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Umstritten : Aus für „Made in Germany“?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Europäisches Parlament will Kriterien ändern / Neue Herkunftsbezeichnungen sind heftig umstritten

Nach rund 125 Jahren droht jetzt das endgültige Aus: „Made in Germany“, einst als abfälliges Kennzeichen für deutsche Kopien britischer Qualitätsware in London ersonnen und inzwischen zu einer Art Markenzeichen avanciert, soll neuen Ursprungsbezeichnungen weichen. Das Europäische Parlament in Straßburg wollte gestern zwar nicht für eine Abschaffung, wohl aber für neue Kriterien bei der Vergabe stimmen. Künftig müsste dann ein Produkt zu 45 Prozent in dem Land gefertigt sein, dessen Namen es als Label tragen darf. Für deutsche Maschinenhersteller oder Autobauer ein massiver Stolperstein: Große Kfz-Konzerne wie Volkswagen erbringen heute nur noch 30 bis 40 Prozent der Wertschöpfung selbst, die übrigen 60 bis 70 Prozent entstehen bei Zulieferern, die nicht in Deutschland sitzen.

Die neue verpflichtende Herkunftsangabe der EU ist umstritten, sie bleibt es wohl auch. Zwar ist „Made in Germany“ noch nicht verloren. Allerdings müssen die Abgeordneten ihren Beschluss gegen den Widerstand der Mitgliedstaaten durchfechten. Auch dabei geht es wieder um den Artikel 7 des Kommissionsvorschlages, in dem diese 45-Prozent-Regel niedergelegt ist. Die Bundesregierung, allen voran Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, drängt darauf, diesen Absatz ersatzlos zu streichen. Übrig bliebe eine Regelung, mit der auch Deutschland leben könnte: Entscheidend wäre, wo die „letzte wesentliche Bearbeitung und Fertigung“ stattfindet. Ob Auto oder Fernseher – egal woher die Bauteile kommen, solange das Endprodukt in der Bundesrepublik zusammengebaut wird, könnte es das Markenzeichen tragen.

Doch längst ist der Streit zu einem europäischen Nord-Süd-Konflikt eskaliert. Spanien und Italien, deren Mode- und Bekleidungsbranche in erster Linie auf heimische Hand-Produktion setzen, drängen auf ein Label, das vor allem auf den Produktionsort abstellt. Deutschland, Großbritannien, Belgien sowie etwa 13 weitere Länder lehnen den Vorstoß der Kommission (und somit auch den gestrigen Parlamentsbeschluss) strikt ab. Man sehe nicht, was diese Reform an „Nutzen für den Verbraucher“ bringe, heißt es aus den Reihen der Gegner.

Doch nicht nur die deutschen Unterhändler fürchten um ihre Position, da die Gespräche mit den Parlamentariern erst nach der Europawahl in die nächste Phase gehen könnten. Dann hat Italien den Ratsvorsitz der EU inne und wird darauf drängen, etwas für seine Modebranche und Hersteller wie Prada, Salvatore Ferragamo oder Brunello Cucinelli zu tun. Inzwischen mehren sich in Brüssel die kritischen Stimmen aus der mittelständischen und Großindustrie: So wollte ein Designer von Taschen wissen, ob er künftig auf seine Produkte „Made in Tunesien“ schreiben müsse, weil das Leder zwar in der Bundesrepublik gegerbt, aber in der Nähe von Tunis zusammengenäht wird? Bleibt es bei dem Parlamentsbeschluss, müsste er tatsächlich den Afrikanern die Ehre lassen.

Mehr als 800 deutsche Mittelständler haben sich zur Aktion „Ja zu Deutschland“ zusammengeschlossen. Und selbst dort räumt man ein, dass der Begriff „Made in Germany“ „beliebig“ verwendet wird. Einige Auto-Hersteller haben sich ohnehin umgestellt und setzen auf Qualitätslabels wie „Made by Mercedes-Benz“, „designed in Germany“ oder „designed and developed in Germany“.

 

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erstellt am 17.Apr.2014 | 17:48 Uhr

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