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Daten : Das Internet braucht mehr Platz und zieht um

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Berliner Firma Strato erweitert ihr riesiges Rechenzentrum – und wagt einen komplizierten Umzug. Die Adresse wird geheim gehalten, da es um die sensible Infrastruktur Deutschlands geht.

svz.de von
erstellt am 08.Jan.2014 | 07:00 Uhr

Ein großer Teil des deutschen Internets zieht derzeit um – unbemerkt von der Öffentlichkeit. Das Berliner Unternehmen Strato baut sein zentrales Rechenzentrum in der Hauptstadt aus. Es will Platz für neue Server schaffen, auf denen unzählige Daten lagern.

Es ist ein bisschen wie in einer futuristischen Disko. Unzählige blaue Lämpchen blinken im dunklen Raum, ihr zartes Licht verschmilzt zu geometrischen Formen, die sich ständig verändern. René Wienholtz kennt das Spektakel, zufrieden verschränkt er die Arme und beobachtet die Reaktionen der Besucher. Zwischen der Technik im Rechenzentrum weht eine warme Brise. Wienholtz deutet auf Serverschränke, die man als Gedächtnis einer riesigen Datenwolke bezeichnen könnte. Das Unternehmen Strato nennt diesen Online-Speicher HiDrive. 1,3 Milliarden Fotos hätten dort derzeit Platz, erklärt er. Allerdings finden sich in der Cloud alle möglichen Dokumente, nicht nur Fotos. Was dort lagert, weiß er nicht. „Dürfen wir auch gar nicht wissen.“

Der 39-Jährige ist Technik-Vorstand der 1997 gegründeten Berliner Firma. Der Manager des 500-Mitarbeiter-Unternehmens tritt wie in der Computerbranche üblich nicht in feinem Zwirn auf, sondern trägt legere, sportliche Kleidung. Er kann minutenlang über komplizierte Vorgänge im Reich der Bits und Bytes referieren – im Rechenzentrum fühlt er sich spürbar wohl. Dort werden täglich Unmengen von Daten umgewälzt. Jetzt wird dort selbst umgebaut.

Die Adresse des Standorts wird geheim gehalten, da er zur sensiblen Infrastruktur in Deutschland zählt. Dort werden die Daten eines Großteils des deutschen Internets „gelagert“. Störungen würden nicht nur die virtuelle Welt lahmlegen, sondern hätten auch gravierende Folgen für die Wirtschaft. Führungen sind daher äußerst selten. Wer die Räume sehen will, muss sich zur Verschwiegenheit verpflichten. Der Umbau ist erforderlich, da der Bedarf an Speicherplatz im Internet immer größer wird. Zwar bietet das Rechenzentrum mit rund 4300 Quadratmetern Fläche für neue Server noch ausreichend Platz. Allerdings würden Strom- und Klimaversorgung irgendwann an Grenzen stoßen. Bislang verbraucht die Einrichtung jährlich so viel Strom wie 5000 große Haushalte.

Ein „Verschiebepuzzle“ nennt Wienholtz den Umzug der insgesamt 55 000 Computer, auf denen die Kundendaten lagern, zumal auch Stromverteiler, Transformatoren, Leitungen und Klimageräte ausgetauscht werden. Dennoch kann die Technik nicht einfach ausgeschaltet werden – es wäre ebenfalls ein Gau für das Internet. Also muss logistisch penibel geplant werden. „Im laufenden Betrieb hat das unseres Wissens noch niemand hinbekommen“, erzählt der Technik-Vorstand. Bislang verläuft der Umzug ohne Pannen. Er soll 2016 komplett abgeschlossen sein und letztlich auch dazu führen, dass 30 Prozent Strom gespart werden. Den bezieht Strato bereits ausschließlich von einem Öko-Anbieter. An der Sicherheitsstrategie wurde weiter gefeilt. Die Stromversorgung ist doppelt abgesichert, darüber hinaus sind 3500 Batterien installiert, die bei einem Stromausfall eingesetzt werden. Dauert dieser länger, wird im Keller des Gebäudes ein Kraftwerk gestartet: Sechs Dieselgeneratoren liefern dann den Saft für das Rechenzentrum.

In einer kleinen Leitstelle haben die Mitarbeiter nicht nur sämtliche Serverschränke im Blick, sondern auch die eigene Wetterstation auf dem Dach. Mit dem Umbau setzt das Unternehmen auf eine Frischluftkühlung, bei der Luft von außen angesaugt und mehrfach gefiltert wird. „Hitzewellen mögen wir gar nicht, weil wir dann viel mehr Strom brauchen“, erklärt Andrej Kaiser, Leiter des Rechenzentrums. Dann beschreibt er die optimalen Bedingungen für die Computertechnik, als würde er wie ein Sommelier über die richtige Temperatur und Luftfeuchtigkeit in einem Weinkeller referieren. 22 Grad, erklärt Kaiser, herrschen momentan in den Räumen. „Wir brauchen keine Kühlschranke, auch dann würden die Kosten explodieren.“

Vor kleineren Problemen stehen die Techniker und Programmierer dennoch immer wieder. „Das Wasser hat uns aber noch nie bis zum Hals gestanden“, betont Wienholtz. Auch ein Stromausfall, der eine Nacht lang in Teilen Berlins andauerte, wurde bewältigt.

Auch wegen des Standorts innerhalb Deutschlands sind Leistungen von Strato zuletzt mehr denn je gefragt – die Zahl der Neukunden schoss im dritten Quartal nach oben. Im Zuge des NSA-Skandals kontaktierten verunsicherte Nutzer das Unternehmen. „Die Sensibilität ist größer geworden“, sagt Wienholtz. Im Gegensatz zu Anbietern in Übersee könne er garantieren, dass Behörden nur mit richterlichem Beschluss die Daten abfragen dürfen. In anderen Staaten muss die Justiz nicht zwingend für Abhörvorgänge eingeschaltet werden. Doch die gesetzlichen Voraussetzungen für einen schnellen Zugriff der Strafverfolgungsbehörden – zumindest beim E-Mail-Verkehr – wurden 2004 auch in Deutschland geschaffen. Aber auch hier entscheidet ein Richter.

Über Protektionismus und Pläne für ein „deutsches Internet“, die derzeit in der Politik kontrovers diskutiert werden, schüttelt der Experte nur den Kopf. „Man kann nicht das Netz in unserem Land abschotten, das konterkariert das Prinzip des Internets“, sagt er. Wichtig ist aus seiner Sicht, dass vor allem Unternehmen in Sachen Verschlüsselung und Sicherheit aufrüsten – gegen Spionage und gegen Kriminelle. „Da gibt es noch viel Nachholbedarf.“

Welche Gefahr von Hackern ausgeht, erleben Wienholtz und seine Kollegen tagtäglich. „Attacken sind an der Tagesordnung“, berichtet er. „Wir haben vier Millionen Domains in unserer Verantwortung, also theoretisch vier Millionen Ziele.“ Das Unternehmen wappnet sich mit hochkomplexen Filtern gegen Schadsoftware. Dann lächelt Wienholtz: „Unser Panzer ist stark.“

 

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