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Überstunden : Deutsche arbeiten länger

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

EU-Statistik: In keinem anderen Land werden so viele Überstunden geleistet

svz.de von
erstellt am 09.Sep.2014 | 07:54 Uhr

Wenn ein deutscher Arbeitnehmer erst einmal so richtig anpackt, lässt er sich auch nicht vom bevorstehenden Dienstschluss bremsen. Zwar gelten die Bundesbürger nach wie vor nicht gerade als die Arbeitspferde der EU. Mit 1659 Arbeitsstunden im Jahr werden sie locker von anderen wie den Griechen – 157 Stunden mehr – übertroffen. Doch bei den Überstunden macht den hiesigen Beschäftigten in Büro und an der Werkbank so leicht keiner etwas nach.

Brüssels Sozialkommissar László Andor war es, der am Wochenende eher beiläufig auf eine neue Statistik der eigenen Behörde verwies: „In keinem Land der Euro-Zone gibt es einen so großen Unterschied zwischen der tarifvertraglich vereinbarten und der tatsächlichen Wochenarbeitszeit wie in Deutschland“, stellte er in einem Interview fest. Tatsächlich vereinbarten die bundesdeutschen Tarifparteien eine wöchentliche Arbeitszeit von im Schnitt 37,7 Stunden. In Wirklichkeit aber sind Beamte, Krankenschwestern, Büro-Kaufleute und alle anderen 40,5 Stunden im Dienst. Das ist deutlich mehr als der europäische Schnitt von 39,7 Stunden.

Doch diese Nachricht gehört keineswegs in die Reihe der stolzen Meldungen des gestrigen Tages – wie beispielsweise der neue Exportrekord. Denn die Arbeitnehmer bekommen ihren Fleiß nicht angemessen vergütet. Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung fand heraus, dass jeder Erwerbstätige im zweiten Quartal 2014 fünf bezahlte, aber 6,9 unbezahlte Überstunden leistete. In der Mehrzahl war die Mehrarbeit unfreiwillig und Ergebnis des wachsenden Drucks im Job.

Bei einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) im Frühjahr begründeten 61 Prozent der 5800 Befragten die längere Zeit im Büro mit dem Gefühl, das Arbeitspensum nicht schaffen zu können, wenn sie nicht länger bleiben. Zwei Drittel gaben an, dass die Belastungen innerhalb der vergangenen zwölf Monate deutlich gewachsen seien. Mehr als die Hälfte sagte, sie fühle sich ständig „unter Druck und gehetzt“. Kein Wunder, dass in Berlin inzwischen eine heftige Diskussion um die Frage entbrannt ist, ob ein Arbeitnehmer ständig erreichbar sein muss. Oder ob der Gesetzgeber mit seinen Mitteln etwas tun solle, um dem Burn-Out vorzubeugen.

In Brüssel sieht man diese Diskussion mit dem Abstand einer EU-Behörde. „Wichtig ist, dass das Land wettbewerbsfähig ist und dass die Vorgaben der Arbeitszeitrichtlinie eingehalten werden – das ist in Deutschland im Allgemeinen der Fall“, so Kommissar Andor. Die entsprechende Vorgabe aus Brüssel zieht den Schlussstrich bei 48 Stunden Wochenarbeitszeit. An die kommt derzeit kein Land heran.

Die Statistik sage über die tatsächliche Produktivität der Beschäftigten und ihrer Unternehmen jedoch nichts aus, heißt es dazu in Brüssel. Und es lässt auch keine Rückschlüsse darauf zu, wer laut Tarifvertrag weniger arbeiten müsste, aber de facto länger zu bleiben hat.


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