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Glyphosat-Belastung : Unkrautgift im Mecklenburger Bier?

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In den 14 beliebtesten deutschen Biermarken wurde Glyphosat entdeckt. Für Produkte aus MV gibt es noch keine Ergebnisse. Landwirtschaftsminister Till Backhaus fordert eine bundesweite Studie.

svz.de von
erstellt am 25.Feb.2016 | 09:43 Uhr

Zum Wochenende, zum Fußballgucken, zum Grillen, zum Feiern – für viele gehört ein gepflegtes Bier einfach dazu. Rund 107 Liter vertrinkt der deutsche Durchschnittsbürger  jährlich. Doch nun könnte der  herbe Gerstensaft vielen im Halse stecken bleiben. Das Umweltinstitut München hat bei einem Test von 14 der beliebtesten Biermarken Deutschlands Spuren des Unkraut-Vernichtungsmittels Glyphosat festgestellt. Ein Gift, das unter Verdacht steht, krebserregend zu sein. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht hingegen keine Gefahr.

Die Ergebnisse der Untersuchung liegen zwischen 0,46 und 29,74 Mikrogramm pro Liter und damit im extremsten Fall fast 300-fach über dem gesetzlichen Grenzwert für Trinkwasser von 0,1 Mikrogramm. Doch wie sieht es mit dem Bier aus Mecklenburg-Vorpommern aus? Immerhin knapp 200 Biersorten werden hier laut der Internetplattform „Bierbasis“ gebraut. Die bekannteste dürften das Lübzer und Vielanker Bier sein. Die ernüchternde Antwort: „Den Glyphosatgehalt im Bier untersuchen wir nicht“, teilt Cornelia Trapp vom Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei (Lallf) MV auf Nachfrage mit. Der Grund sei ganz einfach: „Eine Obergrenze  für Glyphosat wie beim Trinkwasser gibt es für Bier nämlich nicht“, so Trapp. Das Lallf hat im vergangenen Jahr 135 verschiedene Lebensmittel aus MV auf Rückstände des Pflanzengifts untersucht. Dabei hätte keine der Proben  die jeweiligen Höchstwerte überschritten.

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist der weltweit am meisten eingesetzte Pestizidwirkstoff. Die vom Agrarkonzern Monsanto in den 1970er Jahren entwickelte chemische Verbindung tötet alle Pflanzen, die damit in Kontakt kommen. Im Jahr 2014 wurden allein in Deutschland rund 5400 Tonnen auf Äckern und in Gärten verspritzt.

Wie gefährlich ist Glyphosat?

Glyphosat wird von der Weltgesundheitsorganisation als erbgutschädigend und wahrscheinlich krebserregend beim Menschen eingestuft. Es steht zudem im Verdacht, ins Hormonsystem einzugreifen und die Fruchtbarkeit zu schädigen.

Wie kommt das Glyphosat ins Bier?

Gemäß dem Reinheitsgebot darf Bier in Deutschland nur aus drei Grundzutaten bestehen: Wasser, Hopfen und Getreidemalz. Brauwasser unterliegt der Trinkwasserverordnung und muss in Deutschland einem Grenzwert von 0,1 Mikrogramm  Glyphosat pro Liter Wasser genügen.  Nach der Trinkwasserverordnung muss Brauwasser regelmäßig kontrolliert werden. Rückstände von Glyphosat im Brauwasser sind deshalb sehr unwahrscheinlich.  Im Hopfenanbau wird Glyphosat zwar eingesetzt, die Pflanzen selbst werden jedoch nicht mit dem Wirkstoff behandelt. Durch Abdrift könnte dennoch Glyphosat auf Hopfendolden gelangen. Rückstände auf den Dolden sind zwar unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen. Das Malz wird meist aus Gerste oder Weizen hergestellt. Im konventionellen Getreideanbau ist der Einsatz von Glyphosat in großen Mengen an der Tagesordnung. Bei Getreide, das für Brauzwecke vorgesehen ist, ist der Einsatz von Glyphosat zur Beschleunigung des Reifeprozesses kurz vor der Ernte (die sogenannte „Sikkation“) verboten, da die Keimfähigkeit des Getreides stark eingeschränkt wäre und sich daraus kein Malz mehr gewinnen ließe. Stoppelbehandlung, der Einsatz nach der Ernte und  vor der Aussaat bzw. bis kurz nach der Aussaat, ist jedoch erlaubt.

Wie sind die Befunde einzuordnen?

In absoluten Zahlen sind die Mengen klein. Doch bei krebserregenden und hormonwirksamen Stoffen gibt es keine Untergrenze, unter der sie sicher sind. Sie können  in kleinsten Mengen eine gesundheitsschädigende Wirkung haben.

Was sagen die gefundenen Werte über die Belastung einzelner Marken aus?

Das  Umweltinstitut München hat eine kleine Anzahl von Proben aus zufälligen Chargen genommen, um herauszufinden, ob sich Glyphosat in Bier nachweisen lässt. Die hier veröffentlichten Werte geben daher lediglich die Belastung der jeweils untersuchten Charge wieder und erlauben keine generelle Aussage über die Belastung des Bieres einer bestimmten Marke.

 

Experten diskutieren seit Jahren, ob das seit 1974 zugelassene Glyphosat möglicherweise krebserregend ist oder nicht. Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation WHO (IARC) stufte Glyphosat Ende Juli 2015 als wahrscheinlich krebserregend ein. Die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) kam  hingegen im November 2015 zu dem Schluss, es sei „unwahrscheinlich, dass von Glyphosat eine Krebsgefahr ausgeht“. In wenigen Tagen soll auf europäischer Ebene über eine erneute Zulassung des Herbizids entschieden werden. Selbst die höchsten Werte von rund 30 Mikrogramm pro Liter seien so niedrig, dass ein Erwachsener an einem Tag 1000 Liter Bier trinken müsste, um die als unbedenklich geltende Ausnahmemenge zu überschreiten, teilt das Bundesinstitut für Risikobewertung mit. Allerdings nehmen Menschen höchstwahrscheinlich zusätzlich mit vielen weiteren Lebensmitteln Glyphosat auf.

MVs Agrarminister Till Backhaus  (SPD) forderte gestern in einer bundesweiten Studie mögliche Folgen aus dem Einsatz des umstrittenen Pflanzenschutzmittels klären zu lassen. „Große Teile der Öffentlichkeit sind stark verunsichert, was das Thema betrifft“, so Backhaus. Er warb für mehr Sachlichkeit in der Debatte. Mit der Verunglimpfung von Pflanzenschutzmittel als Teufelszeug, würde man pauschal die Landwirtschaft in Verruf bringen. „Pflanzen brauchen Medizin, wenn sie krank sind. Wenn sie die nicht bekommen, gehen die Erträge zurück  und dürfen gegebenenfalls nicht in den Verkehr kommen.“ Das sei auch eine Frage der Versorgungssicherheit, so der Agrarminister.

„Bei einem Mittel, das von der WHO als vermutlich krebserregend eingestuft wird und dem auch die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA anlastet, für einen massiven Rückgang der Artenvielfalt verantwortlich zu sein, ist diese Einordnung vollkommen fehl am Platz“, kritisierte  Ursula Karlowski, agrarpolitische Sprecherin der bündnisgrünen Landtagsfraktion, Till Backhaus. Die Versorgungssicherheit der Bevölkerung in Frage zu stellen, wenn auf Glyphosat verzichtet werden würde,  zeuge von unfassbarer Unkenntnis oder sei eine bewusste Ablenkung vom eigentlichen Thema.

Über die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat sollen am 7. oder 8. März nationale Experten der 28 EU-Staaten entscheiden. Lisa Kleinpeter

Das sind die Testergebnisse:

Marke Geteste Biersorte Unternehmen Glyphosatmenge
Hasseröder Hasseröder Pils Anheuser-Busch InBev 29,74 μg/l
Jever Jever Pils Radeberger Gruppe 23,04 μg/l
Warsteiner Warsteiner Pils Warsteiner Gruppe 20,73 μg/l
Radeberger Radeberger Pilsner Radeberger Gruppe 12,01 μg/l
Veltins Veltins Pilsener Veltins 5,78 μg/l
Oettinger Oettinger Pils Oettinger Brauerei 3,86 μg/l
König König Pilsener Bitburger Braugruppe 3,35 μg/l
Krombacher Krombacher Pils Krombacher Brauerei 2,99 μg/l
Erdinger Erdinger Weißbier Erdinger Weißbräu 2,92 μg/l
Paulaner Paulaner Weißbier Paulaner Brauereigruppe 0,66 μg/l
Bitburger Bitburger Pils Bitburger Braugruppe 0,55 μg/l
Beck's Beck's Pils Anheuser-Busch InBev 0,50 μg/l
Franziskaner Franziskaner Weißbier Anheuser-Busch InBev 0,49 μg/l
Augustiner Augustiner Helles Augustiner Bräu 0,46 μg/l
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