zur Navigation springen

Energiewende : Bund prüft Gesundheitsrisiken durch Strom

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Um die Energiewende zu schaffen, ist ein Ausbau des Stromnetzes nötig. Doch steigen damit auch gesundheitliche Gefahren?

svz.de von
erstellt am 12.Jul.2017 | 12:00 Uhr

Die Bundesregierung lässt über die kommenden sechs Jahre die Auswirkungen von Stromleitungen auf die Gesundheit von Bürgern erforschen. Hintergrund ist der massive Ausbau der Stromnetze unter anderem mit neuen „Strom-Autobahnen“ von Nord- nach Süddeutschland, der für die Energiewende notwendig ist. „Wir sind überzeugt, dass wir alle gut gesichert sind durch die gesetzlichen Regelwerke“, sagte die Präsidentin des Bundesamts für Strahlenschutz, Inge Paulini, gestern in Berlin. Bisher seien keine negativen Folgen nachgewiesen. Es gebe aber wissenschaftliche Fragen und Verdachtsmomente, die zu Sorgen in der Bevölkerung führten.

Das rund 18 Millionen Euro schwere Forschungsvorhaben ist auf sechs Jahre angelegt und soll mehr als 30 Projekte umfassen. Bisher steht nur das Bundesumweltministerium als Finanzierer fest. Untersucht werden soll zum Beispiel, ob es einen Zusammenhang von sogenannten niederfrequenten Magnetfeldern mit Krankheiten wie Demenz, Parkinson oder ALS gibt, und ob sie bei Kindern das Risiko für Leukämie erhöhen können.

Das Forschungsprogramm behindere den Ausbau des Stromnetzes „in keiner Weise“, betonte Paulini. „Falls da etwas Bedenkliches herauskommt, werden wir das natürlich in die Prozesse einspeisen.“

Angst vor Hochspannung - berechtigt oder unnötig?

Ist es gefährlich, nahe an einer solchen Leitung zu wandern, zu spielen, zu arbeiten oder sogar zu wohnen?

Bisher weiß man darüber zu wenig, findet das Bundesamt für Strahlenschutz, und schiebt mehr als 30 neue Forschungsprojekte an.„Wir sind überzeugt, dass wir alle gut gesichert sind durch die gesetzlichen Regelwerke“, sagt Amtschefin Inge Paulini. Bisher seien keine negativen Folgen nachgewiesen. Es gebe aber Verdachtsmomente, die zu Sorgen in der Bevölkerung führten. „Unser Bestreben ist die Information aller Beteiligten auf einer sachlichen Grundlage“, erklärt Paulini. Rund 18 Millionen Euro dürfte die Forschung kosten, bisher steht als Finanzierer das Bundesumweltministerium fest.

Hinter der Initiative steht auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit: Um die Energiewende zu schaffen, braucht Deutschland Tausende Kilometer neuer Stromleitungen, die Ökostrom in alle Ecken der Republik bringen. Sowohl Wechselstrom-Hochspannungsleitungen, wie es sie schon lange gibt, als auch neue Gleichstrom-Leitungen (HGÜ-Leitungen), die „Strom-Autobahnen“ Südlink und Südostlink von Norden nach Süden. Und das geht nur mit den Bürgern gemeinsam.

Wieso könnten Stromleitungen ein Gesundheitsrisiko sein?

Wo Strom fließt, entstehen elektrische und magnetische Felder. Auch in Lebewesen gibt es elektrische Ströme, etwa in den Nerven und im Herzen. Äußere elektrische und magnetische Felder können mit denen im Körper wechselwirken oder zusätzliche Felder erzeugen. Überschreiten die äußeren Felder bestimmte Schwellenwerte, können sie die Gesundheit akut gefährden und etwa Kammerflimmern auslösen. Es gelten allerdings Grenzwerte, die das verhindern sollen.

Welche Risiken gibt es im Alltag dann?

Es gibt Studien, die auf ein erhöhtes Auftreten neurodegenerativer Krankheiten wie Alzheimer oder ALS hindeuten, wenn Menschen - etwa beruflich - sogenannten niederfrequenten Feldern ausgesetzt sind.

Diese gibt es rund um Wechselstrom-Hochspannungsleitungen, aber auch im häuslichen Bereich. Andere Studien weisen darauf hin, dass Magnetfelder das Leukämie-Risiko bei Kindern erhöhen können. Die internationale Agentur für Krebsforschung (IACR) hat solche Felder als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft. Zudem gibt es Menschen, die Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit auf elektrische und magnetische Felder in ihrer Umwelt zurückführen.

Was soll jetzt erforscht werden?

Die vorliegenden Studien beantworten sehr viele Fragen nicht - und es gibt andere Forschungsarbeiten, die ihnen widersprechen. Hier sollen neue Projekte Klarheit bringen. Aber nicht nur die Auswirkung der bereits üblichen Wechselstrom-Leitungen soll Thema sein, sondern auch mögliche Risiken der neuen Gleichstrom-Leitungen. Dabei geht es zum Beispiel um Luftmoleküle und Teilchen, sie sich an Leitungen im Freien elektrisch aufladen und vom Wind als „Wolken“ bewegt werden können. Die Frage ist, ob elektrisch aufgeladene Luftschadstoffe vom Körper verstärkt aufgenommen werden und damit gefährlicher werden.

Bringt es etwas, die neuen „Strom-Autobahnen“ zu vergraben?

Je nachdem. „Wenn Sie direkt über der Erdverkabelung stehen, ist das Magnetfeld höher als unter einer Freilandleitung“, erklärt Gunde Ziegelberger vom Bundesamt für Strahlenschutz. Wenn man sich entfernt, nehme die Stärke aber beim Erdkabel schneller ab. Die Entscheidung, Erdkabel zu bevorzugen, sei „psychologisch“. Das war vor allem auf Druck Bayerns so entschieden worden, es macht den Bau der großen Leitungen Südlink und Südostlink teurer und schwieriger.

Welche Bedenken gibt es abgesehen von Gesundheitsrisiken?

Naturschützer kritisieren unter anderem, dass Vögel wie Kraniche, Schwäne oder Adler gegen die Leitungen fliegen. Schneisen, die in Wälder geschlagen werden, durchschnitten die Lebensräume von Tieren, sagt Eric Neuling vom Naturschutzbund Nabu. Sensible Gebiete wie Biosphärenreservate, Moore oder naturnahe Wälder müssten verschont werden. Landwirte sorgen sich unter anderem um ihre Böden - sie fordern, beim Vergraben von Erdkabeln die Erde zu schonen, und beklagen fehlende Erkenntnisse etwa zur Wärmeentwicklung. Außerdem gibt es Streit um Entschädigungen für Landeigentümer.

Wie kommt der Stromnetzausbau eigentlich voran?

Lange galt der Leitungsausbau als Achillesferse der Energiewende, vielen geht es auch jetzt noch zu langsam. „Wir haben Nachholbedarf“, sagt Jochen Homann, der Präsident der Bundesnetzagentur. Die beiden großen „Strom-Autobahnen“ Südlink und Südostlink sind noch in Planung. Bis 2025 sollen sie fertig sein. Die Betreiber haben Routen vorgeschlagen. Dazu gab es Antragskonferenzen, auf denen sie diskutiert wurden - über den genauen Verlauf wird nun entschieden.

Ansonsten: Von 5900 Kilometern Leitung im Bundesbedarfsplangesetz sind erst 150 Kilometer realisiert, von weiteren 1800 Kilometern aus dem Energieleitungsausbaugesetz 700 Kilometer.

Teresa Dapp

 
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen