Wirtschaft : Absteiger Deutschland

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Arbeitsproduktivität stagniert. Konjunktur wird vom Konsum getragen. Investitionen fehlen

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15. Juni 2016, 06:00 Uhr

Deutschland ist abgestiegen. Im neuesten Länder-Ranking des renommierten IMD World Competitiveness Centers in Lausanne (Schweiz) ist Europas führende Wirtschaftsnation im Vergleich der 60 wettbewerbsfähigsten Länder aus den Top Ten auf Platz 12 zurückgefallen. Thomas Schwandt sprach mit Wirtschaftswissenschaftler Prof. Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts.

Hat Sie das ungeschminkte Ranking-Ergebnis des IMD überrascht?
Vöpel: Keineswegs, denn auch Untersuchungen des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts zeigen deutlich, dass das robuste Wirtschaftswachstum in Deutschland nur auf den ersten Blick eine zutreffende Zustandsbeschreibung ist. Bei genauerer Betrachtung wird schnell klar, in entscheidenden Eckpunkten bröckelt seit einiger Zeit die Konkurrenz- und Leistungsfähigkeit unserer Volkswirtschaft.

Woran machen Sie diesen Befund fest?
Die guten Konjunkturdaten werden einseitig zu stark durch den Konsum getragen, was unter anderem auf kräftige Lohnzuwächse in breiter Front und auf die Niedrigzinspolitik zurückzuführen ist. Das überdeckt jedoch gegenläufige Tendenzen, die auf längere Sicht die Schlagkraft der deutschen Wirtschaft schwächen werden. Im Außenhandel nehmen beispielsweise die Importe stärker zu als die Exporte deutscher Güter und Dienstleistungen. Einen rückläufigen Trend gibt es bei privaten Investitionen im Inland. Besonders besorgniserregend ist, seit gut zehn Jahren stagniert die Entwicklung der Arbeitsproduktivität, verliert Deutschland international an Boden.

Welche Konsequenzen hat das?
Die Steigerung der Arbeitsproduktivität muss aus zwei wesentlichen Gründen angekurbelt werden. Wie effizient produziert wird, entscheidet über die Konkurrenzfähigkeit im globalen Wettbewerb. Für Deutschland als eine führende Exportnation verschärfen sich derzeit die internationalen Rahmenbedingungen. Der Internationale Währungsfonds IWF geht für die kommenden zehn Jahre von einer längeren Phase langsamen Wachstums aus. Statt um mehr als drei bis vier Prozent wird die Weltwirtschaft durchschnittlich nur noch um zwei Prozent jährlich wachsen. Ohne deutlich steigende Arbeitsproduktivität und damit Wirtschaftskraft wird es zudem für Deutschland schwer werden, die Herausforderungen des demografischen Wandels zu meistern.

Wo sehen Sie Potenzial für eine höhere Produktivität?
Im Kern muss es darum gehen, auf dem Binnenmarkt mehr eigene Dynamik zu erzeugen. Zum Beispiel durch verstärkte private Investitionen. Anreize dafür können entsprechende Rahmenbedingungen schaffen, etwa verbesserte Infrastrukturen im Logistik- und IT-Bereich. Doch statt das aktuelle Produktionsplus für einheimische Investitionen zu nutzen, exportieren wir lieber wie die Weltmeister.

Deutschland definiert sich seit Jahren über den Status Export-Primus. Hat sich diese Sicht auf die Wirtschaft überholt?
Vor allem haben sich die geo- und wirtschaftspolitischen Koordinaten verändert. Die Welt ist ziemlich in Unordnung geraten durch zahlreiche ungelöste politische und wirtschaftliche Krisen. In Russland, in Europa, in der arabischen Welt. Glaubten namhafte Historiker im Wendejahr 1990 noch an das Ende der Geschichte, so erleben wir derzeit eine Rückkehr der Geschichte in Gestalt globaler Umbrüche.

Was heißt das konkret?
Es gibt eine bemerkenswerte geschichtliche Parallele. Vor dem Zweiten Weltkrieg beförderte der technologische Fortschritt eine erste Globalisierung der Wirtschaft. Die überraschende Folge war, die Staaten rückten ins Nationale ab, es setzte eine Bewegung zur Renationalisierung ein. Seit der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 sind ähnliche Prozesse zu beobachten. Russland besinnt sich aufgrund der Sanktionen auf die Eigenproduktion wichtiger Güter und Waren, die vorher importiert wurden. Die Briten stimmen über einen Austritt aus der Europäischen Union ab. Ein Brexit wird das politisch-ökonomische Gerüst der Union existenziell erschüttern. Die USA haben einen ersichtlichen Schwenk in der Außen- und Handelspolitik vollzogen. Sie stricken an einer neuen Weltwirtschaftsordnung. Und zuletzt, China investiert massiv in Bildung und Hightech. Ziel ist es, hochwertige Maschinen, Anlagen und Autos selbst herzustellen und zu exportieren.

Was bedeutet das für Deutschland?
Wir müssen Globalisierung neu definieren und uns diesen Umbrüchen stellen. Sie sind bereits mehr als deutlich zu spüren. Vor nicht allzu langer Zeit haben wir für den Hamburger Hafen bis 2030 einen jährlichen Umschlag von 20 Millionen Containern prognostiziert. Inzwischen ist Deutschlands wichtigster Überseehafen unter die Neun-Millionen-Marke gerutscht. Zusätzlicher Treiber ist die Digitalisierung. In diesem gravierenden technologischen Umbruch verkürzen sich zum Beispiel die Wertschöpfungsketten extrem. Nehmen Sie die 3D-Drucker-Technologie oder die direkte intelligente Kommunikation zwischen autonomen Maschinen. Diese disruptive Innovation wird dazu führen, dass Hafeninfrastruktur von heute schon morgen nicht mehr in dem Umfang benötigt und zurückgebaut werden wird.

Welche Chancen können im Wandel für die hiesige Wirtschaft erwachsen?
Es gilt, die Anpassung offensiv anzugehen. Einzelne autarke Branchen werden organisch verschmelzen. Das heißt, Industrie, Logistik und wissensbasierte Dienstleistungen sind eng miteinander zu verknüpfen. Was nicht funktionieren wird, den unausweichlichen Umbrüchen mit regionalem Lobbyismus zu begegnen.

Heißt das, Norddeutschland muss neu gedacht werden?
In jedem Fall hätte Norddeutschland die Chance auf einen eigenen optimalen Wirtschaftsraum, wenn die Standortvorteile länderübergreifend genutzt und gebündelt würden, etwa in der Logistik, der Wissenschaft und Hafenwirtschaft. Dazu bedarf es einer gemeinsamen Strategie der digitalen Transformation, in der sich auch der politische Zuschnitt der Region verändern wird. Die Ebene der Bundesländer hat sich heute bereits überlebt.
 

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