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Abgeschoben : Zurück in Feindesland

vom
Aus der Onlineredaktion

Für viele Abgeschobene fühlt sich Afghanistan nicht mehr an wie die Heimat – vor allem für die, die lange in Deutschland waren, ist das Überleben schwer

svz.de von
erstellt am 24.Mär.2017 | 12:00 Uhr

Badam lebt im Nirgendwo. 70 Minuten aus Kabul raus, von der Schnellstraße runter, rein in die Berge auf schlammigen Pfaden, nur noch kahle Bäume, Wind und Lehmmauern. Im Januar war Badam Haidari, 34, aus Deutschland abgeschoben worden. Seitdem ist er von einer Zuflucht auf Zeit zur nächsten getingelt. Gerade darf er ein paar Tage bei einem alten Mann bleiben, entfernter Familienfreund.

Haidari wartet am Straßenrand. Reingehen? Lieber nicht, sagt Haidari unbehaglich. Wer weiß, wer uns hier sieht. Komm, wir fahren ins Tal und reden im Auto. Haidari schaut regelmäßig über die Schulter. Für ihn ist dies nicht die Heimat. Es ist Feindesland.

Vor mehr als sieben Jahren war Badam Haidari aus der ostafghanischen Provinz Gasni weggegangen, heute eine der unsichersten Gegenden in Afghanistan. Er hatte damals als Wächter in einem Büro der US-Entwicklungshilfsbehörde USAID gearbeitet. Gutes Geld, eine gute Zeit, sagt er – bis im Dorf zwei Cousins zu den Taliban gingen. Für die Taliban, radikale Islamisten, sind die USA der Feind. Sie hassten Haidaris Job. Immer öfter gab es Streit. Zum Schluss wollten die Cousins, dass Haidari eine Bombe mit reinnehmen sollte zu den Amerikanern, so erzählt er es zumindest. Eines Nachts eskalierte die Situation. Im Getümmel bekommt Haidaris kleine Tochter einen Gewehrkolben an den Kopf. Sie stirbt. Haidari würgt, verstummt kurz, die Augen gerötet.

Sieben Jahre lang war Badam Haidari in Deutschland. Fünf Jahre lang habe er in Würzburg bei Burger King gearbeitet, sagt er, Küche, Kasse, „nie hatte ich Ärger“. Bis sie ihm im Sommer 2016 die Arbeitserlaubnis entzogen. Bis er im Januar 2017 in einem Flugzeug zurück nach Afghanistan saß.

Haidaris Eltern, Frau und Kinder sind mittlerweile auch aus Gasni weggegangen, sie leben heute in Pakistan. Aber dort kann Haidari nicht hin – Pakistan wirft derzeit Hunderttausende Afghanen aus dem Land. Heim nach Gasni kann er auch nicht wegen der unversöhnlichen Taliban-Cousins. Haidari sitzt also beim alten Mann in der Einöde und sagt, er „denke und denke und denke“. Noch fünf Tage darf er dort bleiben. Wohin dann, er weiß es noch nicht.

Badam ist einer der schlimmeren Fälle. Es gibt andere. Aber nicht alle Abgeschobenen sind so schlecht dran. Oder so gelähmt. Arasch Alokosai, 22, in schicker roter Lederjacke und sorgfältig gebügelter afghanischer Hemd-Hose-Kombi, ist voller Pläne – keiner handelt allerdings vom Leben in Afghanistan. Alokosai überlegt, wie er am schnellsten zurück nach Deutschland kommt. Seine Freundin, eine Polin, hat gerade alle Papiere für die Hochzeit fertiggemacht. Alokosai hofft, dass er dann wieder einreisen darf. „Aber wenn das nicht klappt, dann warte ich hier keinen Tag länger“, sagt er. „Ich weiß, wie ich über die Grenzen komme.“ Arasch Alokosai hat sieben Jahre lang in Nürnberg gelebt. Er hat nicht mehr viele Menschen in Afghanistan. Die Eltern sind auf dem Weg nach Europa ohne Geld in der Türkei steckengeblieben. Alokosai wohnt jetzt in Kabul im Lehmhaus einer Cousine, beheizt von einem Sandali, eine Arme-Leute-Heizung. Arasch, der mit 16 aus Afghanistan weggegangen war, widert vieles an hier. Die Kälte, der Schmutz, das Chaos auf Ämtern. Deutschland steckt ihm tief in den Knochen.

Drei Abschiebeflüge hat es seit Dezember aus Deutschland gegeben, 77 Männer sind nun wieder da. Männer, die Jobs und Wohnungen hatten in Deutschland. Männer, die nicht lesen können und schon an simpler Arbeit gescheitert waren. Männer, die im Gefängnis saßen. Viele sind in derselben Situation: keine Arbeit, kein Geld, und die Gedanken immer noch in Deutschland. Das liegt auch daran, dass Abgeschobene weitgehend auf sich allein gestellt sind.

Die Angebote für Rückkehrer sind noch dünn in dem Land, das sich für viele radikal geändert hat, seit sie es – mitunter vor langen Jahren – verlassen hatten. Es gibt drei Anlaufstellen für die, die Hilfe wollen, und die fast nur in Kabul, der Hauptstadt.

Eine ist eine von der deutschen Regierung unterstützte Organisation, IPSO, die psycho-soziale Hilfe anbietet. In den Sitzungen geht es zum Beispiel um das positive Denken oder Selbstmotivierung.

Geld, es ist das dringendste Problem vieler Rückkehrer, die sich und ihre Familien oft tief verschuldet haben für die Aussicht auf das neue Leben in Deutschland.

Geld gibt es bei der zweiten Anlaufstelle für Rückkehrer, der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Die setzt auch für Deutschland ein EU-Programm für die Reintegration von freiwilligen Rückkehrern und Abgeschobenen um. Erin heißt es. Es soll zum Beispiel Hilfe anbieten bei einer Geschäftsgründung oder einer Partnerschaft mit einem bereits existierenden Geschäft oder mit Gehaltszuschüssen, wenn man einen Job gefunden hat. Für Abgeschobene sind das allerdings maximal 700 Euro.

Für die Antragsteller türmen sich Hürden auf, die vielen unüberwindbar erscheinen. Eine ist, erstmal so einen unterstützungswürdigen Job oder einen Geschäftspartner zu finden. Das ist vor allem für die, die lange in Deutschland waren, ein Problem. „In Afghanistan werden die wenigen Jobs, die es gibt, oft an Freunde oder Verwandte vergeben“, sagt Abdul Ghafur, ein junger Mann, der aus Norwegen abgeschoben wurde und nun Rückkehrern Rat anbietet. „Wer lange im Ausland war, hat diese Netzwerke oft verloren. Oder sie sind nicht in Kabul, wo viele hängenbleiben.“

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