Wirtschaft : Trotz Vollzeitjob keine 2000 Euro

Jeder sechste Arbeitnehmer verdient weniger. Reinigungsbranche Schlusslicht

von
28. April 2019, 20:00 Uhr

Rund 3,38 Millionen Vollzeitbeschäftigte in Deutschland haben im Monat zuletzt weniger als 2000 Euro brutto verdient. Nach den jüngsten offiziellen Daten Ende 2017 waren das 16 Prozent, wie eine der Deutschen Presse-Agentur vorliegende Antwort des Bundessozialministeriums auf eine Anfrage der Linken zeigt. Die Abgeordnete Sabine Zimmermann hatte anlässlich des Tages der Arbeit am 1. Mai danach gefragt.

In Westdeutschland kamen 2,32 Millionen Vollzeitbeschäftigte (13,5 Prozent) auf weniger als 2000 Euro brutto, in Ostdeutschland 1,06 Millionen (27,5 Prozent).

Die höchsten Anteile hatten mit 32,6 Prozent Mecklenburg- Vorpommern und mit 30,2 Prozent Thüringen - die niedrigsten mit 11,4 Prozent Baden-Württemberg und mit 11,5 Prozent Hamburg.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen relevanten Inhalt einer externen Plattform, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich einfach mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder ausblenden.

 Externen Inhalt laden

Mit Aktivierung der Checkbox erklären Sie sich damit einverstanden, dass Inhalte eines externen Anbieters geladen werden. Dabei können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen

Berufe in der Reinigungs- und Tourismusbranche besonders schlecht bezahlt

Die Branchenunterschiede sind groß. Das zeigt eine weitere der dpa vorliegende Antwort, die das Sozialministerium unabhängig davon auf eine kleine Anfrage des AfD-Abgeordneten René Springer gegeben hat: So bildeten bei den hauptsächlichen Berufsgruppen die Beschäftigten der Reinigungsberufe mit einem mittleren Bruttoeinkommen von 1861 Euro Ende 2017 das Schlusslicht - gefolgt von den Arbeitnehmern im Tourismus, bei Hotels und Gaststätten mit 1961 Euro.

Es folgen die Land-, Tier- und Forstwirtschaftsberufe mit 2154 Euro für die Beschäftigten im Mittel, die Lebensmittelherstellung und -verarbeitung mit 2165 Euro, die nichtmedizinischen Gesundheits- und Pflegeberufe mit 2353 Euro und die Berufe im Verkauf mit 2411 Euro.

Am oberen Ende der Skala sind die Angehörigen der Informatik- und IT-Berufe mit im Mittel 4926 Euro brutto im Monat.

Geringqualifizierte verdienen dabei deutlich weniger: So verdienten vollzeitbeschäftigte Helfer in Hotels und Gaststätten in Ostdeutschland im Jahr 2017 im Mittel nur 1610 Euro und dort in Reinigungsberufen nur 1633 Euro. In Westdeutschland sind zudem Helfer bei Sicherheitsdiensten mit im Mittel 1768 Euro im unteren Bereich der Skala.

Fachkräfte mit Niedriglöhnen abgespeist

Aber auch ein hohes Anforderungsniveau schützt nicht in allen Branchen vor vergleichsweise niedrigem Einkommen: So kommen in Ostdeutschland Fachkräfte in der Werbung nur auf 1902 Euro im Mittel und Spezialisten in Gartenbau und Floristik auf 2201 Euro. Fachkräfte insgesamt verdienen im Mittel im Westen 3098 Euro und im Osten 2375 Euro. „Viel zu viele Beschäftigte werden mit Niedriglöhnen abgespeist“, sagte Zimmermann. So sorgten Inflation und vielerorts explodierende Mieten dafür, dass man mit unter 2000 Euro brutto nicht mehr weit komme. „Es ist ein Skandal, dass insbesondere der Osten weiterhin so deutlich abgehängt ist“, so die Arbeitsmarktexpertin ihrer Fraktion.

Von der Bundesregierung forderte Zimmermann unter anderem eine Erhöhung des Mindestlohns von 9,19 Euro auf 12 Euro und die Abschaffung von Leiharbeit.

Demonstrationen zum Tag der Arbeit

Zum Tag der Arbeit am 1. Mai tritt die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung traditionell für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne ein. Er wird seit fast 130 Jahren begangen. In Deutschland gab es am 1. Mai 1890 erstmals Massendemonstrationen.

Damals wurde der Acht-Stunden-Tag gefordert. In diesem Jahr stellt der Deutsche Gewerkschaftsbund die Kundgebungen unter das Motto: „Europa. Jetzt aber richtig!“ Dabei will der DGB auch für Mindestlöhne eintreten, die je nach Lohnniveau der Mitgliedsstaaten vor Armutsrisiko schützen sollen.

Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland, Verena Bentele, warnte vor den Folgen niedriger Löhne auch für die Alterssicherung. „Gute Löhne sorgen für gute Renten. Die Politik muss endlich handeln, damit aus den armen Beschäftigten von heute nicht die armen Rentner von morgen werden“, erklärte sie.

Um Altersarmut vorzubeugen, müsse der Mindeststundenlohn auf mindestens 12,80 Euro angehoben werden. Zudem müssten prekäre Beschäftigungsverhältnisse wie Minijobs sowie Leih- und Zeitarbeit eingedämmt werden, betonte Bentele.

Kommentar von Katharina Ritzer: Populismus von allen Seiten

Tag der Arbeit? Für die meisten Menschen ist der 1. Mai einfach ein willkommener Feiertag. Dass die Gewerkschaften an diesem Tag einst für wichtige Errungenschaften wie den Acht-Stunden-Tag gekämpft haben, ist wohl am ehesten noch den Gewerkschaftern selbst bewusst, die sich pflichtschuldigst zu ihren ritualisierten Maikundgebungen treffen. In Zeiten annähernder Vollbeschäftigung und akuten Fachkräftemangels ist kein Leidensdruck im Lande auszumachen. Im Gegenteil: Die Unternehmen bewerben sich inzwischen bei Mitarbeitern von morgen,  nicht mehr umgekehrt wie früher.So viel Zufriedenheit kann der Opposition natürlich nicht gefallen, und so nutzen die Linke und die AfD in bemerkenswerter Eintracht den nahenden 1. Mai, um das bedrückende Bild eines Millionenheers von dramatisch schlecht bezahlten Arbeitnehmern hierzulande zu zeichnen. Drohen auch Deutschland marodierende Gelbwesten und brennende Barrikaden? Nein, tun sie nicht.

Freie Tarifverhandlungen haben über Jahrzehnte  zu den heutigen Löhnen geführt, viele der weniger gut bezahlten Jobs etwa im Tourismus oder in der Gastronomie finden sich auf dem Land mit deutlich geringeren Lebenshaltungskosten, etwa bei den Mieten. Dazu kommt ein gut ausgebauter Sozialstaat, der im Notfall einspringt. Die Klassenkampf-Szenarien von ganz rechts und von ganz links sind also vor allem eines: purer Populismus zum 1. Mai. Ein Aspekt bleibt  aber wichtig: Wer wenig verdient, bekommt eine geringe Rente und kann kaum selbst für das Alter vorsorgen. Hier ist die Politik gefragt.

Darum geht's im MEDIENPROJEKT von SVZ und NNN

Etwa 65.000 Schüler und Lehrer allein in unserem Verbreitungsgebiet erhalten in einem gemeinsamen Projekt der Zeitungsverlage und des MV-Bildungsministeriums bis zum Jahresende kostenlosen Zugang zu den Newsportalen. Fragen Sie an den Einrichtungen ihrer Kinder nach den Bedingungen und Login-Daten, die Sie auch in der Familie nutzen können.
Was bewegt die Schüler ab Klasse 5 bis hinauf in die Gymnasien und Berufsschulen unseres Landes? Was passiert in ihrem Umfeld, in Deutschland und der Welt? Wie können seriöse Nachrichten von Fake News unterschieden werden?
Die Schweriner Volkszeitung und die Norddeutschen Neuesten Nachrichten bieten den Schülern die aktuellsten Berichte, liefern in einem speziellen Dossierbereich "Diskussionsstoff" für den Unterricht und möchten mit ihnen in Austausch kommen.
 
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen