Energiepolitik : Das Ölfass ist übergelaufen

Nach eineinhalb Jahren marktstrategischem und desaströsem Ölpreisdumping mehren sich die Anzeichen, dass der Barrel-Preis in Bälde wieder anziehen wird.

Nach eineinhalb Jahren marktstrategischem und desaströsem Ölpreisdumping mehren sich die Anzeichen, dass der Barrel-Preis in Bälde wieder anziehen wird.

Geopolitischer Poker um den fossilen Rohstoff provoziert Preisverfall, produziert Milliarden-Verluste und blockiert alternative Energien

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04. März 2016, 08:11 Uhr

Weltweit werden pro Tag derzeit 1,8 Millionen Barrel (159 Liter) Erdöl mehr gefördert als benötigt. Das globale Ölfass läuft seit Monaten über. Laut Experten liegt der tägliche Bedarf der Weltwirtschaft an Erdöl bei derzeit rund 94 Millionen Barrel (2015). Die Schwemme hat  den Ölpreis pro Barrel seit Sommer 2014 von dereinst 110 US-Dollar auf zwischenzeitlich 27 US-Dollar (Januar 2016) abstürzen lassen. Aktuell hat er sich auf mehr als 30 US-Dollar eingependelt.

Es wäre eine umweltfreundliche Ursache des Überangebots, würde der endliche fossile Energieträger Erdöl weniger stark nachgefragt werden, weil statt seiner mehr auf alternative Energien zugegriffen wird. Doch die Nachfrage nach Erdöl ist aus konventionellem Grund und nur marginal gesunken. Die Weltwirtschaft schwächelt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat die globale Konjunkturprognose für 2016 jüngst von 3,3 Prozent auf 3,0 Prozent gestutzt. Ausschlaggebend für den Öl-Überfluss ist ein ungezügelter Ölförder-Wettlauf.

 

Als Treiber der unbegrenzten Förderung gilt Saudi-Arabien. Tagesproduktion: jeweils rund zehn Millionen Barrel. Am entsprechend langen Hebel sitzen die Saudis in der Runde der erdölexportierenden Länder OPEC. Über diese Organisation wurde in der Vergangenheit häufig steuernd in die Ölpreisbildung eingegriffen.

Indem die Förderung der Mitgliedsländer künstlich gedrosselt wurde. Durch feste Quoten. Dieses Instrumentarium hat Saudi-Arabien fallengelassen, als es den USA 2014 gelang, im Ranking der Ölförderländer den Thron zu erklimmen. In der von den Saudis provozierten Öl-Flut sank der Barrel-Preis seitdem um fast 70 Prozent.

Das Niedrigniveau brachte alle erdölfördernden Länder durch die Bank in die Bredouille, die Erlöse aus dem Verkauf des Öls schmolzen wie Schnee in der Sonne. Andere vom Erdöl-Export einseitig abhängige Förderländer wie Russland, Venezuela oder Nigeria gerieten unter extremen wirtschaftlichen Druck. Strategisch zielte Saudi-Arabien aber auf die neue Nummer eins, die USA.

Die Vereinigten Staaten erlebten im zurückliegenden Jahrzehnt einen beispiellosen Ölförderboom. Mit der ausgereiften Technologie des Frackings – das Erdöl wird mit einem Gemisch aus Wasser und Chemikalien aus tiefen Schiefergesteinsschichten herausgepresst – schnellte die Fördermenge auf mehr als 12 Millionen Barrel pro Tag in die Höhe (2015).

Der Haken an der neuen Fördermethode sind die hohen Produktionskosten. Sie schwanken je nach Ölvorkommen zwischen 40 bis 80 US-Dollar pro Barrel. Beim aktuellen Niedrigpreis um 35 US-Dollar wird mit jedem Barrel auch erheblicher Verlust zutage gefördert.

Im vergangenen Jahr gelang es der robusten Branche noch, mit der Konzentration auf effiziente Bohrlöcher, mit hohem Fördervolumen und Kostenreduzierung die schlimmsten finanziellen Folgen abzufedern. Doch längst steht vielen Firmen das Öl bis zum Hals. Je länger der gnadenlose Ölpreis-Krieg andauert, desto häufiger schwappen Meldungen von Firmenpleiten und Milliarden-Verlusten  herüber.

Diese lassen jetzt auch die Finanzwelt erbeben. Zahlreiche Ölunternehmen hatten sich zwar gegen einen Preisverfall am Markt versichert. Doch dieser Schutz gilt in der Regel nur befristet. Für viele Gläubigerbanken bedeutet dies, sie müssen in der Ölbranche demnächst Kreditausfälle in Milliarden-Höhe einkalkulieren.

Aber auch die Investitionsbereitschaft in der Ölindustrie ist mit dem Preisverfall abgewürgt worden. Es fließt kein Kapital mehr in neue Förderanlagen und technische Ausrüstungen. Ein misslicher Umstand, der andere Wirtschaftsbranchen mitreißt. Beispielsweise den Schiffbau und die Offshore-Industrie. Derzeit werden keine Offshore-Anlagen und -Serviceschiffe in Auftrag gegeben. 

Auch Firmen hierzulande spüren diese Folgen. Der Kranbauer Liebherr in Rostock hatte sich in den letzten Jahren als Hersteller und Zulieferer riesiger Offshore-Krane erfolgreich profiliert. Ebenso gebeutelt von der Flaute in diesem Segment sind die spezialisierten Werften von Nordic Yards. Aufträge bleiben seit Langem aus.

Auch wenn sich Autofahrer über billige Spritpreise freuen und Wirtschaftsbereiche wie die Schifffahrt von niedrigen Ölpreisen profitieren, für die noch junge Branche der Erneuerbaren Energien stellt die aktuelle Ölkrise eine erste harte Belastungsprobe dar.

Um die gebotene Loslösung vom fossilen Energieträger Erdöl voranzutreiben, ist zum Beispiel die technische Entwicklung von Wärmepumpen, die in der Luft und im Erdreich vorhandene Wärme nutzen, forciert worden. Nicht wenige Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern haben sich auf diese Heizungstechnik spezialisiert. Derzeit müssen sie erleben, dass sich viele Kunden bei der Entscheidung für eine neue Heizung vom billigen Ölpreis (ver)leiten lassen. Während 2015 nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) der Verkauf von Ölheizungen um 30 Prozent zulegte, schrumpfte im gleichen Jahr der Absatz von Wärmepumpen bundesweit um vier Prozent.

Die   preisbedingte Abkehr von alternativer Heiztechnik hat auch die Insolvenz des Wismarer Brennstoffherstellers German Pellets maßgeblich beeinflusst, neben betriebsinternen Gründen für die Pleite und einem sehr milden Winter. Der Absatz der umweltschonenden Holzpellets – der Rohstoff wächst nach und der CO2-Ausstoß wird reduziert – wurde gebremst. Laut Deutschem Energieholz- und Pelletverband sank in Deutschland die Pellet-Produktion 2015 auf zwei Millionen Tonnen (2014: 2,1 Mio. Tonnen). Der Verkauf von Pellet-Heizungen  und -Kaminöfen blieb zudem deutlich unter den Erwartungen der Branche.

Nach eineinhalb Jahren marktstrategischem und desaströsem Ölpreisdumping mehren sich die Anzeichen, dass der Barrel-Preis in Bälde wieder anziehen wird. Prognosen von Branchenkennern gehen von gut 60 US-Dollar zum Jahresende aus. Saudi-Arabien, Russland, Katar und Venezuela wollen die Ölfördermenge bereits deckeln, in den USA wird die Produktion gedrosselt und jetzt stornierte Investitionen können langfristig ein verknapptes Rohstoffangebot bedingen. Die absehbare Folge: Dem Ölfass wird der Boden ausgeschlagen und stattdessen der Ölpreis überlaufen.

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