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Deutschland & Welt

22. November 2017 | 06:21 Uhr

Forschung : Tiere haben Persönlichkeiten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Besitzer von Haustieren sind sich schon längst sicher: Jedes Tier hat seinen eigenen Charakter – das bestätigt nun auch die Wissenschaft

Jede Maus ist anders. Es gibt neugierige Käfer. Manche Meerschweinchen sind Mamasöhnchen. Dass Tiere Persönlichkeiten haben, ist ein eindeutiges Ergebnis der vielen Forschungen, die seit einigen Jahren zu diesem Thema weltweit laufen. „Es ist egal, welche Art sie sich anschauen: Persönlichkeiten finden sie bei Insekten ebenso wie bei Goldfischen oder Schimpansen“, sagt der Verhaltensbiologe Prof. Norbert Sachser von der Universität Münster.

Etwa seit der Jahrtausendwende rückt die Frage nach tierischen Charakteren immer mehr in den Fokus der Wissenschaftler. Lange Zeit wurden Tiere nur als homogene Arten betrachtet, alles andere war verpönt. „Man ging immer tiefer, bis man bei den einzelnen Persönlichkeiten ankam“, erklärt die Verhaltensforscherin Anja Günther von der Universität Bielefeld.

So wurde etwa untersucht, wie Tiere auf Neuigkeiten reagieren. Wie geht das Meerschweinchen mit fremden Artgenossen im Käfig um? Ist es aggressiv, freundlich, oder zieht es sich zurück? Was macht der Meerrettich-Blattkäfer, wenn er anderes Futter bekommt? Probiert er es oder fastet er lieber? Bei allen Tests zeigte sich, dass Charaktermerkmale wie etwa Neugier, Scheu oder Aggressivität bei dem jeweiligen Tier gleich blieben.

Mittlerweile gehen die Forscher noch einen Schritt weiter und fragen sich, wie sich eine Persönlichkeit bei Tieren entwickelt. Klar ist, dass die Vererbung, die Lebensumstände, das Verhalten der Mutter und sogar deren Befinden vor der Geburt eine wichtige Rolle spielen. „Es gibt zum Beispiel bei Pferden und Hunden Zuchtlinien, bei denen die Tiere tendenziell eher ängstlich, aggressiv oder entspannt sind“, erklärt Barbara Schöning. Sie ist Fachtierärztin für Verhaltenskunde in Hamburg.

Wie stark im Tierreich der Nachwuchs bereits im Mutterleib beeinflusst wird, zeigt zum Beispiel eine Untersuchung bei Meerschweinchen. Lebt die Mutter während der Trächtigkeit in einer instabilen Situation – indem sie zum Beispiel manchmal mit ihr unbekannten Meerschweinchen zusammentrifft – entwickeln sich ihre Jungen auf eine bestimmte Weise. Die Töchter werden aggressive Mannweiber, die Männchen bleiben sehr lange kindliche Mamasöhnchen.

Die Forscher vermuten, dass der Nachwuchs so auf riskante Situationen reagiert. Die Weibchen sichern sich mit ihrer Aggressivität ihr Futter. „Und die Männchen signalisieren ihren Geschlechtsgenossen, dass sie keine Konkurrenz sind und deshalb nicht bekämpft werden müssen“, erklärt Prof. Sachser.

Eine Frage, mit denen sich Wissenschaftler in Deutschland derzeit beschäftigen, lautet: Welche Zusammenhänge gibt es zwischen dem Charakter und der Denk- und Lernfähigkeit? So werden laut Verhaltensforscherin Günther Meerschweinchen untersucht – diese Tiere werden von den Forschern gerne genommen, weil sie sich so schnell vermehren.

Nach ersten Ergebnissen sind mutige und neugierige Meerschweinchen gut darin, Probleme zu lösen. Sie lernen schnell, dass sich hinter dem Türchen mit einem bestimmten Symbol Futter verbirgt. Allerdings zeigen sich diese Tiere auch unflexibel. Wird das Symbol gewechselt, verstehen die mutigen Meerschweinchen das nicht. Da sind ihnen die schüchternen Artgenossen voraus: Sie lernen zwar langsamer, bleiben aber offen für Alternativen.

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