zur Navigation springen

Paukenschlag in Geschichtswissenschaft : Zukunftsmusik in der DDR als „Dauer-Sound“

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Historiker Joachim Radkau verblüfft mit neuen Perspektiven – auch auf die Geschichte der DDR

Der Behauptung, dass sich Geschichtswissenschaft mit Geschehnissen und Entwicklungen der Vergangenheit beschäftigt, dürften in jeder x-beliebigen Fußgängerzone 99 von 100 Passanten zustimmen. Joachim Radkau ist es nun allerdings gelungen, diese Binsenweisheit zu korrigieren. Denn in seinem vor wenigen Tagen erschienenen Buch „Geschichte der Zukunft“ verbirgt sich hinter dem paradoxen Titel ein mehr als origineller Ansatz. Der emeritierte Professor für Neuere Geschichte blickt auf die Zukunftserwartungen der vergangenen 72 Jahre seit Ende des Zweiten Weltkrieges zurück.

Ein Kapitel widmet Radkau dabei der Geschichte der Zukunftsprognosen in der DDR. Im „Arbeiter- und Bauernstaat“ habe Zukunftsmusik, so Radkau, zum „Dauer-Sound“ gehört. Der 73-Jährige schreibt: „Die SED-Proklamationen der ersten DDR-Jahrzehnte quellen derart über von Beschwörungen der Zukunft, dass es der Zukunftshistoriker hier besonders schwer hat, die Materialfülle zu strukturieren.“ Obwohl Radkau die „Verlogenheit“ etlicher „propagandistischer Seifenblasen“ anprangert, bleibt er fair. Denn er unterscheidet zwischen ernst gemeinten Vorhersagen für die Zukunft des „Arbeiter- und Bauernstaates“ und Zukunftsprognosen „zur Ablenkung von den Nöten der Gegenwart“.

Radkau erinnert z.B. an das 1963 verabschiedete „Neue Ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ (NÖS), sprich: die jahrzehntelange Verheißung einer steuerbaren, selbstverständlich rosigen wirtschaftlichen Zukunft. Das sozialromantische „Vom Ich zum Wir“ fehlt in seiner Revue vergangener DDR-Zukunftserwartungen ebenso wenig wie die vielbeschworene „wissenschaftlich-technische Revolution“ (WTR). Im „Arbeiter- und Bauernstaat“ sollte zudem die „sozialistische Menschengemeinschaft“ die bürgerliche Familie ersetzen. Sollte.

Auch Walter Ulbrichts „Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit“ findet sich in Radkaus DDR-Kapitel. Mit beeindruckender analytischer Klarheit arbeitet der Bielefelder Emeritus heraus, welche Hoffnungen im „real-existierenden Sozialismus“ auf den technischen Fortschritt gesetzt wurden. Im Sinne der Chance, marktwirtschaftliche Systeme zumindest im Bereich Innovationen abzuhängen – nicht zuletzt im Umweltschutz. Lange bevor dem Begriff „Ökologie“ in der westlichen Welt der Sprung auf die politische Agenda glückte, hatte man im „real-existierenden Sozialismus“ von einer „zirkulären Zukunft“ geschwärmt, natürlich in Abgrenzung zur „Wegwerfgesellschaft“ West. Umweltbelastungen als Resultat kapitalistischen Wirtschaftens, intakte Natur als Gegenentwurf einer sauberen Planwirtschaft Ost – eine propagandistische Dichotomie, die in krassem Widerspruch zu den Umweltverschmutzungen in den Industrieregionen der DDR stand.

Obwohl der Beginn der Ära Honecker den überstrapazierten Futurismus der Ulbricht-Jahre eindämmte, fehlte es auch in den 70er- und 80er-Jahren nicht an Beschwörungen der Zukunft. Ob „Die elektrotechnische Revolution“ oder „Die dritte industrielle Revolution“: An vollmundigen Visionen herrschte in der DDR-Mangelwirtschaft nun gerade kein Mangel. Noch 1981, auf dem X. SED-Parteitag, hieß es: „Die Mikroelektronik ist unsere Barrikade der Revolution in den 80er-Jahren.“

Dass die Stärke der ostdeutschen Wirtschaft stattdessen in den klassischen Produktionszweigen lag, schien die Auguren der SED-Führung nicht zu bekümmern. Für den weiteren Verlauf der 80er-Jahre attestiert Joachim Radkau ein Abebben regierungsamtlicher Prophezeihungen. Der Grund: Die Verwendung des Begriffs „Fortschritt“ hatte sich verbraucht. Ministerrats-Slogans à la „Die Zukunft hat schon begonnen“ stießen in der Bevölkerung auf immer offenkundigere Skepsis.

Nach der Wende kehrte das Mittel ruhigstellender, auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertröstender Zukunftsprognosen allerdings schneller zurück, als sich die Neu-Bundesbürger zwischen Stralsund und Leipzig gewünscht haben dürften. Im Sommer 1990, noch vor der staatlichen Wiedervereinigung, kündigte Helmut Kohl in einem Fernsehinterview erstmals „blühende Landschaften“ für Ostdeutschland an.

Doch auch wenn der Abgleich zwischen Wunsch, waghalsiger Vision und Wirklichkeit gerade in so manchen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns oder Brandenburgs immer noch schmerzen mag, muss man eine grundsätzliche Frage stellen. Die Frage nämlich, inwieweit es nicht generell zur menschlichen Existenz gehören könnte, die Erträglichkeit der Gegenwart zu erhöhen, indem man Vorkehrungen für eine (vermeintlich) bessere Zukunft trifft – oder sie einfach nur beschwört.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen