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Deutschland & Welt

11. Dezember 2017 | 03:16 Uhr

Streitbar : Vom Ballast, jeden Tag die Welt zu retten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist in seinem überdimensonierten Anspruch gefangen und verliert deshalb seine Funktion, analysiert Jan-Philipp Hein.

svz.de von
erstellt am 08.Jun.2014 | 09:00 Uhr

Fernsehen zeigt nicht nur Fußball, Fernsehen ist auch wie Fußball. Das meinen jedenfalls die Verantwortlichen zu verspüren. So sagte der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor jetzt: „Wir haben Millionen Programmdirektoren.“ In dieser Bemerkung steckt offenbar der ganze Frust darüber, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk ständig in der Kritik steht und argwöhnisch beäugt wird. Für die Programmacher von ARD und ZDF ist quasi immer Welt- oder Europameisterschaft. Bundestrainer Jogi Löw dagegen muss sich nur alle zwei Jahre intensive Beobachtung durch die rund 80 Millionen Bundestrainer gefallen lassen. Zwischen den großen Turnieren hat er Ruhe. Schlau wie er ist, hat er sich den Führerschein in der Phase abnehmen lassen, in der die Kameras sowieso an ihm kleben.


Kein Vergleich


Der Spielbetrieb von Löws Fußball-Nationalmannschaft wird, anders als der von ARD und ZDF, nicht durch eine „Haushaltsabgabe“ sichergestellt. Und trotz aller chronischen Selbstüberschätzung ist beim Deutschen Fußballbund auch noch niemand auf die Idee gekommen, den eigenen Laden als unverzichtbare Säule unseres Gemeinwesens darzustellen. Bei der ARD glauben sie das hingegen. WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn brachte es fertig, die Zwangsgebühren für seinen Arbeitsplatz als „Demokratie-Abgabe“ zu bezeichnen: „Eigentlich ist es bei uns nämlich gesellschaftlicher Konsens, dass wichtige Strukturen für das Zusammenleben gemeinschaftlich finanziert werden, und zwar egal, ob sie jeder persönlich nutzt oder nicht“, schrieb Schönenborn, den die meisten als Zahlenpräsentator von den Wahlabenden kennen.

Eineinhalb Jahre ist es jetzt her, dass die Rundfunkgebühr zur Haushaltsabgabe umgetauft wurde und Schönenborn seine Predigt hielt. Und offenbar leidet ganz langsam die Selbstsicherheit bei der ARD. So sagte Lutz Marmor jetzt auf einem Symposium der Historischen Kommission des Senderverbunds: „Wir werden von allen bezahlt, und schon von daher müssen wir für alle etwas bieten. Allerdings werden unsere Angebote nie allen gefallen können, aber zumindest sollte in der Vielfalt des Angebots für jeden etwas dabei sein.“


Ratlosigkeit


Verstanden, was der ARD-Chef und NDR-Intendant damit sagen wollte? So klingt wohl dröhnende Ratlosigkeit im Angesicht des uralten Zielkonflikts des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Rund 7,5 Milliarden Euro landen jährlich in den Kassen von ARD, ZDF und Deutschlandradio – garantiert und unabhängig von Konjunktur, Marktumfeld oder Konsumentenlaune. Und dieses Privileg wird auf breiten Programmflächen nicht genutzt. Eine Vielzahl der ARD-Radiowellen schreit den Hörer genauso zwangsfröhlich an wie es bei den Kommerzsendern mit den besten Hits der 70er, 80er, 90er und von heute üblich ist.

Große Strecken des Fernsehprogramms unterscheiden sich wenig von dem, was im Privatfernsehen passiert. Warum muss das alles aus der „Demokratie-Abgabe“ bezahlt werden? Welchen gesellschaftlichen Mehrwert schafft „Rosamunde Pilcher“? Warum lassen ARD und ZDF das Terrain der seichten Vorabendserie nicht den Privaten? Wieso müssen Quizshows ins Programm? Warum gibt das ZDF einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag für die Champions-League aus, die auch dort kaum anders präsentiert wird als bei Sat1, wo sie vorher war? Der Privatsender musste bei der Rechtevergabe irgendwann vor dem Milliardentopf des ZDF kapitulieren. Die UEFA lacht sich bis heute darüber schlapp, dass ausgerechnet eine öffentlich-rechtliche Institution und keine Heuschrecke für üppige und marktverzerrende Mehreinnahmen zu ihren Gunsten sorgte.

Wer auch immer Kritik am Gebaren der Öffentlich-Rechtlichen übt, muss sich irgendwann anhören, dass doch ein Blick auf den Trash der Privaten reiche, um den Wert der abgabefinanzierten Sender zu erkennen. „Bauer sucht Frau“, die Geissens, die diversen Casting-Shows, Dieter Bohlen und viele weitere Exzesse von RTL, Pro7 & Co. werden dann als abschreckende Beispiele in die Kulisse geschoben und „Kulturzeit“, „Panorama“ oder irgendwelche grimmepreisgekrönten Serien dagegen gesetzt. Dass diese Formate Inseln im seichten öffentlich-rechtlichen Brei darstellen, wird dabei gerne vergessen. Doch die Sinnkrise hat den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erreicht. Deutlich wurde das auf dem bereits erwähnten Symposium: „In diesem Sinne ist das heute vielleicht auch unsere ganz persönliche therapeutische Sitzung auf der roten Couch“, sagte ARD-Chef Lutz Marmor bei dem Treffen in Hamburg. Zuvor hatte der Vorsitzende der Historischen Kommission, Heinz Glässgen, den ARD-Entscheidern gesagt: „Ihr seid nicht aus eigener Befugnis da, eure Berechtigung liegt ausschließlich im Auftrag für diese Gesellschaft, für diese Demokratie, das Gemeinwohl.“ Darunter tun sie es nämlich nicht bei ARD und ZDF.

Wie befreiend wäre es, wenn sich mal ein hochrangiger Vertreter dieses Systems hinstellte und sagte: „Wenn wir morgen den Sendebetrieb einstellen, wird das Land nicht untergehen, wird auch die Demokratie nicht abgeschafft, werden die Leute da draußen nicht dümmer oder hilfloser sein.“


Die Welt erlösen


Vom Ballast befreit, jeden Tag die Republik retten zu müssen, könnte vielleicht eine Leichtigkeit des Seins Einzug in die vielen Programme halten. Man muss sich nur die verkrampft-pathetisch-erhabenen Tagesthemen ansehen, um zu erahnen, welch schwere Lasten Caren Miosga und ihre Kollegen allabendlich auf ihren Schultern spüren, wenn sie uns nach einer schwülstigen Eröffnungsmelodie die Welt erklären.


Selbstversicherung


Man kann die ständige öffentlich-rechtliche Selbstversicherung und -überfrachtung der eigenen Bedeutung auch als schlechtes Gewissen interpretieren. Die siebeneinhalb Milliarden Euro sind eine derart hohe Summe, dass es als Gegenleistung fast zu wenig verlangt ist, einfach nur gutes Radio und Fernsehen zu machen. So muss aus jeder Programmfläche ein Dienst am demokratischen Gemeinwesen werden. In der Kochshow geht es deshalb nicht mehr „nur“ um leckeres Essen, sondern um gesunde, ausgewogene Ernährung, die die Krankenkassen entlastet. Und auch ein simpler Krimi darf im Ersten ja nicht einfach nur unterhalten. Jeder „Tatort“ muss im Hintergrund einen gesellschaftlichen Konflikt mitverhandeln, was die 90 Minuten in der Regel schwer überfrachtet. Und wenn sich Veronica Ferres mal wieder über den Bildschirm quält, wissen wir alle, dass gerade ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte ausgeleuchtet wird.

Besser macht das alles das deutsche Fernsehen nicht. Im Rest der Welt ist man weiter. Dafür muss man gar nicht bis in die USA schauen, wo am laufenden Band fantastische Serien produziert werden – ohne Demokratie-Abgabe. Furore machen in Europa unsere nördlichen Nachbarn aus Dänemark mit komplexen und straff erzählten Polit-Thrillern. Die Engländer beweisen seit ein paar Jahren mit „Sherlock“, dass zeitgemäß gemachtes schnelles, unterhaltsames und anspruchsvolles Fernsehen keine Frage der üppigen Ausstattung ist. Immerhin: Dank der Demokratie-Abgabe können unsere öffentlich-rechtlichen TV-Manager diese Sternstunden der Fernsehunterhaltung einkaufen und ins eigene Programm hieven. Das ist doch auch schon was.

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