Bauern beklagen niedrige Preise : Wie viel ist ein Kalb wert? Trockenheit treibt Preise in den Keller

Foto: dpa/Mohssen Assanimoghaddam
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Damit die Milch fließt, müssen Kälber geboren werden. Nicht für alle ist auf den Bauernhöfen Platz. Die überzähligen Tiere werden verkauft. Manchmal für weniger als zehn Euro.

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29. August 2019, 04:00 Uhr

Osnabrück | Als er den Preis auf der Abrechnung sah, da platzte dem Landwirt aus dem Emsland der Kragen. „Das kann doch nicht wahr sein“, habe er gerufen. Und fasste gemeinsam mit der Familie wenig später einen Entschluss: „Jetzt reicht’s“. Die Kühe kommen weg.

Der Auslöser steht kurz und knapp auf einer Abrechnung von Ende Juli: Vier Kuhkälber hat er über einen Viehhändler verkauft und dafür gerade einmal 36,13 Euro erhalten. Hier noch einmal schwarz auf weiß:

Screenshot: Fisser
Screenshot: Fisser


Gut neun Euro pro Tier also. Ein Verlustgeschäft, das viele Landwirte derzeit machen. Denn mit Rindern ist kaum Geld zu verdienen.

Dass der Preis für Kälber im Verlauf des Jahres schwankt, ist nichts Ungewöhnliches. Dieses Jahr komme der Preiseinbruch aber ungewöhnlich früh und scharf, so Karsten Hoeck von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein.

Preise im Mehrjahrestief

Sein Kollege Albert Hortmann-Scholten von der Kammer im benachbarten Niedersachsen spricht von einem Mehrjahrestief speziell für die Art von Kälbern, die der emsländische Landwirt verkauft hat. Dazu später mehr.

Neben saisonalen Effekten – die Fleischverarbeiter haben Sommerpause und das Einstallen der Tiere wird so getaktet, dass sie pünktlich zum Weihnachtsfest geschlachtet werden können – kommt in diesem Jahr ein weiterer, weitaus schwerer zu kalkulierender Faktor hinzu: die Trockenheit. Den zweiten Sommer in Folge können die Landwirte nur dabei zuschauen, wie das Gras auf den Weiden vertrocknet. Und damit bestes Futter für die Kühe.

Foto: dpa/Jan Woitas
Foto: dpa/Jan Woitas


Die Bauern müssen zukaufen. Weil es aber allen so geht und die Nachfrage entsprechend hoch ist, steigt der Preis. Neben Futter fehlt auf vielen Höfen nach mehreren Krisenjahren wiederum genau eines: Geld.

Viele Landwirte, die sich auf die Mast von Rindern spezialisiert haben, lassen ihre Ställe einfach leer stehen. So machen sie immer noch weniger Verlust, als wenn sie die Kälber mästen würden. „Es herrscht große Unsicherheit, wann sich die Preise für Mastvieh wieder stabilisieren“, sagt Marktexperte Hortmann-Scholten.

Kein Platz für die überzähligen Kälber

Das ist die eine Seite. Auf der anderen stehen dann diejenigen Betriebe, die sich auf die Milchviehhaltung spezialisiert haben. Sie müssen ihre überzähligen Kälber – vor allem die männlichen – irgendwie vermarkten. Auf den eigenen Höfen ist in aller Regel kein Platz für die Aufzucht der Tiere.

Und so heißt es aktuell schon fast beiläufig es im Wochenbericht der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein – wie Niedersachsen ebenfalls ein Bundesland mit viel Milchviehhaltung:

„Besonders kleine Kälber und weibliche HF-Tiere finden kaum noch Abnehmer.“


HF steht für Holstein-Friesian. Diese Rasse ist daraufhin gezüchtet worden, möglichst viel Milch zu geben. Zu erkennen ist sie am schwarz-bunten Fellmuster. Gerade in Norddeutschland sind es HF-Kühe, die in Ställen stehen oder auf der derzeit nicht mehr ganz so grünen Weide grasen.

Foto: Christoph Schmidt/dpa
Christoph Schmidt
Foto: Christoph Schmidt/dpa


Andere Rassen haben sie regelrecht verdrängt. Doch die Spezialisierung auf die Milch hat ihren Preis: Für die Mast sind die Tiere weniger gut zu gebrauchen.

Auch die Neun-Euro-Kälber aus dem Emsland sind HF-Tiere. Sehr leicht zudem und deswegen für jeden Mäster ein finanzielles Risiko. „Nur mit deutlichen Preiszugeständnissen“ seien solche Tiere derzeit zu verkaufen, sagt Karsten Hoek.

Mit Fleischrassen kreuzen?

Sein niedersächsischer Kollege Hortmann-Scholten wirbt dafür, nicht allein auf HF-Kühe zu setzen. „Es macht Sinn, HF-Kühe mit Fleischrassen zu kreuzen, wenn diese nicht für die Nachzucht in der Herde gebraucht werden. Diese Nachkommen bringen mehr Geld ein im Verkauf.“

Für den Landwirt im Emsland ist das keine Lösung. Seine Kühe stehen zum Verkauf. Sie werden den Hof verlassen. Irgendwo wird immer ein Stall gebaut, irgendwo vergrößert immer jemand seinen Betrieb.

Weil die Familie aus dem Emsland auch anderweitig in der Landwirtschaft tätig ist, kann sie aus der Milchviehhaltung aussteigen, ohne Pleite zu gehen. „In den vergangenen Jahren haben wir eh mit jedem Liter Milch nur noch Geld verbrannt“, sagt der entnervte Landwirt. Viele seiner Kollegen haben keinen solchen Plan B.

Und was machen die mit den Kälbern, die nichts wert sind? Der emsländische Bauer hat da so Geschichten gehört. Sie enden meist in den Kadaverbeseitigungsanstalten. Und nicht im Schlachthof. Die Vertreter der Landwirtschaftskammern halten das für Gerüchte.

Foto: Mohssen Assanimoghaddam
Mohssen Assanimoghaddam
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