70 Jahre Minol : Blauer Pirol auf der Roten Liste

Das Maskottchen der ehemaligen DDR-Tankstellenkette ist der „Minol-Pirol“– Pächter Peter Karrow zeigt auch das modernisierte Markenzeichen.
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Das Maskottchen der ehemaligen DDR-Tankstellenkette ist der „Minol-Pirol“– Pächter Peter Karrow zeigt auch das modernisierte Markenzeichen.

Wer in der DDR tanken wollte, musste zu Minol. Die Marke betreibt im Osten noch vier Tanken und feiert 70. Geburtstag

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30. Dezember 2018, 20:00 Uhr

Peter Karrow ist ein Exot – und ein bisschen stolz darauf. Der 61-Jährige ist in Leipzig Pächter einer Minol-Tankstelle – jener Marke, an der in der DDR kein Autofahrer vorbeikam und die nach dem Mauerfall eine sehr wechselhafte Geschichte erlebte. Ganze vier Minol-Tankstellen gibt es noch im Osten Deutschlands, eine in Sachsen-Anhalt, zwei in Sachsen und eine in Mecklenburg-Vorpommern, die in Wesenberg (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) steht.

Die Besitzer der Tankstellen haben am 1. Januar Grund zu feiern, denn dann wird die Marke Minol 70 Jahre alt. Karrow ist seit mehr als vier Jahrzehnten „Minoler“, wie sich die Mitarbeiter des 1956 gegründeten Unternehmens selbst nennen. Die Marke Minol existiert schon ein paar Jahre länger. Sie wurde am
1. Januar 1949 von der DKMZ erfunden, der Deutschen Kraftstoff- und Mineralölzentrale, die in der Sowjetischen Besatzungszone für die Versorgung mit Kraft- und Schmierstoffen zuständig war.

Erinnerungen an bekannte DDR-Marke

Minol ist ein Kunstwort - gebildet aus Mineralöl und Oleum, dem lateinischen Ausdruck für Öl. Einer, der fast alles über Minol weiß, ist Olaf Wagner (64). Der studierte Ökonom hat, wie er selbst sagt, sein ganzes Berufsleben mit Benzin und Öl verbracht. Er war nach dem Mauerfall Pressesprecher von Minol – und er hat in seinem Archiv kistenweise Erinnerungsstücke, Fotos und Dokumente gesammelt, um die Geschichte seines früheren Arbeitgebers zu dokumentieren.

Aus einer kleinen Metallschachtel holt Wagner einen blau-gelben Vogel aus Plastik hervor – den ersten Minol-Pirol aus den 60er Jahren .„Werbung hat Minol viel gemacht“, sagt Wagner. Und der Pirol war das Maskottchen der Tankstellenkette. Mit seinem Slogan: „Stets dienstbereit zu ihrem Wohl, ist immer der Minol-Pirol“ flatterte er seit den 1960er Jahren durch das DDR-Fernsehen. „Und jetzt steht der Pirol auf der Roten Liste der bedrohten Arten“, sagt Wagner und klingt etwas wehmütig. 1989 habe der Monopolist Minol 1250 Tankstellen in der DDR betrieben. Das Netz sei über die Jahre übrigens geschrumpft. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe es noch 1800 Tankstellen gegeben. „Es waren immer zu wenig Tankstellen. Deswegen sind die Leute auch gekommen und haben das Benzin in Kanistern weggeschleppt“, sagt Wagner. Dafür sei der Preis 30 Jahre lang stabil geblieben: 1,50 Mark für normales Benzin, 1,65 Mark für Extrabenzin.

Nur noch wenige Minol-Tankstellen erhalten

Rund 9000 Menschen arbeiteten für den Volkseigenen Betrieb (VEB). 1990 wurde aus dem Kombinat eine Aktiengesellschaft - und Minol schmiedete Pläne, um auf eigene Faust zu überleben. In drei Jahren wurden fast 200 moderne Tankstellen neu eröffnet. Das Unternehmen sei gewinnstark gewesen, sagt Wagner. Aber: „Obwohl Minol das Potenzial hatte zu überleben, hatte die Treuhand andere Vorstellungen.“ Im Zuge des sogenannten Leuna-Minol-Deals wurde der Tankstellenbetreiber an Elf Aquitaine verkauft.

Die Übernahme führte zum vorübergehenden Aus für Minol – denn die Franzosen nahmen den traditionsreichen Namen zunächst vom Markt. Erst die Nachfolgefirma Total entschloss sich, 2003 einige wenige Minol-Tankstellen wiederzubeleben, aus rechtlichen Gründen. „Wird ein Markenname fünf Jahre lang nicht in dem zu ihm gehörenden Geschäftsfeld genutzt, können die Markenrechte verfallen und von Dritten beansprucht werden“, erläutert Sprecherin Annika Schön. Das habe Total nicht gewollt, denn Minol „gehört zu unseren Wurzeln, zu denen wir uns bekennen.“ Eine der neuen alten Tankstellen ist die von Peter Karrow in Leipzig.

Das Maskottchen der ehemaligen DDR-Tankstellenkette ist der „Minol-Pirol“– Pächter Peter Karrow zeigt auch das modernisierte Markenzeichen.
Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa
Das Maskottchen der ehemaligen DDR-Tankstellenkette ist der „Minol-Pirol“– Pächter Peter Karrow zeigt auch das modernisierte Markenzeichen.
 

Spezielle deutsch-deutsche Geschichte

Der 61-Jährige hatte sie 1993 als Pächter übernommen und wurde zwischenzeitlich „umgebaut auf Elf“, wie er sagt. Als Total ihn gefragt habe, ob er wieder unter der Marke Minol Diesel und Benzin verkaufen wolle, „habe ich sofort Ja gesagt“, erinnert sich Karrow. „Ich war ein bisschen stolz, dass man das an mich herangetragen hat.“ „Die Marke Minol ist immer noch groß“, findet er. Vom DDR-Design in gelb-rot mussten sich die Minoler allerdings verabschieden. Diese Farben beanspruchte Branchenkonkurrent Shell für sich. Seit 1991 leuchtet Minol daher in lila-gelb. „Es kommen viele Kunden, die mich nach der Geschichte fragen. Dann erzähle ich ein bisschen was aus meinem Nähkästchen.“

Karrow verkauft auch auch noch immer den Plastik-Pirol. Allerdings seien das nur noch Restbestände des Vogels.

Die Minol-Tankstellen stechen mit ihrer speziellen deutsch-deutschen Geschichte in der Benzin-Branche heraus. Aber sie sind bei weitem nicht die Einzigen, die sich von den großen Fünf um Aral & Co abheben. Es gebe bundesweit auch etliche kleine Betriebe, die unter eigenem Namen vier, fünf Tankstellen führen, sagt Herbert W. Rabl, Sprecher des Tankstellenverbandes TIV. „Es gibt nicht viele, aber es gibt sie.“ Dazu kämen etwas größere Mittelständler mit eigenen Markennamen, die sich von den Großkonzernen abheben.

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