 47 Rudel gezählt. Die Wölfe leben in insgesamt 73 Territorien, die meisten davon befinden sich in Brandenburg (25) und Sachsen (20). Ein Rudel besteht aus im Durchschnitt fünf bis zehn Wölfen. Die Jungtiere ziehen meist im Alter von 1 bis 2 Jahren weiter in noch unbesiedelte Gegenden.

Wolf und Mensch: Ist eine friedliche Koexistenz möglich?

Mit einem gemeinsamen Eckpunktepapier zum Thema „Weidetierhaltung und Wolf in Deutschland“ haben Vertreter von Umwelt- und Naturschutzverbänden sowie der Weidetierhalter die Einrichtung eines nationalen Herdenschutzzentrums angemahnt. Das vom Natuschutzbund Nabu, dem Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND), dem Bundesverband der Berufsschäfer, dem Deutschen Grünlandverband, dem ökologischen Jagdverband und weiteren Organisationen gestern beschlossene Papier nennt die „Prävention und Kompensation von Wolfsübergriffen auf Weidetiere eine zentrale Aufgabe des Wolfsmanagements.“ Schäfer sollten schnell und unbürokratisch einen Schadensausgleich erhalten, wenn ein Wolf ihre Herde angreife, forderten die Verbände. Ein Abschuss von Wölfen sollte nur in Einzelfällen geschehen. Staatliche Zuschüsse sollten alle „wolfsbezogenen Investitions- und Erhaltungskosten“ abfangen, einschließlich der damit verbundenen Arbeitskosten. „Wir als Nabu sind überzeigt: Koexistenz von Wolf und Weidehaltung ist möglich“, so der Präsident des Nabu, Olaf Tschimpke. Zudem forderte die Vizepräsidentin des Deutschen Tierschutzbundes, Renate Seidel, eine Änderung der bundesweiten Tierschutz-Hunde-Verordnung für Herdenschutzhunde:  So verbiete die Verordnung gegenwärtig die Haltung von Hunden in elektrisch eingezäunten Koppeln –  das widerspreche dem Herdenschutz.

In Brandenburg war das Papier der Naturschutzverbände indes schon vor seiner Veröffentlichung in die Kritik geraten. So warf der Geschäftsführer des mittelständischen Bauernbunds, Reinhard Jung, den Autoren des Papiers vor, „nicht einmal ein Promille der betroffenen Weidetierhalter“ zu vertreten.  Dass sich etwa der Altlandsberger Schäfer Kurt Kucznik an der Erstellung des Papiers beteiligte, hänge damit zusammen, dass er von der Zucht von Herdenschutzhunden wirtschaftlich profitiere. In der Vergangenheit hatten der Brandenburgische Schafzuchtverband und  der Bauernbund beim Thema Wolf indes eng zusammengearbeitet. Im Unterschied zu dem aktuellen Papier war Jung allerdings stets für radikale Lösungen eingetreten: Vor dem letzten Wolfsplenum der Landesregierung hatte er sich etwa dafür eingesetzt, Wölfe zu schießen, sobald sie sich auf mehr als 1000 Metern einer Viehweide nähern. Solche Positionen vertraten die Autoren des jüngsten Wolfpapieres gestern nicht: „Die Variante, Tiere auszurotten und zu dezimieren, ist in Europa nicht sonderlich gelungen – man denke nur an Waschbären und Wildschweine“, sagte Kucznik. „Wenn ich daran denke, dass mir jetzt ein Jäger beim Schutz der Herden helfen soll, wird mir Angst und Bange – da baue ich lieber auf meine Herdenschutzhunde.“

Der Geschäftsführer des Forums Natur Brandenburg, Gregor Beyer, erklärte auf Nachfrage, niemand wolle „eine unkontrollierte Bejagung des Wolfs“. Es müsse aber eine ehrliche Antwort auf die Frage nach dem Erhaltungszustand der Wolfspopulationen gegeben werden. Wenn der günstige Erhaltungszustand des Wolfs gegeben sei, böte sich „das bewährte rechtliche Instrumentarium des Jagdgesetzes für ein aktives Wolfsmanagement an“, so Beyer. „Wenn dieses mit ausreichenden Mitteln für den Herdenschutz flankiert wird, so wäre das eine Lösung, mit der alle leben können müssten.“

Benjamin Lassiwe

 

Nahm die Besiedelung der Wölfe in den vergangenen Jahren rasant an Fahrt auf, wird die Entwicklung wieder abflachen, sobald die Wölfe alle verfügbaren Plätze besiedelt haben und das Futter weniger wird.

Im Durchschnitt besiedelt ein Rudel 200 Quadratkilometer, eine Fläche etwas kleiner als das Stadtgebiet von Frankfurt am Main. Zwar kann sich der Wolf flexibel an seine Umgebung anpassen und findet sich gemeinhin auch in Kulturlandschaften mit bewaldeten Teilstücken und Agrarflächen zurecht, doch er braucht auch Rückzugsorte und freie Territorien.

Der Wolf ist im Wald Gegenspieler zu wildlebenden Huftieren. Durch sein Jagd- und Fressverhalten gibt es weniger Verbiss von jungen Trieben im Wald; junge Bäume können nachwachsen. Der Wolf sucht sich immer die leichteste Beute: junge Tiere, aber auch kranke und schwache. Er sorgt somit dafür, dass Fresskonkurrenten wegfallen und der Wildbestand gesund bleibt.

Heutzutage sind die Wildbestände so hoch, dass es trotzdem Jäger zur Pflege braucht, wenngleich in einzelnen Gebieten der Mensch den Wolf als Konkurrent wahrnimmt. In jedem Fall macht die Wolfs-Anwesenheit die Jagd anspruchsvoller, weil sich Wildtiere nicht mehr so häufig an derselben Stelle zeigen.

In letzter Zeit beklagen Landwirte in ganz Deutschland immer häufiger Nutztierrisse durch Wölfe. Deshalb ist es wichtig, es dem Wolf möglichst schwerzumachen, an Weide- und Nutztiere zu kommen. Denn ist der Zaun zu niedrig, der Wassergraben offen oder sind die Schafe angekettet, ist ein Angriff verhältnismäßig leicht. Erst wenn verschiedene Maßnahmen nichts nützen, kann es im Einzelfall unumgänglich sein, den Wolf zum Abschuss freizugeben.

Normalerweise stellt der Wolf keine Gefahr für den Menschen dar, weil sich das wilde Tier nicht für sie interessiert – es sei denn, der Wolf wird angefüttert oder Schlachtabfälle werden im Wald abgeladen. Begegnet man beim Spazierengehen im Wald doch einmal einem Wolf, sollte man Ruhe bewahren. Selten entfernt sich das Tier dann sofort, sondern sondiert erst einmal die Lage und tritt dann langsam davon. Fühlt man sich unwohl, kann man den Abstand langsam vergrößern und dem Wolf durch lautes Klatschen und Rufe signalisieren: Du bist mir zu nah!

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