Nach zwei tödlichen Abstürzen : Boeing fährt 737-Max-Produktion zurück

Eine Boeing 737 MAX 8.
Eine Boeing 737 MAX 8.

Nach zwei Abstürzen und Flugverboten fährt der US-Luftfahrtriese Boeing die Produktion seiner Baureihe 737 Max herunter – und räumt ein weiteres Softwareproblem ein.

von
05. April 2019, 23:08 Uhr

Chicago | Die monatliche Fertigungsrate werde ab Mitte April um fast ein Fünftel von 52 auf 42 Maschinen gedrosselt, teilte Boeing am Freitag mit. Eigentlich war geplant gewesen, die Produktion der bestverkauften Modellserie bis zum Sommer deutlich zu erhöhen. Doch nachdem innerhalb weniger Monate zwei baugleiche Maschinen vom Typ 737 Max 8 in Indonesien und Äthiopien abstürzten, lenkt Boeing ein.

Nach den Unglücken, bei denen insgesamt 346 Menschen ums Leben kamen, waren weltweit Startverbote für die Boeing-Serie erlassen worden. Die Flugzeuge können derzeit nicht ausgeliefert werden und es drohen Stornierungen. Konzernchef Dennis Muilenburg bezeichnete die Produktionskürzung als vorübergehende Maßnahme. Wegen der noch nicht abschließend geklärten Unfallursachen und Problemen mit einer Steuerungssoftware ist momentan unklar, wann die 737-Max-Maschinen von den Aufsichtsbehörden wieder in die Luft gelassen werden.

Der US-Flugzeugbauer hatte zuvor ein weiteres Softwareproblem identifiziert. Zwar beteuert Boeing, dass es sich um keine größere Sache handele. Doch das Vertrauen in den Konzern ist ohnehin schon stark beschädigt. Zudem wird immer ungewisser, wie es nun mit den weltweit mit Startverboten belegten Unglücksfliegern der Baureihe 737 Max weitergeht. Eine rasche Lösung scheint zumindest nicht in Sicht.

737-Max-Flugverbot wird nicht aufgehoben

Mitten in die Nachlese des ersten Ermittlungsberichts zum Absturz in Äthiopien platzte Boeing mit der Nachricht, ein neues Softwareproblem gefunden zu haben. Dieses sei bei der Überarbeitung des umstrittenen Steuerungsprogramms MCAS festgestellt worden, stünde aber nicht in direktem Zusammenhang damit, teilte Boeing in der Nacht auf Freitag mit. Zuvor hatte die "Washington Post" berichtet, dass die US-Luftfahrtbehörde FAA das neue Problem beanstandet habe. Solange es nicht gelöst sei, werde das 737-Max-Flugverbot nicht aufgehoben.

Trümmerteile der Ethiopian Airlines vom Typ Boeing 737 Max 8.
AP/dpa/Mulugeta Ayene
Trümmerteile der Ethiopian Airlines vom Typ Boeing 737 Max 8.

Die Zeitung schrieb unter Berufung auf zwei mit der FAA-Untersuchung vertraute Quellen, dass das Problem als entscheidend für die Flugsicherheit eingestuft werde. Boeing bezeichnete es hingegen als "relativ geringfügige Angelegenheit", die zusammen mit dem MCAS-Update adressiert werde. "Wir haben bereits eine Lösung dafür in Arbeit", hieß es in der Stellungnahme des Konzerns. In den "kommenden Wochen" werde das Update soweit sein, dass es der FAA zur Zertifizierung vorgelegt werden könnte. Boeing verfolge einen "umfassenden, disziplinierten Ansatz, um es richtig zu machen".

Softwarefehler steuerte Unglücksmaschine Richtung Boden

Vorstandschef Dennis Muilenburg hatte kurz zuvor so deutlich wie noch nie Probleme mit der Steuerungssoftware MCAS eingeräumt. Es scheine nach dem vorläufigen Ermittlungsbericht zum Absturz in Äthiopien, als ob das Programm durch falsche Sensordaten unnötigerweise eingeschaltet worden sei, teilte Muilenburg am Donnerstag mit. Damit wird die Theorie, dass ein Softwarefehler die Maschine Richtung Boden lenkte, erstmals quasi von oberster Konzernstelle gestützt.

Das dringend erwartete MCAS-Update werde sicherstellen, dass Unfälle wie in Äthiopien und Indonesien "nie wieder passieren", versicherte Boeing-Chef Muilenburg. Bislang hatte der Flugzeughersteller stets bestritten, dass die MCAS-Software ein Sicherheitsrisiko darstellt. Kurz vor Muilenburgs Stellungnahme hatte der Konzern aber bereits angekündigt, dass Piloten künftig immer die Möglichkeit haben werden, die Automatik auszuschalten und zur manuellen Kontrolle zu wechseln.

Boeing plant umfassendes Update

Das eigens für die spritsparende Max-Neuauflage von Boeings 737-Serie entwickelte MCAS-Programm soll eigentlich dafür sorgen, in bestimmten Flugsituationen – etwa bei einem zu steilen Aufstieg der Maschine – automatisch den Flugwinkel zu korrigieren. Doch die bisherigen, vorläufigen Unfallberichte deuten darauf hin, dass das System bei den Abstürzen durch Einspeisung falscher Sensordaten irrtümlicherweise automatisch angesprungen ist – mit fatalen Folgen.

Beim Crash der Lion-Air-Maschine in Indonesien Ende Oktober soll der Bordcomputer die Nase der Boeing 737 Max 8 wegen der MCAS-Fehlfunktion automatisch immer wieder nach unten gedrückt haben, während die Crew gegenzusteuern versuchte. Ein ähnliches Szenario gilt inzwischen auch beim Ethiopian-Airlines-Absturz am 10. März als wahrscheinlich. Insgesamt starben bei den Unglücken 346 Menschen. Trotz der bisherigen Beteuerungen, MCAS sei sicher, arbeitet Boeing schon seit dem Crash in Indonesien an einem umfassenden Update.

Airlines und Piloten nicht ausreichend informiert

Vergangene Woche hatte der Hersteller die geplanten Neuerungen, mit denen die FAA dazu bewegt werden soll, die 737-Max-Serie wieder als flugtüchtig einzustufen, vor mehr als 200 Piloten, Technikern und Regulierern in seinem Werk in Renton im US-Bundesstaat Washington präsentiert. Über das Software-Update hinaus versprach Boeing weitere Alarmfunktionen im Cockpit und zusätzliches Training für Flugcrews. Dem Konzern war zuvor vorgeworfen worden, Airlines und Piloten nicht ausreichend über das MCAS-Programm informiert zu haben.

Justizministerium und FBI ermitteln

Boeing und die FAA stehen wegen der Zulassung der 737-Max-Baureihe, wegen der in den USA bereits das Verkehrsministerium ermittelt, stark in der Kritik. Die Luftfahrtbehörde wird verdächtigt, bei der Zertifizierung ein Auge zugedrückt zu haben und Boeing wurde schon beschuldigt, bei dem Prozess Informationen unterschlagen zu haben. Das Ganze könnte rechtlich noch ein Nachspiel haben, laut US-Medien ermitteln auch Justizministerium und FBI inzwischen in dem Fall.

Zuletzt gab es noch rund 5000 Bestellungen für die 737 Max. Bis zum Sommer soll die Produktion eigentlich auf 57 Maschinen pro Monat klettern – was Boeing finanziell wie organisatorisch vor Herausforderungen stellen dürfte. "Wenn sie die Dinger sechs Monate lang nicht loswerden, haben sie irgendwann 300 oder noch mehr Flugzeuge herumstehen", sagte Experte Stephen Perry von der Investmentbank Janes Capital Partners.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen