Kräfteverhältnisse im Wandel : Deutschland für ausländische Fachkräfte mäßig attraktiv – Apps als Ausweg?

Tausende Ingenieure werden in Deutschland gesucht. Doch geeignete Fachkräfte aus dem Ausland geben oft anderen Ländern den Vorzug.
Tausende Ingenieure werden in Deutschland gesucht. Doch geeignete Fachkräfte aus dem Ausland geben oft anderen Ländern den Vorzug.

Neue Online-Plattformen sollen Unternehmen helfen, sich für Arbeitnehmer hübsch zu machen.

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29. Mai 2019, 18:30 Uhr

Berlin | Kräfteverhältnisse im Wandel: Die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt ist trotz eines leichten Dämpfers weiter hoch – und zugleich bescheinigt eine aktuelle OECD-Studie Deutschland im Ländervergleich eine eher mäßige Attraktivität für internationale Fachkräfte. Im Jahr 2017 hatten rund 38.000 Ausländer aus Nicht-EU-Staaten in Deutschland einen Aufenthaltstitel als Fachkraft erhalten.

Für viele Unternehmen bedeutet dies, dass sie für immer selbstbewusstere Interessenten den roten Teppich breiter ausrollen und auf der anderen Seite auch größeren Wert auf die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter legen müssen. In diesen Bereich wollen nun neue Plattformen vorstoßen.

IT-Experten und Ingenieure stark gefragt

"Gute IT-ler kriegen bis zu 150 Jobangebote pro Woche", sagt Oliver Zauritz, der bei der DKB Code Factory, einem Digital-Startup der Deutschen Kreditbank, für die Rekrutierung junger Talente verantwortlich ist. Laut Branchenverband Bitkom gab es Ende vergangenen Jahres allein 82.000 offene Stellen für IT-Spezialisten wie etwa Softwareentwickler – fast 50 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor.

Auch an Ingenieuren mangelt es in vielen Unternehmen: Einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) zufolge fehlen derzeit rund 311.000 Fachkräfte in den Berufen rund um Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (Mint). Die Wirtschaft sei daher immer mehr auf Fachkräfte auch aus dem Ausland angewiesen.

Deutschland hinter Schweiz und Slowenien

Genau hier hat Deutschland aber offenbar Nachholbedarf. Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist die Bundesrepublik zwar durchaus für Studierende und für Unternehmer attraktiv, rangiert bei ausländischen Fachkräften aber nur auf dem zwölften Platz. Schlusslicht unter den 35 Staaten, die verglichen wurden, ist die Türkei.

Attraktiv für Fachkräfte

  1. Australien
  2. Schweden
  3. Schweiz
  4. Neuseeland
  5. Kanada
  6. Irland
  7. USA
  8. Niederlande
  9. Slowenien
  10. Norwegen

Attraktiv für Unternehmer

  1. Kanada
  2. Neuseeland
  3. Schweiz
  4. Schweden
  5. Norwegen
  6. Deutschland
  7. Australien
  8. Finnland
  9. Dänemark
  10. Irland

Attraktiv für Universitätsstudenten

  1. Schweiz
  2. Norwegen
  3. Deutschland
  4. Finnland
  5. USA
  6. Australien
  7. Frankreich
  8. Kanada
  9. Neuseeland
  10. Schweden

Per App hinter die Kulissen schauen

Zauritz setzt für die DKB Code Factory deshalb nun auch auf das Ende April in Deutschland gestartete Portal Wantedly, auf dem nicht etwa Arbeitnehmer um die Gunst der Arbeitgeber buhlen, sondern sich vor allem die Unternehmen ins rechte Licht rücken wollen.

Interessenten sollen etwa durch Videos einen Eindruck von der Stimmung im Team bekommen oder mit Mitarbeitern chatten können. Außerdem sollen Nutzer über die Plattform die Möglichkeit bekommen, einen Besuch beim Unternehmen anzubahnen, um dort hinter die Kulissen zu schauen.

So wirbt die DKB Code Factory bei Wantedly damit, wie wichtig ihr "multikulturelle Teams sind und dass der Bildungshintergrund eines Bewerbers für sie erst einmal sekundär ist", erläutert Zauritz. "Nach dem Motto: Fähigkeiten kann man lernen, die Persönlichkeit eines Bewerbers muss passen."

Ein Job, für den man morgens gerne aufsteht

Das Portal selbst setzt dabei auf ein Umdenken in den Unternehmen. "Heutzutage suchen Arbeitnehmer nicht mehr nur nach einem Job mit starren Arbeitsmustern, der es ihnen erlaubt, ihre Rechnungen zu zahlen", sagt Christian Walter, der bei Wantedly für den deutschen Markt verantwortlich ist. Junge Menschen suchten vielmehr einen Job, "für den es sich lohnt, morgens aufzustehen."

Vielleicht ist es dabei kein Zufall, dass Wantedly ursprünglich aus Japan stammt – einem Land, das exemplarisch für strenge Arbeitsmoral und Überstunden bis zum Burnout steht. Dort hat die Zahl der angemeldeten Unternehmen bei dem Portal von Gründerin Akiko Naka inzwischen die Zahl von 25.000 überschritten – und Wantedly sich nach Unternehmensangaben fest als "Linkedin für Millennials" etabliert, wie es mit Blick auf das US-Karrierenetzwerk heißt.

Viele junge Talente seien frustriert

Den "Millennials" wiederum haftet das Etikett an, ihren Beruf mit ihren persönlichen Bedürfnissen in Einklang bringen zu wollen – und dabei sind sie derzeit nicht unbedingt zufrieden. Gerade in Deutschland seien "viele junge Talente frustriert", sagt Walter.

Hier setzen auch Anbieter wie Peakon oder Honestly an, die sich auf digitale Mitarbeiterbefragungen spezialisieren. Sie werben damit, dass Unternehmer dank ihrer Algorithmen einen besseren Einblick bekommen, was die Beschäftigten umtreibt – und sie dann letztlich von motivierteren Mitarbeitern profitieren.

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