50 Tote bei Bluttat in Orlando : „Überall jede Menge Blut“

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Viele Tote nach Schüssen auf Besucher eines Schwulenclubs in Orlando. Foto: dpa

Ein Club voller Menschen. Plötzlich fallen Schüsse. Eine Nacht mit Tanz und Musik in Orlando endet in Schrecken und Chaos.

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12. Juni 2016, 14:44 Uhr

 Als in Orlando am frühen Sonntagmorgen die Sonne aufgeht, sind es die Stimmen der Überlebenden, die das nächtliche Grauen im vollen „Pulse“-Nachtklub nachvollziehbar machen. „Als die ersten Schüsse fielen, habe ich mich zu Boden fallen lassen und immer wieder gebetet: Bitte, bitte, ich will es hier lebend raus schaffen“, sagt Christopher Hansen. „Und als ich dann endlich raus kam, sah ich erschossene Menschen. Und überall jede Menge Blut.“ Jon Alamo, der sich ebenfalls in dem bei Homosexuellen beliebten Club aufhielt, spricht von „20, 40, 50 Schüssen“, als das Massaker begann: „Dann hörte plötzlich die Musik auf zu spielen, und es war nur noch Chaos.“ Ein geistesgegenwärtiger Türsteher wird zu einem der Helden der tragischen Nacht: Er wirft eine Trennwand um und erlaubt so einem Teil der panischen Gäste, schnell durch einen Personal-Hinterausgang zu entkommen.

Doch nicht alle haben dieses Glück. In einer ersten Pressekonferenz sprachen die städtische Polizeiführung und  FBI von „ungefähr 20 Toten“ und mindestens 42 Verletzten – und von Hinweisen auf einen „einheimischen Terroranschlag“. Später wird die Zahl der Opfer drastisch nach oben korrigiert: Mindestens 50 Menschen starben, 53 durch Schusswunden verletzt.

Um zwei  Uhr nachts, kurz vor der Schließung, habe der mit einem AR 15-Schnellfeuergewehr, Pistole und „einer Art Sprengsatz“ (FBI) bewaffnete Mann den Club betreten. Später wurde er als 29-jähriger Omar Mateen identifiziert. Er begann sofort zu feuern. Ein Polizist, der innerhalb des Clubs Sicherheitsdienste versah, feuert zurück. Der Cop wird von einer Kugel an der Brust getroffen, doch seine schusssichere Weste rettet ihn. Zwei weitere Beamte treffen kurze Zeit später ein und schießen ebenfalls in Richtung Täter. Dieser habe sich dann in einen Teil des Clubs zurückgezogen – dort ergab sich eine Geiselnahme-Situation.

Drei Stunden lang verhandelt der Täter, so die Polizei, mit Beamten vor Ort. Er stellt ihnen Forderungen, die im Detail bisher nicht bekannt geworden sind, und offenbart auch seinen Namen: Omar Mateen. Der im November 1986 in den USA geborene Sohn afghanischer Eltern war amerikanischer Staatsbürger und ist nicht vorbestraft – er konnte deshalb auch problemlos Waffen erwerben. Gegen fünf Uhr morgens entschließt sich dann ein Sonder-Einsatzkommando, das Gebäude mit Hilfe von Blendgranaten und einem Roboter zum Öffnen von Türen zu stürmen. Dabei sei Mateen ums Leben gekommen. „Wir haben mindestens 30 Menschen  retten können“, so ein Polizeisprecher. Ob darunter auch der 30-jährige Eddie Justice ist, ist bisher noch unklar. Er hatte seiner Mutter noch eine Textnachricht senden können: „Ich bin mit anderen auf eine Toilette geflüchtet.“ Und dann, als allerletzte Botschaft: „Er hat uns. Er ist hier mit uns!“

Noch am Nachmittag liegen die zahlreichen Leichen in dem Club, während die Spurensicherung weitergeht. Dass die Bundespolizei FBI von Anfang an die Übermittlungen übernahm, nährt schnell den Verdacht, dass hier eine Terrorattacke – möglicherweise nach dem Vorbild des Massaker in der Pariser Bataclan-Konzerthalle – stattgefunden haben könnte. Und es ist auch ein FBI-Sprecher, der  vor Journalisten von ersten Hinweisen auf einen islamistischen Hintergrund des Täters spricht, der nicht in Orlando gewohnt habe, sondern für die Morde angereist sei. Die Schnelligkeit, mit der diese auch politisch höchst brisante Schlussfolgerung gezogen wird, überrascht zunächst viele Experten. Doch das FBI verfügt mit seiner modernen Technologie und Datensammlung über religiöse Extremisten in den USA über Mittel, relativ zügig erste Hinweise über ein mögliches Motiv des Täters zu gewinnen. Für Islamisten gelten  Homosexuelle stets als  verachtenswerter Teil der Gesellschaft. In nur schwer zu ertragenden Online-Videos ist beispielsweise zu sehen, wie Extremisten des „IS“ im Irak und in Syrien gefesselte Schwule den Kopf voran von Hausdächern in den Tod stürzen. Aus der Familie Mateens hieß es heute, er sei zornig geworden, nachdem er kürzlich in Orlando gesehen hätte, wie sich zwei Schwule geküsst hatten. Aus Sicherheitskreisen verlautet dann am Nachmittag, dass es mittlerweile klare Hinweise auf eine islamistische Radikalisierung von Omar Mateen gebe. Dieser sei bei einer amerikanischen Sicherheitsfirma beschäftigt gewesen – und habe dort auch Schusswaffen-Training erhalten.

Hintergrund: Besonders schwere Taten

Buchstäblich jeden Tag sterben in den USA Dutzende Menschen durch Waffengewalt. Aber während so genannte „shootings“ mit ein bis drei oder vier Toten an der Tagesordnung sind, ragt die jüngste Tat von Orlando mit mindestens 50 Toten heraus. Die Opferzahl ist die höchste bei einem sogenannten „shooting“ in der Geschichte der USA.

Eine Übersicht über Bluttaten mit zweistelligen Opferzahlen: 

Dezember 2015: Im kalifornischen San Bernardino töten ein Mann und eine Frau 14 Menschen. Sie sterben später im Kugelhagel der Polizei. Es handelte sich um einen islamistischen Terrorakt.

Dezember 2012: Beim bis dahin schlimmsten Amoklauf an einer US-Schule kommen in Newtown (Connecticut) 27 Menschen ums Leben, darunter 20 Kinder. Der 20-jährige Schütze tötet sich selbst.

Juli 2012: Während der Mitternachts-Preview eines „Batman“-Films tötet ein 24-Jähriger in einem Kino in Aurora (Colorado) zwölf Menschen. 70 werden verletzt. 

November 2009: In der Militärbasis Fort Hood (Texas) tötet ein Armeepsychologe 13 Menschen und verletzt 42.

April 2009: In Binghamton (New York) erschießt ein Mann 13 Menschen in einem Verwaltungsgebäude.

April 2007: An der Technischen Universität von Virginia erschießt ein Student 32 Menschen und verletzt 15. Die Tat gilt als der blutigste Amoklauf in der Geschichte der USA.

20. April 1999: Zwei Schüler erschießen an der Columbine High School in Littleton (Colorado) zwölf Schüler und einen Lehrer und verletzen 24 Menschen. Die Täter nehmen sich das Leben.

16. Oktober 1991: Im Texanischen Killeen tötet ein Mann in einer Cafeteria 23 Menschen. Anschließend begeht er Suizid.

18. Juli 1984: In einem Schnellrestaurant in Kalifornien erschießt ein 41-Jähriger wahllos 21 Menschen.  Er wird von einem Polizisten erschossen.

1. August 1966: Von einem Turm  der Universität von Texas schießt ein Amokläufer mehr als eine Stunde lang auf Passanten. Mindestens 14 Menschen werden getötet.

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