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Wirtschaft

24. November 2017 | 04:55 Uhr

Bildung : Der Schüler-Boom

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

„Enormer Handlungsdruck“: Anstieg der Schülerzahlen setzt Kultusminister unter Zugzwang. Wirbel um Studie.

Deutschland steuert auf einen neuen Schüler-Boom zu. Jahrelang waren Schulen geschlossen und immer weniger Lehrer eingestellt worden, die Finanzminister der Länder kalkulierten mit einer „demografischen Rendite“ – Einsparungen aufgrund sinkender Schülerzahlen. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung setzt die Kultusminister nun unter Zugzwang. Der Befund: Im Jahr 2025 werden 8,3 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland zur Schule gehen – rund 1,1 Millionen mehr als es laut offizieller Prognose der Kultusministerkonferenz wären. Folge: Milliarden-Investitionen werden notwendig, Zehntausende Lehrkräfte fehlen, Schulen müssen saniert oder neu gebaut werden. Die Bertelsmann-Stiftung beziffert die notwendigen Ausgaben für das Jahr 2030 auf 4,7 Milliarden Euro mehr im Vergleich zu heute.

Erstmals seit der Jahrtausendwende waren die Schülerzahlen 2015/2016 wieder gestiegen – um 0,3 Prozent. Bis 2025 dürften nach Bertelsmann-Schätzung rund vier Prozent mehr Kinder und Jugendliche die Schulbank drücken als heute, 2030 dann acht Prozent mehr. Die Entwicklung hängt vor allem mit zwei Faktoren zusammen: Zuwanderung durch Flüchtlinge und EU-Ausländer einerseits, gestiegene Geburtenzahlen andererseits. Schon jetzt beziffert die staatliche Förderbank KfW den Investitionsstau an Schulen auf 34 Milliarden Euro. Bis 2030 werden laut Studie 28 100 Klassen, 42 800 Vollzeit-Lehrkräfte und 2000 Grundschulen zusätzlich benötigt. „Mit diesem Schüler-Boom hat kaum jemand gerechnet. Jetzt besteht enormer Handlungsdruck“, so Jörg Dräger, Chef der Bertelsmann-Stiftung. „Viele Bundesländer müssen komplett umdenken.“

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Die Kultusminister wirken wie auf dem falschen Fuß erwischt. 2015 angesichts der Flüchtlingskrise hatten sie entschieden, ihre Prognosen vorerst einzustellen. Die Veröffentlichung neuer Zahlen ist erst für Mitte 2018 geplant, hieß es gestern bei der Kultusministerkonferenz.

Lehrerverbände und Gewerkschaften fordern ein rasches Umsteuern. „Es muss jetzt schnell gehandelt werden“, so Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Ohne mehr Geld für mehr Lehrkräfte, mehr Fachpersonal, Sanierung und Ausbau von Gebäuden könne das Problem nicht gelöst werden.“ Auch der Lehrerverband verlangt einen Kraftakt für mehr Investitionen. „Wir müssen in der Schulpolitik den Schalter umlegen und wieder Kapazitäten aufbauen“, erklärte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil gestern im Gespräch mit unserer Redaktion. Nur wenn das Kooperationsverbot im Grundgesetz falle, könne der Bund maßgeblich helfen, Schulen und Berufsschulen für die Zukunft fit zu machen.

Steuern die Länder bereits um? Aus den zuständigen Ministerien heißt es auf Anfrage unserer Redaktion, man habe die Entwicklung genau im Blick und passe die eigenen Prognosen regelmäßig an.

Kommentar von Rasmus Buchsteiner: Weckruf für Deutschland
Diese Studie ist ein Weckruf. Deutschlands Kultusminister sollten sie gründlich lesen und die notwendigen Konsequenzen ziehen. Dass die Bundesrepublik vor einem neuen Schüler-Boom steht, was vor allem mit gestiegener Zuwanderung und erfreulichen Geburtenzahlen zu tun hat, war bisher offenbar nicht ausreichend zu den Verantwortlichen in Ländern und Kommunen durchgedrungen. Umsteuern ist angesagt, nicht weiteres Zögern und Zaudern. Wenn sich die Bildungschancen von Deutschlands Kindern und Jugendlichen bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts nicht dramatisch verschlechtern sollen, sind kräftige Investitionen erforderlich. Angesichts des Kraftakts darf es keine Tabus mehr geben: Das Kooperationsverbot im Grundgesetz gehört schnell abgeschafft.
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