Industriestandorte in Gefahr : 35 Prozent der deutschen Gewerbegebiete ohne schnelles Internet

Foto: dpa/Guido Kirchner
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35 Prozent der Gewerbegebiete in Deutschland haben keinen Anschluss an das schnelle Internet. In einzelnen Bundesländern ist die Lage noch schlechter. Die Wirtschaft fordert Tempo beim Ausbau, sonst drohe der Industriestandort Deutschland den Anschluss zu verlieren.

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05. Juli 2019, 02:22 Uhr

Osnabrück | Eine lahme Internetverbindung sorgt schon in den eigenen vier Wänden für Ärger: Die neuen, intelligenten Haushaltsgeräte können nicht einwandfrei bedient werden. Oder das Video ruckelt beim Abspielen auf dem teuren Fernseher.

Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
Bernd von Jutrczenka
Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Für Unternehmen sind die Auswirkungen eines schlechten Anschlusses aber nicht nur ärgerlich, sie werden zur Existenzfrage.In sehr vielen Betrieben fallen mittlerweile riesige Datenmengen an, die verarbeitet oder versendet werden müssen. Seien es die Pläne in einem Architekturbüro oder die Kommunikation von Maschine zu Maschine in Werkshallen. Ein schlechter Anschluss wird immer mehr zum Wettbewerbsnachteil.

Die Wirtschaft ist besorgt

Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), sagt, der Ausbau des schnellen Internet sowohl per Glasfaser im Boden als auch per 5G-Mobilfunkübertragung „gehört zu den notwendigsten wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen unseres Landes.“ Komme Deutschland hier nicht schnell genug voran, „droht der Innovationsstandort Deutschland aus Sicht der Unternehmen im internationalen Vergleich zurückzufallen.“

Im Bundesvergleich ist die Situation allerdings sehr unterschiedlich, wie eine Antwort des zuständigen Bundesverkehrsministeriums auf Anfrage der FDP offenbart. Von insgesamt 62.074 Gewerbegebieten bundesweit gelten demnach 21.745 Gewerbegebiete als unterversorgt, heißt: Die Internetanbindung ist schlechter als 50Mbit/s.

Und schon diese Verbindungsgeschwindigkeit gilt heute vielen als nicht mehr zukunftsfähig. Die Bundesregierung selbst hat das Ziel ausgegeben, Deutschland bis 2025 flächendeckend mit Gigabit-Anschlüssen zu versorgen.

Foto: dpa/Julian Stratenschulte
Julian Stratenschulte
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Vor allem die ostdeutschen Bundesländer schneiden im Vergleich schlecht ab. In Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise verfügen 57 Prozent der Gebiete über keinen 50Mbit-Anschluss. Oder anders gesagt: Von 3016 Gebieten gelten 1720 als unterversorgt. Schlechter ist die Lage nur in Sachen-Anhalt mit 57,1 Prozent Unterversorgung. Brandenburg kommt auf 42,1 Prozent. Am besten ist die Lage in Berlin: weniger als sieben Prozent der Gewerbegebiete in dem Stadtstaat gelten als unterversorgt.

Mecklenburg-Vorpommern schlecht angebunden

Man dürfe den Bedarf an schnellem Internet gerade in ländlichen Regionen nicht unterschätzen, warnt DIHK-Präsident Schweitzer. Auch aus den westdeutschen Bundesländern wird regelmäßig geklagt. Die Auflistung der Bundesregierung zeigt: In Niedersachsen ist jedes dritte Gewerbegebiet unterversorgt: von insgesamt 6039 haben 2045 einen Anschluss der langsamer als 50Mbit pro Sekunde ist. In Schleswig-Holstein sind es 449 von 1671, oder anders gesagt: etwa jedes vierte Gewerbegebiet.

Hier noch einmal Norddeutschland im Überblick:

Der Ist-Zustand macht der Wirtschaft sorgen. DIHK-Präsident Schweitzer fordert: „Diese Lücken müsse so schnell wie möglich geschlossen werden. Das ist ein Innovationshemmnis allerersten Ranges für die Betriebe in den betroffenen Orten – und damit für die deutsche Volkswirtschaft.“

FDP: Förderprogramm des Bundes gescheitert

Unterstützung bekommt er von der FDP im Bundestag. Daniela Kluckert, stellvertretende Vorsitzende des Bundestags-Ausschusses für digitale Infrastruktur, hält das entsprechende milliardenschwere Förderprogramm der Bundesregierung für gescheitert. „Der Weg der Fördermittel fruchtet erkennbar nicht“, sagt sie. Für die Zukunft Deutschlands habe eine moderne digitale Infrastruktur „allerhöchste Priorität“

Foto: dpa/Rehder
Carsten Rehder
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Und auch Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, sagt: „Trotz immenser finanzieller Anstrengung gelingt es nicht, flächendeckend eine zeitgemäße Breitbandinfrastruktur zu schaffen.“ Das sei seit langem „nicht mehr hinnehmbar“, so der Vertreter der Kommunen. Über die wird die Breitbandförderung in aller Regel abgewickelt.

456 Gewerbegebiete mit Gigabit-Anschluss

Das Verkehrsministerium teilt mit, dass durch das entsprechende „Bundesförderprogramm Breitbandausbau“ bislang 456 Gewerbegebiete einen Gigabit-Anschluss erhalten hätten. Auffällig: Gerade einmal eines dieser Gebiete liegt in Mecklenburg-Vorpommern, keines in Sachsen-Anhalt, also in den beiden Bundesländern mit den größten Defiziten. Auch nach Schleswig-Holstein floss bislang kein Geld aus diesem Topf, in Niedersachsen profitierten immerhin fast 100 Gewerbegebiete.

Foto: dpa/Jens Wolf
Jens Wolf
Foto: dpa/Jens Wolf

Das reiche nicht, heißt es aus Wirtschaft und von den Kommunen. Gerd Landsberg betont: „Die Politik, aber auch die Telekommunikationsunternehmen sind gefordert, mehr Tempo beim Breitbandausbau zu machen und den Ausbau voranzubringen.“ Nur bei „konstruktiver und koordinierter Zusammenarbeit“ der Beteiligten, sei das Gigabit-Ziel der Bundesregierung zu schaffen.

Das schlägt die FDP vor

FDP-Politikerin Kluckert verweist auf Ideen ihrer Fraktion, wie es besser gehen könnte: Gigabit-Gutscheine für Unternehmen beispielsweise. Auf diese können sich Unternehmen bewerben und sie dann für den Internetausbau einlösen. Außerdem brauche Deutschland ein „Gigabit-Grundbuch, um endlich eine Übersicht zu bekommen, wo es beim Ausbau hakt und zügig flächendeckende Versorgung mit Gigabit-Netzen zu erreichen.“

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