E-Mobilität, Jobabbau, Klimaschutz : Chef Diess fordert mehr Tempo bei Volkswagen-Umbau

Volkswagen-Chef Herbert Diess bei der Jahrespressekonferenz in Wolfsburg Foto: Christophe Gateau/dpa
Volkswagen-Chef Herbert Diess bei der Jahrespressekonferenz in Wolfsburg Foto: Christophe Gateau/dpa

Kurs Richtung E-Mobilität, CO2-Neutralität bis 2050, höhere Renditen und weniger Arbeitsplätze. Volkswagen-Chef Herbert Diess stimmt den Autokonzern auf einen raschen Umbau ein. Und bekommt Gegenwind.

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12. März 2019, 14:07 Uhr

Wolfsburg | Trotz massiver Belastungen durch die Dieselkrise hat der Volkswagen-Konzern im vergangenen Jahr seinen Gewinn gesteigert: 2018 verdienten die Wolfsburger nach Steuern 12,1 Milliarden Euro, das sind 6 Prozent mehr als 2017. Insgesamt wurden 10,8 Millionen Fahrzeuge ausgeliefert, neuer Rekord. Das zahlt sich auch aus: Im Mai sollen die Mitarbeiter einen Bonus in Höhe von 4750 Euro (2017: 4100 Euro) erhalten, auch die Dividende soll um 90 Cent pro Aktie steigen.

"Wir haben uns trotz starken Gegenwinds ordentlich geschlagen", sagte Konzernchef Herbert Diess am Dienstag bei der Jahrespressekonferenz in Wolfsburg. Doch zufrieden ist er noch lange nicht. "Jetzt geht es darum, schneller zu werden, unsere Defizite anzupacken", sagte der Konzernchef. Und: "Volkswagen wird sich grundlegend ändern." Dazu gehört auch die Führungskultur: Etwa 400 Spitzenmanager werden in Assessment-Center geschickt, um Soft Skills zu lernen.

Bekenntnis zur E-Mobilität

So soll Volkswagen die E-Mobilität stärker vorantreiben: Bis 2028 will der Konzern knapp 70 neue E-Modelle auf den Markt bringen, bisher waren 50 geplant. In zehn Jahren will Volkswagen 22 Millionen E-Autos bauen. Es gebe in der nächsten Dekade "keine Alternative zur Elektromobilität", wolle die Gesellschaft die Klimaziele von Paris halten, sagte Diess und forderte Mitbewerber und die Politik auf, sich auf den E-Antrieb zu fokussieren. Die Politik solle mit Ladeinfrastruktur und neuen Steuermodellen die E-Mobilität fördern. Anderen Antriebsformen gab der Konzernchef eine Absage: Auch wenn andere Modelle wie die Brennstoffzelle Sinn machten, sei "Technologieoffenheit jetzt die falsche Parole", sagte er.

Allerdings rechnet der Chef auch mit weiteren Problemen: "Der Umbauplan, den wir uns zumuten, ist extrem anspruchsvoll", sagte Diess. Allerdings gebe es keine Alternative zu dem "aggressiven" Veränderungsplan. Noch dieses Jahr sollen die ersten reinen E-Autos in Produktion gehen: Audi startet mit dem e-tron, Porsche baut den Taycan und Volkswagen will mit dem ID ein Auto in der Golf-Preisklasse anbieten. In welcher Form VW in die Batteriezellfertigung einsteigt, ist noch offen. Derzeit sei man in Gesprächen mit möglichen Partnern.

VW will bis 2050 klimaneutral produzieren

Ohne diesen Umstieg seien die Ziele des Pariser Klimaabkommens nicht zu erreichen, sagte Diess. Allein die Pkws aus dem Konzern seien für ein Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. "Dieses Prozent wollen wir auf 0 setzen", sagte Diess. 2050 will der Konzern klimaneutral produzieren, bereits 2025 soll der Flottenausstoß um 30 Prozent niedriger sein. Bei der Energie und im Einkauf will Volkswagen ebenfalls umstellen: Das markante Wolfsburger Kraftwerk soll von Kohle auf Gas umstellen.

Fehler bei WLTP

Ärger gab es vor der Pressekonferenz vor allem mit dem mächtigen Betriebsratschef Bernd Osterloh: Der hatte dem Management kürzlich schwere Fehler unter anderem wegen der Probleme beim Abgas-Prüfverfahren WLTP vorgeworfen. Die Verzögerungen durch verspätete Modellfreigaben sorgten nicht nur in der Belegschaft für Unmut, sondern kosteten den Konzern im vergangenen Jahr etwa eine Milliarde Euro. Diess gab Fehler zu: "Wir haben WLTP nicht optimal hingekriegt", sagte er. 2019 soll es besser laufen.

Ärger mit der Kernmarke

Der Streit zwischen Bernd Osterloh und Diess geht aber viel tiefer, es geht offenbar um massive Stellenstreichungen. Berichten zufolge will die Konzernspitze 7000 zusätzliche Stellen abbauen. Kommentieren wollte Diess das am Dienstag nicht. Er verwies auf die Pressekonferenz der Kernmarke Volkswagen am morgigen Mittwoch. Mit deren Rendite ist Diess sehr unzufrieden: Das Umsatzrenditeziel für den Golf-Produzenten liegt 2022 bei 6 Prozent, 2018 sank diese allerdings von 4,2 auf 3,8 Prozent. Im Diess-Umfeld wird moniert, dass sich der Konzern dauerhaft teure Eigenleistungen gönnt – so werde eine Kanne Kaffee des internen Caterers in Wolfsburg mit mehr als 60 Euro berechnet.

Konzern will auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten

Der Betriebsrat moniert, dass der Konzern eine neue Fabrik in Osteuropa bauen will – während es in Deutschland Auslastungsprobleme gibt. Am Montag trafen sich Diess und Osterloh zu einem "konstruktiven Gespräch" (Diess). Am Dienstag charakterisierte der Konzernchef den obersten Betriebsrat als "emotional" und manchmal spontan", doch man komme "in Summe ganz gut zurecht". Eine Annäherung ist nicht ausgeschlossen, denn VW will auch über das Jahr 2025 hinaus auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. Man habe ein "volles Regal" an Instrumenten, sagte Finanzvorstand Frank Witter. Zudem habe der Konzern früh mit der Umstellung begonnen. Diess betonte, Arbeitgeber und -nehmer könnten den Strukturwandel "nur gemeinsam" bewältigen.

VW will Softwareschmiede werden

Und dieser Strukturwandel soll sich beschleunigen: "Der Tanker nimmt Fahrt auf", sagte der Chef am Dienstag. Insgesamt soll Volkswagen agiler und innovativer werden. Passend zum Modularen E-Antriebs-Baukasten (MEB) will der Konzern ein eigenes Auto-Betriebssystem namens "vw.OS" aufsetzen, an welches Steuersysteme der Zulieferer und Apps der Handyhersteller andocken sollen. Schon jetzt braucht ein Auto etwa zehnmal so viel Software wie ein Handy, der Anteil dürfte beim autonomen Fahren exponenziell ansteigen. Diess will Softwarezulieferer kaufen und den Bereich drastisch aufbauen.

Ein Auge auf China

Eine bedeutende Rolle dürfte dabei auch China spielen, wo Volkswagen im vergangenen Jahr 4,2 Millionen Autos verkauft hat: "Die Zukunft von VW entscheidet sich in China", sagt Diess und sieht die "strategisch wichtigste Aufgabe", diesen Markt zu sichern: Die Zeiten, in denen europäische Technologie in den größten Absatzmarkt exportiert wurde, sind wohl endgültig vorbei. Diess sieht die chinesische Wirtschaft "in einigen Bereichen auf Augenhöhe" mit den hiesigen Marktführern, bei den Themen Mobilfunk, mobiles Bezahlen und digitale Infrastruktur sogar weiter. "Wir gehen davon aus, dass China in einigen Bereichen eine Führungsrolle übernehmen kann", sagt Diess.

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