Mit interaktiver Karte : Zwischen Angst und Resignation – Leben mit dem Wolf

Seit der Wiederansiedlung der streng geschützten Tiere vor rund 20 Jahren haben sich die Wölfe mancherorts rasant vermehrt und ausgebreitet.
Seit der Wiederansiedlung der streng geschützten Tiere vor rund 20 Jahren haben sich die Wölfe mancherorts rasant vermehrt und ausgebreitet.

Wolfsdichte nimmt in Brandenburg und Sachsen immer weiter zu: Anwohner sind besorgt.

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30. April 2019, 05:00 Uhr

Görlitz | Dichte Wälder, weite Felder, idyllische Auen, mittendrin liegen Dörfer mit kleinen Häusern und großen Gärten, dazu Gehöfte. Die Landschaft nördlich von Görlitz in Ostsachsen strahlt Ruhe aus. Doch die ist gestört, seit die Oberlausitz eines der am stärksten von Wölfen besiedelten Gebiete Europas geworden ist. Sachsen drängt seit langem vergeblich darauf, dass der Bestand reguliert wird – das aber ist Sache des Bundes.

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MV und Sachsen für ein stärkeres Eindämmen der Wolfspopuplation

Seit der Wiederansiedlung der streng geschützten Tiere vor rund 20 Jahren haben sich die Wölfe mancherorts rasant vermehrt und ausgebreitet – von Ost nach West. Ihr Revier sind nicht mehr nur verlassene Gegenden und Wälder, sondern zunehmend auch besiedeltes Gebiet wie in der Oberlausitz.

Es geht auch um einen leichteren Abschuss auffälliger Tiere, eine Bundesratsinitiative von Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern zielt auf ein stärkeres Eindämmen der Wölfe.

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„Da, wo sie sind, machen sie viel Ärger“, sagt Hans-Dietmar Dohrmann in Rothenburg in der Oberlausitz. Der frühere Bürgermeister der ostsächsischen Kleinstadt klickt sich durch Fotos und Videos, die Wildtierkameras und Jäger von Wolfsrudeln nachts im Wald oder am Tag im Gewerbegebiet machten: „Das nächste Haus nur 800 Meter entfernt.“

Rudel zeigen immer weniger Scheu - Bewohner besorgt, aber nicht hysterisch

„Jede Nacht hören wir Wölfe heulen, am alten Flugplatz sogar aus drei Richtungen“, sagt der 68-Jährige. Und es werde immer stärker. „Im Oktober 2018 guckte ein Mann in der Dunkelheit aus dem Fenster, da standen auf seinem Hof zehn, elf Wölfe unter dem Schlafzimmerfenster.“ Die Tiere zögen mittlerweile auch im Rudel durch Ortschaften.

Sie reißen nicht aus, gucken dich an, aber bleiben auf Distanz. Hans-Dietmar Dohrmann
 

Den Einwohnern mache das Angst: Kinder gingen auf dem Land nicht mehr zu Fuß zur Schule oder fahren mit dem Rad, berichtet Dohrmann. Auch Pilz- und Blaubeersuche allein im Wald sei nur Erinnerung. Es gebe Wölfe, die sich Menschen nähern und dessen Reaktion testeten. Und er beobachte die Jäger im Wald.

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„Wölfe laufen direkt unter dem Hochsitz vorbei.“ Da mussten auch schon Waidmänner abgeholt werden. Wölfe lauerten auch schon mal, wenn die Beute auf dem Anhänger verstauen – oder besetzten sie. „Wenn ein Schuss fällt, schaut auch der Wolf, ob es was zu holen gibt.“ In Gärten machten Wölfe sich zuweilen über Komposthaufen her. Selbst Hunde seien bereits verschwunden.

Die Bevölkerung habe gelernt, damit umzugehen, sagt Dohrmann. Von Panik und Hysterie gibt es keine Spur. „Wir sind einfach wachsamer als früher“, erklärt eine Frau in Lodenau, einem Ortsteil von Rothenburg. Man könne sich ja nicht verbarrikadieren. „Wir haben uns an den Wolf gewöhnt.“

Ansiedlung der Wölfe mit Folgen für Wirtschaft und Wildbestand

Folgen hat seine Existenz auch für Wirtschaft und Wildbestand. „Der Generationsaufbau bei einigen Wildarten ist gestört“, beschreibt Jäger Dohrmann die Lage. Der Wolf habe das Muffelwild in der Region um Rothenburg ausgerottet.

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Auch Günter Prötzig aus Lodenau ärgert sich darüber, dass die Politik in Sachen Wolf in Großstädten ohne Berührung mit dem Raubtier gemacht wird. „Wir erleben den Wolf täglich“, sagt der Hühnerzüchter. In seinem Betrieb direkt an der Neißeaue leben 22 000 Legehennen draußen im Freien, und müssen nachts in den Stall. Seit ein Angestellter in der Dämmerung einem Wolf gegenüberstand, weigern sich Kollegen, im Dunkeln zur Arbeit zu kommen und die Hühner in den Stall zu bringen.

In den Wolfsgebieten hat sich der Ton verschärft. Viele Bürger fühlen sich allein gelassen und haben kein Vertrauen mehr in die offiziellen Stellen. „Der Wolf gehört in die Natur, aber muss genauso geregelt werden wie anderes Wild. In Dörfern hat er nichts zu suchen“, sagt Hühnerzüchter Prötzig.

„Wir hören nachts die Hunde bellen und wissen, sie ziehen wieder durchs Dorf“, beschreibt sein Freund Gerd Eberle die Realität. Wenn einer zu sehen sei, kämen plötzlich acht bis zehn nach.

Angriff auf Menschen unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich

Die Oberlausitz hat mittlerweile die größte Wolfsdichte in ganz Europa, der Bestand mit mehreren Rudeln auf vier Quadratkilometern ist mittlerweile dichter als von Experten für möglich gehalten - zu Lasten der Natur und des einheimischen Wildes. „Wenn es dunkel wird, ist keiner mehr unterwegs, bis auf die Jäger“, sagt Eberle. Bedenken und Ängste seien lange ignoriert worden, das habe zu Misstrauen und Resignation geführt. Sein Nachbar lasse die Kinder nicht mehr allein zur Schule aus dem Haus, seit sie vor zwei Jahren in die Augen eines Wolfs blickten, als er die Tür aufmachte.

Allen unheimlichen Erlebnissen zum Trotz: Dass es tatsächlich zu einem Wolfsangriff auf einen Menschen kommen könnte, halten Experten für sehr unwahrscheinlich, wenn auch nicht völlig ausgeschlossen. „Wenn wir in die Länder schauen, wo der Wolf schon immer war, können wir beruhigt sein“, sagt Experte und Buchautor Frank Faß, der ein niedersächsisches Wolfszentrum leitet. „Übergriffe von Wölfen auf Menschen waren dort bisher extrem selten.“

Einer norwegischen Studie zufolge wurden in ganz Europa zwischen 1950 und 2000 neun Menschen getötet – bei geschätzten 10 000 bis 20 000 Wölfen am Ende dieser Zeitspanne. Fünf der Wölfe seien tollwütig gewesen, erklärt Faß.

Warnung vor Panikmache

Auch die Buchautorin und Fachjournalistin Elli H. Radinger warnt vor Panikmache. Wolfseltern brächten ihrem Nachwuchs bei, was sichere Nahrung sei. „Wir bewegen uns anders, als ihre „normale“ Beute: Wir laufen selbstbewusst und vor allem aufrecht“, erklärt sie. „Auch Bären richten sich manchmal auf, und Wölfe meiden Bären.“

Ab Ende Mai gilt in Sachsen eine neue Wolfsverordnung. Damit können die geschützten Tiere unter erweiterten Bedingungen geschossen werden. Bislang sind die Hürden für eine „gezielte Entnahme eines Problemwolfs“ sehr hoch.

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