Pflanzenschutzmittel : „Das sind keine Frankenstein-Pflanzen!“

Das Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln wird von den meisten Menschen kritisch gesehen.
Das Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln wird von den meisten Menschen kritisch gesehen.

Pflanzenschutzmittel und grüne Gentechnik sind kein Fluch, sondern Segen, sagt Prof. Dr. Klaus Schlüter – und für die Ernährung der Menschheit unentbehrlich

svz.de von
15. Juli 2018, 05:00 Uhr

Herr Schlüter, viele Menschen haben Angst vor giftigen Pflanzenschutzmitteln. Zu Recht?

Nein, diese Angst ist absolut nicht begründet. Moderne Pflanzenschutzmittel generell als giftig und gefährlich darzustellen, ist falsch. Die allermeisten in der EU zugelassenen Wirkstoffe sind auch in konzentrierter Form für Mensch und Tier ungiftig. Damit hat sich die Situation in den letzten 30 Jahren grundlegend verändert, denn bis in die 1970er Jahre gab es sehr viele Pflanzenschutzmittel, die giftig waren; das haben wir heute nicht mehr.

Woher kommt dann diese Ablehnung?


Viele Menschen unterstellen eine hohe Giftigkeit, weil schon geringe Wirkstoffmengen ausreichen, um Schadorganismen abzutöten. Der Grund dafür ist aber die hochspezifische Wirkung. Pflanzenschutzmittel lassen sich somit mit modernen pharmazeutischen Wirkstoffen vergleichen, die ebenfalls in geringen Mengen wirken.

Die EU hat kürzlich drei Pflanzenschutzmittel, sogenannte Neonicotinoide, im Freiland verboten, weil sie offensichtlich Bienen schädigen. Das Verbot ist doch eine gute Nachricht – oder?


Bienenschäden als Folge vorschriftsmäßiger Anwendung hat es in der EU nicht gegeben. Die oft zitierten Schäden gegen Bienen waren auf eine missbräuchliche Anwendung durch einige Landwirte vor vielen Jahren zurückzuführen. Die EU hat sich aber zum Ziel gesetzt, Pflanzenschutzwirkstoffe nach dem absoluten Null-Risiko-Prinzip zu bewerten; das ist ziemlich realitätsfern. Jede pharmakologische Substanz wird von einem Risiko begleitet, das ist im Pflanzenschutz nicht anders! Mit den gerade verbotenen Neonicotinoiden wird das Saatgut vor der Aussaat behandelt – das ist die gezielteste und umweltfreundlichste Behandlung überhaupt.

Was passiert, wenn die nun wegfällt?

Die Landwirte werden mehrmals im Jahr großflächig andere Insektizide auf ihre Pflanzen spritzen, statt das Saatkorn mit geringsten Wirkstoffmengen im Vorfeld zu schützen. Das ist keine gute Entwicklung. Im Raps dürfen Neonicotinoide bereits seit zwei Jahren nicht mehr zur Saatgutbehandlung eingesetzt werden. Seitdem gibt es in Norddeutschland jedes Jahr erhebliche Ernteverluste. Die Folge: Der Rapsanbau, bei dem es keine Alternative zur Saatgutbehandlung gibt, geht rapide zurück– und damit auch die Lebensgrundlage für Bienen.

Ein weiterer Stoff, der in der Kritik steht, ist Glyphosat, ein Unkrautvernichter, der alle Pflanzen tötet. Es heißt, Glyphosat sei wahrscheinlich krebserregend, schwäche das Immunsystem von Tieren, töte Insekten und reichere sich in Boden und Gewässern an. Hört sich ziemlich schlimm an.


Glyphosat ist kein „Ultra-Pflanzengift“, wie oft behauptet wird. Wenn Blätter damit in Kontakt kommen, blockiert es hochspezifisch die Fotosynthese. Deshalb werden die Pflanzen erst leuchtend gelb und sterben dann ab. Bei Mensch und Tier gibt es jedoch keine Fotosynthese, deshalb ist dieser Stoff auch nicht giftig! Die oft zitierten schädlichen Effekte sind bis heute wissenschaftlich in keiner Weise bestätigt. Internationale toxikologische Institute haben seit Jahren geforscht und analysiert, und das BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) hat wiederholt zusammenfassende Stellungnahmen veröffentlicht. Danach sind die Vorwürfe nicht zu erhärten.

Was wäre die Folge, wenn Glyphosat verboten wird?


Es wird nicht mehr möglich sein, etwa nach der Ernte aufgelaufene Unkräuter und Ungräser durch eine gezielte Maßnahme zu vernichten, wenn eine pfluglose Bestellung erfolgen soll. Stattdessen sind mehrere mechanische Bearbeitungen nötig, die viel Kraftstoff verbrauchen, unnötig CO2 freisetzen und die Böden noch mehr verdichten.

Könnte man ohne Pflanzenschutzmittel auskommen?


Biolandbau ist die hohe Schule der Ackerwirtschaft und setzt hervorragende Kenntnisse voraus. Aber ohne Pflanzenschutzmittel treten hier immer wieder massive Ernteverluste auf. Außerdem nimmt die Flächenproduktivität ab. Ich sage meinen Studierenden: Wir müssen davon ausgehen, dass wir durch weitere Verschärfungen der EU ab 2025 kaum noch Pflanzenschutzmittel haben werden. Das wäre dann fast ein EU-verordneter Biolandbau. Wenn wir den in Deutschland flächendeckend haben, müssen die fehlenden Lebensmittel woanders herkommen. Die werden dann importiert, und da weiß man gar nichts über die Bedingungen, unter denen sie entstehen.

Fast noch mehr als Glyphosat fürchten die Deutschen genveränderte Pflanzen.

Viele Menschen glauben, Gene gäbe es nur in gentechnisch veränderten Pflanzen und sie seien schädlich für den Menschen. Das Gegenteil ist der Fall: Bei gesunder Ernährung nimmt der Mensch am Tag bis zu zwei Gramm Erbgut aus Pflanzenkost, Fisch oder Fleisch zu sich. Die Herstellung sehr vieler, für den Menschen wichtiger Pharmazeutika wie Human-Insulin erfolgt übrigens schon seit über drei Jahrzehnten durch gentechnisch modifizierte Bakterien, und das hat nie zu Ablehnung geführt. Viele denken auch, Genpflanzen entstehen im Labor. Das sind aber konventionell gezüchtete Pflanzen und keine Frankenstein-Pflanzen!

Eine der größten Ängste ist, dass sich gentechnisch veränderte Pflanzen unkontrolliert ausbreiten und ihre Herbizid-Resistenz an Unkräuter weitergeben, die zu „Superunkräutern“ werden.

Der Begriff „Superunkraut“ ist unglücklich, weil Laien darunter schnell irgendwelche „Monster“ verstehen. Tatsächlich sind durch den einseitigen Anbau von Pflanzen mit Glyphosat-Resistenz über mehr als ein Jahrzehnt in den Südstaaten der USA resistente Unkräuter entstanden. Da wirkt also selbst Glyphosat nicht mehr. Da hat Monsanto nicht für einen sachgerechten Einsatz dieser Herbizidresistenz innerhalb der Fruchtfolge gesorgt. Es liegt also nicht an der Gentechnik, sondern an einer falschen Anwendung – wie in der Humanmedizin etwa bei Antibiotika.

Der renommierte Entwicklungsbiologe Detlef Weigel bezeichnet ein Verbot von Genom-Editierung (zum Begriff siehe Infokasten) als „grobe Volksverdummung“. Hat er recht?


Prof. Weigel hat mit dieser Aussage den Nagel auf den Kopf getroffen! Die Pflanzenforschung hat mit der Genom-Editierung ein Instrument in der Hand, ohne Gentransfer Kulturpflanzen gezielt zu verbessern.

Welche Eigenschaften sind das?


Widerstandsfähigkeit gegen Pilzkrankheiten und schädliche Insekten oder eine Optimierung von Inhaltsstoffen, etwa in der Zusammensetzung der Öle und Fette. Mit der Genom-Editierung wäre es sehr viel leichter, auch die Wünsche der Verbraucher umzusetzen: deutlich gesündere Pflanzen und viel weniger Pflanzenschutzmittel. In der EU ist die Einführung von Pflanzen mit einer verbesserten Widerstandkraft vor allem gegen Pilzkrankheiten bislang aber am Protest der Öffentlichkeit gescheitert. So wurde schon vor Jahren eine Kartoffelsorte entwickelt, der man zwei Gene aus Wildkartoffeln übertragen hatte. Damit ist diese Sorte so gesund, dass sie nicht von der Kraut- und Knollenfäule befallen wird. Aber sie ist hier nicht zugelassen. Leider lehnen Umweltverbände und Verbraucher in der EU diese Verfahren ab – ein elementarer Fehler!

Wieso?

Leider treten in Entwicklungs- und Schwellenländern enorme Ernteverluste auf, denn die Menschen dort können sich keine Pflanzenschutzmittel leisten. So gehen heute weltweit circa 40 Prozent der möglichen Ernte verloren. Für die Ernährung von neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 wird es daher elementar sein, möglichst gesunde Pflanzen zur Verfügung zu haben, die ohne Pflanzenschutzmittel auch auf großen Anbauflächen sichere Ernten liefern. Die Leute hier haben aber jegliches Gefühl dafür verloren, mit welchem Aufwand und Risiko Lebensmittel produziert werden.

Zur Person
Phytopathologe Prof. Dr. Klaus Schlüter lehrt Botanik und Phytomedizin im Fachbereich Agrarwirtschaft an der FH Kiel
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