Konsumkritik : Black-Friday-Hysterie: Die Schattenseiten der Mega-Rabatte

Black Friday in Brasilien: 'Rabatte sind eine starke Droge', sagt Marketing-Experte Martin Fassnacht.
Black Friday in Brasilien: "Rabatte sind eine starke Droge", sagt Marketing-Experte Martin Fassnacht.

Am Black Friday sind Schnäppchenjäger im Kaufrausch. Doch auch Widerstand gegen den Shopping-Wahn macht sich breit.

svz.de von
23. November 2018, 16:30 Uhr

Hamburg | Es ist das Shopping-Event des Jahres: Übergeschwappt aus den USA erfreut sich der Black Friday in Deutschland immer größerer Beliebtheit. Etwa drei Viertel der Bundesbürger nehmen sich vor, auf Schnäppchenjagd zu gehen. Doch der Black Friday polarisiert. Auf Seite der Konsum-Kritiker ist der Widerstand groß – sie postulieren Alternativen. Und auch der Handel ist nicht nur in Jubellaune.

Zweifel an Sinnhaftigkeit

Zuerst einmal lesen sich die erwarteten Umsatzzahlen für den Handel am Black Friday beeindruckend. Der Handelsverband Deutschland (HDE) rechnet mit 2,4 Milliarden Euro an Ausgaben, was noch einmal 15 Prozent mehr wären als im vergangenen Jahr. Zum Vergleich: An einem durchschnittlichen Verkaufstag verdient der stationäre Handel laut HDE 1,55 Milliarden Euro. Doch die Umsatz-Explosion an einem Tag wirkt sich nicht zwangsläufig positiv für die Händler aus.

"Schon zu Beginn des wichtigen Weihnachtsgeschäfts mit Preisnachlässen um sich zu werfen, macht eigentlich keinen Sinn. Die Rabatte sollten erst am Ende der Saison kommen", urteilt Branchenkenner Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein. Die Händler hätten allerdings kaum eine Wahl, meint Kai Hudetz vom Institut für Handelsforschung (IFH) in Köln: "Wer nicht mitmacht, muss befürchten, am Ende auf seinen Waren sitzenzubleiben."

Schnäppchenjagd kann nach hinten losgehen

Am Black Friday dürften die Ladentische mancher Händler leer gefegt sein. Doch während Schnäppchenjäger triumphieren, kann das Rotstift-Spektakel für Händler auch schnell nach hinten losgehen. Das erlebte im vergangenen Jahr Deutschlands größter Elektronikhändler Ceconomy (Media Markt, Saturn). Einerseits war der Black Friday 2017 der umsatzstärkste Tag in der Geschichte des Unternehmens. Andererseits musste Ceconomy dafür einen hohen Preis zahlen. Denn die vorgezogenen Käufe sorgten dafür, dass das Geschäft im Dezember schlechter lief als erwartet und sich neue Geräte in den Filialen und Lagern stapelten. Am Ende machte der Elektronikhändler im Weihnachtsgeschäft deutlich weniger Gewinn als im Vorjahr.

Rabatte sind eine starke Droge.

Marketing-Experte Martin Fassnacht

Marketing-Experte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU warnt die Händler jedenfalls vor Übertreibungen: "Solche Rabatttage sind ein zweischneidiges Schwert. Sie sorgen für mehr Verkäufe. Aber es wird dadurch auch immer schwieriger, Produkte noch zu normalen Preisen zu verkaufen. Rabatte sind eine starke Droge."

Preisdifferenzen eher gering

Wie sehr der Kunde wirklich von den Aktionstagen profitiert, ist umstritten. Eine Studie des Preisportals Check24, bei der mehr als 100.000 Einzelpreise beliebter Weihnachtsprodukte berücksichtigt wurden, ergab, dass das durchschnittliche Preisniveau am Black Friday 2017 tatsächlich einen Tiefpunkt erreichte und die Preise danach eher wieder anstiegen. Doch waren die Preisdifferenzen – über alle Produkte gerechnet – mit nicht einmal drei Prozent eher gering.

Das Vergleichsportal Idealo.de kam bei Stichproben zu dem Ergebnis, dass von 500 untersuchten Produkten am Black Friday 2017 immerhin 381 etwas weniger kosteten als im Vormonat. Große Preissprünge waren aber auch nach dieser Studie eher die Ausnahme.

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Kritik am Konsumverhalten

Zur Mäßigung im Kaufrausch rufen am Black-Friday zahlreiche Konsum-Kritiker in den sozialen Netzwerken auf. Einige Auszüge:

SPD-Mitarbeiter Robin Mesarosch kritisiert Milliarden-Ausgaben für Konsum, während Hunderte Millionen Menschen Hunger leiden: "Millionen Menschen werden heute Milliarden € ausgeben für Dinge, die sie nicht brauchen. 795 Millionen Menschen werden heute hungern, 15.000 Kinder sterben. Aber hey: Es ist nicht unsre Schuld, dass ein Wirtschaftsflüchtling keine 20% Rabatt bei H&M bringt."

Das Presseteam vom "Greenteam Schwabenpower, einem Projekt der Umweltorganisation Greenpeace, betont: "Millionen Tonnen werden jährlich für den Müll produziert. Wollt ihr da wirklich mitmachen?! Diesen verrückten Massenkonsum hält unsere Erde nicht mehr aus!"

Vermehrt taucht auch Unverständnis über vermeintliche Schnäppchen auf. Wie etwa beim Black-Friday-Angebot des Mac-Herstellers Apple, der Käufern einen 200-Euro-Gutschein für den App Store und iTunes verspricht:

Einige Nutzer stöhnen über hohe Preise trotz des Black Fridays:

Unter dem satirischen Hashtag #BlackFryDay, in etwa übersetzt: "#SchwarzerBratTag", der zeitweise die Twitter-Trends sogar dominierte, sammelt sich ebenfalls zahlreiche Kritik am Konsum.

Einige gruseln sich richtig vor dem Tag:

Sie warnen vor der Farbe "schwarz":

Einer schreibt dem Black Friday einen Brief:

Andere regen sich über die zahlreiche Werbung auf:

Auch das Satire-Magazin "Postillon" steigt mit ein:

Die Alternative – der Kauf-Nix-Tag

In vielen Staaten hat sich am Black Friday auch ein Aktionstag gegen den Konsum etabliert, der "Buy-Nothing-Day". Ursprünglich 1992 in Kanada ins Leben gerufen, wurde der "Kauf-Nix-Tag" von der kapitalismus-kritischen Organisation Attac auch nach Deutschland getragen. Zwar ist der offizielle "Kauf-Nix-Tag" in Deutschland immer der Sonnabend nach Black Friday, doch zumindest in den sozialen Netzwerken wurde er bereits am Freitag zelebriert. Darauf weist etwa Oliver Samson vom WWF Deutschland hin:

Traten einzelne Attac-Gruppen in den vergangenen Jahren auch mit Aktionen am Kauf-Nix-Tag in Erscheinung, bleibt es dieses Mal wohl ruhig. Es sei kein Tag, der in diesem Jahr von Attac Deutschland aktiv betrieben werde, sagte Sprecherin Frauke Distelrath gegenüber unser Redaktion. Dennoch sei es ein "guter Anlass sich darüber Gedanken zu machen, was wir für ein gutes Leben brauchen." Die Möglichkeiten der Verbraucher über eine bewusst nachhaltige Steuerung des Konsums zu agieren, seien allerdings eingeschränkt. Wichtiger sei es, dass "bestimmte Formen der Produktion, die umweltschädigend sind oder Menschenrechte verletzten, verboten werden".

Dass ein Einzelner, der sich noch so viel Mühe gibt, seinen Konsum am Black Friday einzuschränken, alleine wohl aber nicht viel bewirkt, zeigen Reaktionen in den sozialen Netzwerken. Häufig wird eine Anti-Konsum-Haltung für einen Tag als "scheinheilig" bezeichnet. Zeigen, dass sie es wirklich ernst meinen mit ihrem Konsumverzicht, haben die Kritiker bereits schon wieder in drei Tagen. Am Cyber Monday steht die nächste große Schnäppchenjagd an – es ist auch eine weitere Chance, Verzicht als Alternative hervorzuheben. Vielleicht hilft das ja sogar den Händlern.

Mit dpa

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