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Politik

22. Oktober 2017 | 19:38 Uhr

Zwischen Not und Glück

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wo stößt die Pflege heute an ihre Grenzen? Einblicke in den Alltag von Betroffenen

Elisabeth Schulze sitzt auf ihrem Bett. Unablässig putzt die 88-Jährige mit einer unbenutzten Windel die Hülle einer CD. Am Tischchen in ihrem Zimmer sitzt ihre Tochter, Dietlind Kirsch-Tietje. „Da ist eine CD drin“, sagt die 65-Jährige. Die demenzkranke Mutter guckt sie fragend an. „Musik“, erklärt die Tochter. Die Mutter wirkt nicht so, als hätte sie verstanden.

Zwei Monate zuvor ist Elisabeth Schulze hergekommen. Lange hatte sie trotz beginnender Demenz noch alleine gewohnt. „Dann ist sie gefallen und lag die ganze Nacht am Boden“, erzählt die Tochter. Für den anschließenden Krankenhausaufenthalt hat Dietlind Kirsch-Tietje nur ein Wort übrig: „Horrortrip.“ Wieder daheim reichte die Betreuung von Familie, Helfern, Nachbarn bald nicht mehr.

Fünf Einrichtungen hätten sie angesehen. Auf Pflegenoten vertraute Kirsch-Tietje nicht. „Man weiß ja, wie solche Listen gemacht werden.“ Die Entscheidung für das evangelischen Seniorenheim Albestraße in Berlin erfolgte per Bauchgefühl. Und heute? Dietlind Kirsch-Tietje bereut die Wahl nicht und will niemandem im Heim Vorwürfe machen. Aber: „Wir wissen nicht, ob meine Mutter nicht unglücklich ist in ihrem Zimmer.“ In den Gesellschaftsraum will sie nicht gehen. „Sie hat Angst vor lauten Stimmen und zu vielen Leuten.“ So resolut Kirsch-Tietje ist, blickt sie nun doch ratlos durch den Raum: „Auch hier kommen die Pfleger an ihre Grenzen.“ Es fehle die Zeit. Sie hat das Gefühl, dass die alten Menschen mehr Pflegekräfte bräuchten – doch dann wäre ein Platz wohl unbezahlbar, meint Kirsch-Tietje.

Die Pflegeversicherung deckt nur einen Teil der Kosten, das gehört zum Prinzip. Die Einstufung in eine der drei Pflegestufen entscheidet sich nach Begutachtungen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). Das gilt auch für die Pflege zu Hause. Zwei von drei Pflegebedürftigen werden in Deutschland daheim gepflegt – welche Hilfen und Bedürfnisse gibt es hier? Anja Zellmann nimmt uns mit auf eine Tour. Die 43-Jährige arbeitet seit zwölf Jahren als Gutachterin für den MDK. Sie arbeitet immer ähnlich – die Schicksale der Pflegebedürftigen aber sind vielfältig wie das Leben.

Ein Plattenbau aus DDR-Zeiten, Peter G. wohnt mit seiner Frau in einer kleinen Wohnung. Auch der erwachsene Sohn Matthias ist da, als Zellmann klingelt. Er lebt in einer anderen Wohnung im selben Haus. Seit fünf Jahren kümmert er sich mit um seinen Vater. Die Familie bietet Kaffee an und Gebäck. Peter G. sitzt in einem braunen Sessel. Er ist Bluter. Er hatte einen Schlaganfall, Operationen, leidet unter Diabetes, hat einen künstlichen Darmausgang. Zellmann stellt ihre Fragen. Peter G. könnte einen Badewannenlift gebrauchen. Doch der passt nicht ins kleine Badezimmer. Ein Umbau würde bis zu 7000 Euro kosten. Die Kasse würde 2500 Euro zahlen. Erst allmählich wird das Ausmaß von Peter G.s Beeinträchtigungen deutlich. Zellmann fragt: „Wie alt sind Sie?“ Er wiederholt: „Wie alt bin ich?“ „Sind Sie denn schon über 70?“ Das weiß Peter G. nicht. „Sie sind 71“, sagt Zellmann Ohne seine allerdings auch nicht mehr gesunde Frau und seinen Sohn wäre Peter G. ziemlich aufgeschmissen.

In schneller Fahrt geht es über kleine Straßen weiter. Ein Häuschen am Rand von Potsdam, eine kleine Dachwohnung mit Kachelofen. Die Bewohnerin heißt Herta Kapust und ist 102 Jahre alt. Die hochbetagte Dame bekommt liebevolle Betreuung von ihrem Sohn. Sie kann kaum noch laufen, ist fast blind – aber im Kopf noch wendig und witzig. Der Sohn kommt jeden Tag, kocht, holt die Asche aus dem Ofen, unterhält sich mit der Mutter, macht den Toilettenstuhl sauber. Die Mutter kann ihre Gäste kaum erkennen, beim Gespräch ist sie dabei. „Ich habe nie gedacht, dass sich das so in die Länge zieht“, sagt sie lakonisch. Doch die steinalte Frau und ihr Sohn strahlen ein ruhiges Glück aus. Zellmann fragt, ihre Tastatur klappert. Bald wird die Krankenkasse mitteilen, ob es eine höhere Pflegestufe wird. Es könnte sein, dass mehr Leistungen als bisher bezahlt werden.


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