Wer designt sowas? : Debatte um Plus-Size-Mannequins: "So ist nicht der Mensch im Durchschnitt"

Der Sportartikelhersteller Nike bewirbt seine Kleidung nicht nur an muskulösen, sondern auch an speckigen Figuren. Die Frage, ob das ein neues Schönheitsideal sein soll, sorgt im Internet für hitzige Debatten.
Der Sportartikelhersteller Nike bewirbt seine Kleidung nicht nur an muskulösen, sondern auch an speckigen Figuren. Die Frage, ob das ein neues Schönheitsideal sein soll, sorgt im Internet für hitzige Debatten.

Einige Modehändler setzen auf Puppen in Übergrößen. Und da hört der Trend zu diversen Körperabbildungen noch nicht auf.

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18. Juni 2019, 14:06 Uhr

London/Zwijndrecht | Mit kurvigen Schaufensterpuppen hat der Sportartikelhersteller Nike gerade für Furore gesorgt. Im Internet wird wild diskutiert, ob Nike damit ein gesundheitsschädliches Körperbild bewerbe oder vielmehr endlich übergewichtige Kunden anspreche. Aber wer entscheidet eigentlich, wie die Figuren aussehen? Dazu haben wir bei einem Hersteller für Schaufensterpuppen nachgefragt.

Mit den Plus-Size-Figuren habe Nike in seinem Londoner Flagship-Store bewusst eine Diskussion anregen wollen, meint Cornel Klugmann von "Hans Boodt. Mannequins".

"Nike ist da sehr progressiv und will der Welt zeigen, dass es nicht nur die Konfektionsgröße 36 gibt und das vielleicht auch nicht das Ideal ist", sagte Klugmann im Gespräch mit unserer Redaktion. Ähnliche Figuren mit der Kleidergröße 44/46 habe sein Unternehmen auch längst im Sortiment.

Händler, die sich auf Übergrößenmode spezialisiert haben, zeigen ihre Kollektionen oft folgerichtig an Plus-Size-Figuren. Foto: Hans Boodt Mannequins
Händler, die sich auf Übergrößenmode spezialisiert haben, zeigen ihre Kollektionen oft folgerichtig an Plus-Size-Figuren. Foto: Hans Boodt Mannequins
Plus Size und Size Zero sind kein Trend für uns. Unsere Aufgabe ist es, alle abzudecken. Cordel Klugmann, Country Manager D.A.CH, seit zehn Jahren bei "Hans Boodt"

Die holländische, nach ihrem Gründer benannte Firma "Hans Boodt" kreiert und produziert seit rund 17 Jahren Schaufensterfiguren. Zu den Kunden gehören Luxusdesigner aber auch die deutschen Bekleidungsketten Peek & Cloppenburg und Breuninger. Auch Nike bestellt bei "Hans Boodt" Mannequins.


Geschäfte suchen sich Puppen aus – oder designen sie mit

Die Kunden können sich aus einem Katalog passende Figuren aussuchen – in Standardgröße und -lackierung, oder auf Wunsch mit abstrakten Köpfen. "Dort decken wir aber auch Randgruppen und Sortimente für Sport und Spezialisten ab", sagte Klugmann. "So versuchen wir Extremsportler, wie etwa Surfer, authentisch darzustellen."


Oft habe der Kunde bestimmte Vorstellungen, sodass die Designer die Mannequins gemeinsam mit dem Auftraggeber entwerfen – entweder im Atelier in Holland oder per Skype. Über "Shape und Eleganz" entscheidet laut Klugmann ein Team aus Produkt-, Mode-, Interieur- und Industriedesignern. Auch ein Grafikdesigner, der früher Computerspiele erstellte, hilft nun bei außergewöhnlichen Kundenwünschen.



Individuelle Figuren heute erschwinglicher

Der Sportartikelhersteller Adidas habe sich zum Beispiel Figuren für eine Mountainbike-Ausstattung gewünscht. "Adidas hat uns Bilder zugeschickt von Sportlern in der Downhill-Position. Dann legen die Designer los", beschreibt Klugmann ein gängiges Auftragsmuster.

Während früher die Entwicklungskosten einer Puppe mit 15.000 bis 20.000 Euro sehr hoch waren, koste eine Position heute rund 2500 Euro. "Früher saß eine Person Modell und ein Bildhauer hat ihre Figur mit Gips und Ton nachempfunden. Das war sehr kostenintensiv", begründete Klugmann.

Ersatzteillager: ein Raum voller Mannequins in den USA circa 1971. Foto: imago images/UIG
Ersatzteillager: ein Raum voller Mannequins in den USA circa 1971. Foto: imago images/UIG

Früher musste der Kunde mehrere Wochen Produktionszeit abwarten. Heute ermöglichten der Einsatz digitaler Design-Programme, 3D-Drucker und VR-Brillen Produkte, "die zu 100 Prozent den Vorstellungen des Kunden entsprechen und die Kosten und Arbeitszeit gering halten." Etwa zwei Tage brauche ein 3D-Drucker, um ein personalisiertes Mannequin zu erstellen.



Das Thema Diversifikation beschäftige aber auch "Hans Boodt". "Wir wissen genau, so ist nicht der Mensch im Durchschnitt. Man muss sich spezifizieren, um jede Gruppierung wiederzugeben." Deshalb arbeite man zum Beispiel an mehreren Ausführungen der Hautfarbe und den Gesichtsformen – etwa mit asiatisch oder afrikanisch geprägten Mund- und Augenpartien. Zudem würden einige Modemärkte in Deutschland, Schweden und Italien heute schon verstärkt nach Plus-Size-Figuren fragen.

Für Shoppingfreunde heißt das, künftig könnten sie in den Geschäften öfter Schaufensterpuppen sehen, die in vermeintlich ungewöhnlichen Posen oder Maßen daherkommen – und damit lediglich die Realität abbilden.

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