Ost-Arbeitsmarkt : Boom- und Problemregionen

Es gibt nach wie vor Arbeitsmarkt-Problemregionen.
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Es gibt nach wie vor Arbeitsmarkt-Problemregionen.

Tausende neue Jobs entstanden in Ostdeutschland. Vielerorts werden Fachkräfte gesucht. Doch Ost-Arbeitsmarkt driftet auseinander

svz.de von
09. Mai 2017, 05:00 Uhr

Der Arbeitsmarkt in Ostdeutschland gleicht sich immer mehr dem in Westdeutschland an. Die Zeiten, in denen die Arbeitslosigkeit doppelt so hoch ausfiel, sind vorbei. Im April lag die Arbeitslosenquote Ost mit 7,7 Prozent nur noch etwa zwei Prozentpunkte über dem westdeutschen Schnitt von 5,4 Prozent. Während einige Pendlerregionen vor allem im Süden Thüringens fast Vollbeschäftigung melden, liegt die Quote in strukturschwachen Gebieten noch immer im zweistelligen Bereich. Die Situation in einigen dieser Problemregionen:

Thüringen: Der Freistaat gilt als Arbeitsmarktprimus des Ostens – derzeit mit einer geringeren Quote als in Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland. In der südlichen Spitze zu Bayern betrug die Quote im April 3,5 Prozent; Fachleute sprechen schon von Vollbeschäftigung. Anders sieht es im Kyffhäuserkreis aus, dem Schlusslicht mit fast 8,9 Prozent Arbeitslosigkeit: Die Region um Sondershausen im Norden zur Landesgrenze von Sachsen-Anhalt, die in der DDR vom Kali-Bergbau geprägt war, gilt als strukturschwach. Daran können bisher auch einige große Arbeitgeber, vor allem in der Elektroindustrie, nichts ändern. Thüringen versucht jedoch gegenzusteuern: Der Kreis sei nun Modellregion für die Digitalisierung, sagt Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD). Zudem entstehe dort mit der Goldenen Aue eines der größten Thüringer Gewerbegebiete, von dem sich Tiefensee weitere Industriejobs verspreche.

Sachsen-Anhalt: In der sich an den Kyffhäuserkreis anschließenden Region Mansfeld-Südharz brach nach der Wiedervereinigung ebenfalls der Bergbau als großer Arbeitgeber weg. „Dass die ganz großen Fische sich bei uns niederlassen, die Illusion haben wir aufgegeben“, sagt Landrätin Angelika Klein (Linke). Es gehe darum, die bestehenden Werke zu halten und Fachkräfte zu gewinnen. Zwar waren 2016 laut Statistik im Durchschnitt mit 8600 nur noch halb so viele Menschen arbeitslos gemeldet wie 2007. Mit aktuell 11,4 Prozent Arbeitslosigkeit bleibt der Kreis jedoch Schlusslicht in Sachsen-Anhalt. Zudem macht ein Traditionsarbeitgeber Sorgen: Der Fahrradbauer Mifa in Sangerhausen ist wieder insolvent, die einst 520-köpfige Belegschaft schrumpfte auf ein Viertel. Doch es gebe auch stabile Anker, sagt Klein. So investierte der Tiefkühlback-Riese Aryzta in Eisleben in ein neues Werk. Binnen fünf Jahren stieg die Zahl der Mitarbeiter laut Unternehmen von 1100 auf mehr als 1500.

Brandenburg: Von Touristen wird die Uckermark hoch gelobt, aber sie hat mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Im April lag die Quote in dem Landkreis bei 12,6 Prozent. Die Situation habe sich im Vergleich zu den 1990er-Jahren aber stark verbessert, so Kreissprecherin Ramona Fischer. „Damals hatten wir eine Quote von 25 plus“, berichtet sie. Der Industriestandort Schwedt mit der PCK-Raffinerie und der Papierindustrie habe eine gute Entwicklung genommen. Neue Jobs entstanden, auch weil sich neue Firmen ansiedelten. Trotzdem bleibe die Region strukturschwach.

Mecklenburg-Vorpommern: Hier gilt der Osten als Problemregion. Während Ende April im westmecklenburgischen, zur Metropolregion Hamburg gehörenden Landkreis Ludwigslust-Parchim nur 6,2 Prozent Erwerbslosigkeit gemeldet wurden, waren es im Landkreis Vorpommern-Greifswald 10,4 Prozent und im Landkreis Vorpommern-Rügen 9,8 Prozent. Um diese Kreise voranzubringen, hat die Landesregierung im Herbst 2016 einen Vorpommern-Staatssekretär installiert. Bei der jüngsten Landtagswahl im September 2016 hatte die AfD in Vorpommern besonders hohe Wahlergebnisse erreicht.

Sachsen: Im ostsächsischen Kreis Görlitz an der Grenze zu Polen haben mehr als zehn Prozent der Menschen keinen Job. Unter den sächsischen Arbeitsagenturen verbucht Bautzen eine der höchsten Arbeitslosenquoten. Thomas Berndt, Agentur-Chef in Bautzen, spricht von einem „gewalti-gen Strukturwandel“ nach der Wende. Viele Betriebe der Gegend, einst geprägt von Bergbau, Energie- und Textilwirtschaft sowie dem Glasbau, schrumpften oder schlossen. Es habe einen langen Aufholprozess gegeben. Mittlerweile habe sich die Region durch größere Neuansiedlungen wie Daimler in Kamenz und dem Felgenhersteller Borbet in Kodersdorf zwar positiv entwickelt. Allerdings drohe nun ein Stellenabbau in den Bombardier-Werken in Bautzen und Görlitz.

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