Aus Japan in den Libanon : Getürmter Ex-Renault-Chef: Interpol fahndet nach Carlos Ghosn

Ghosn war im November 2018 in Japan festgenommen worden.
Ghosn war im November 2018 in Japan festgenommen worden.

Wie die Flucht des 65-Jährigen genau ablief, ist zwar noch unklar. Doch nun gibt es erste Hinweise.

von
02. Januar 2020, 12:17 Uhr

Tokio/Istanbul/Paris | Nach der überraschenden Flucht des früheren Autobosses Carlos Ghosn aus Japan in den Libanon sind in der Türkei sieben mutmaßliche Helfer festgenommen worden. Darunter seien vier Piloten, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Donnerstag. Sie würden verdächtigt, Ghosn bei der Flucht mit einem Privatjet von Japan über Istanbul in den Libanon geholfen zu haben. In Tokio durchsuchten Ermittler das Haus Ghosns.

Nach dem früheren Konzernchef von Renault wird zugleich mit einem internationalen Fahndungsaufruf gesucht. Der libanesische Justizminister Albert Sarhan erklärte, die Generalstaatsanwaltschaft in Beirut habe ein entsprechendes Gesuch der internationalen Polizeibehörde Interpol erhalten, wie die staatliche Nachrichtenagentur NNA meldete. Aus libanesischen Justizkreisen hieß es, Ghosn solle in der kommenden Woche befragt werden. Eine sogenannte Rote Notiz von Interpol ist kein Haftbefehl, sondern ein Fahndungsaufruf zur Festnahme eines gesuchten Verdächtigen.

Ghosn: Habe meine Ausreise allein organisiert

Dass seine Familie in die Planung seiner Flucht verwickelt gewesen sein könnte, wies Ghosn in einem Statement zurück. "Es war ich ganz allein, der meine Ausreise organisiert hat", so Ghosn. Anderslautende Berichte seien unwahr. "Meine Familie hat keine Rolle gespielt." Berichte, Ghosn habe sich in einem Kontrabass-Koffer versteckt, waren aus seinem Umfeld rasch zurückgewiesen worden.

Japanische Ermittler durchsuchen nach dessen unerlaubter Ausreise Ghosns Residenz in Tokio. Foto: AFP/STR / JIJI PRESS
Japanische Ermittler durchsuchen nach dessen unerlaubter Ausreise Ghosns Residenz in Tokio. Foto: AFP/STR / JIJI PRESS


Sicher fühlen könnte sich der Ex-Manager in Frankreich. "Wenn Herr Ghosn nach Frankreich käme, würden wir Herrn Ghosn nicht ausliefern, denn Frankreich liefert niemals seine eigenen Staatsangehörigen aus", sagte die Staatssekretärin im französischen Wirtschafts- und Finanzministerium, Agnès Pannier-Runacher, am Donnerstag dem Sender BFMTV. Ghosn besitzt die französische, brasilianische und libanesische Staatsangehörigkeit.

Der frühere Renault-Chef war am 19. November 2018 in Tokio wegen Verstoßes gegen Börsenauflagen festgenommen und angeklagt worden. Im April 2019 wurde er auf Kaution aus der Untersuchungshaft in Japan entlassen – unter strengen Auflagen, um zu verhindern, dass er flieht oder Beweismaterial vertuscht. Unter anderem wurde ihm verboten, das Land zu verlassen. Wie Ghosn dennoch aus Japan entkam, ist weiter unklar.

Entkam Ghosn mit zweitem französischen Pass?

Wie die Nachrichtenagentur AFP aus Ermittlerkreisen erfuhr, hatte Ghosn eine Sondergenehmigung eines japanischen Gerichts und trug seinen französischen Zweitpass in einer Art Etui bei sich, das durch einen nur seinen Anwälten bekannten Geheimcode verschlossen war. Da sich Ghosn innerhalb Japans relativ frei bewegen konnte, habe er diesen Pass als Nachweis für seinen Aufenthaltsstatus benötigt.

Für seine Ausreise aus Japan nutzte Ghosn diesen Pass aber offenbar nicht. NHK zufolge wird er verdächtigt, unter falscher Identität oder unter Umgehung der Grenzkontrollen ausgereist zu sein. Er könnte demnach in einem Gepäckstück außer Landes geschleust worden sein – das Gepäck von Privatflugzeugen wird nicht durchleuchtet. Der Ex-Automanager könnte auch mit diplomatischer Hilfe die Kontrollen umgangen haben.

Ein Sprecher des französischen Außenministeriums wollte die Berichte über einen zweiten Pass am Donnerstag in Paris nicht kommentieren. Er verwies auf die japanischen Behörden, die die Sache untersuchten.

Im Privatjet von Japan nach Beirut

Ghosn will sich erst in der kommenden Woche äußern. Er sei "nicht länger eine Geisel des manipulierten japanischen Justizsystems", hatte er in einer ersten Stellungnahme betont. Ghosn besitzt ein Luxusanwesen in der libanesischen Hauptstadt Beirut.

Vor dem Eingang von Ghosns Anwesen in Beirut warten Journalisten. Foto: AFP/JOSEPH EID
Vor dem Eingang von Ghosns Anwesen in Beirut warten Journalisten. Foto: AFP/JOSEPH EID


Für seine Flucht soll der inzwischen für den regulären Betrieb geschlossene Atatürk-Flughafen in Istanbul genutzt worden sein. Ghosn war am Sonntagabend mit einem Privatjet auf dem Internationalen Flughafen in Beirut gelandet.

Die französische Staatssekretärin Pannier-Rumacher betonte, für alle würden die gleichen Spielregeln gelten. Sie erinnerte allerdings erneut daran, dass niemand über dem Gesetz stehe. Die französischen Behörden hatten nach eigenen Angaben von Ghosns überraschender Flucht aus den Medien erfahren.

Weiterlesen: Carlos Ghosn flieht vor Prozess in Japan in seine Villa im Libanon

Aus dem Außenministerium in Tokio hieß es, Japans Regierung sei nun auf Hilfe der libanesischen Behörden angewiesen, da kein Auslieferungsabkommen mit dem Mittelmeerstaat bestehe. Ghosn soll laut Staatsanwaltschaft auch private Investitionsverluste auf Nissan übertragen haben. Er gilt als Architekt des internationalen Autobündnisses zwischen Renault, Nissan und Mitsubishi.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen