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Notfall-Nachverhütung : Wird die „Pille danach“ rezeptfrei?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Aus fachlicher Sicht spricht nichts gegen eine Freigabe – Schwarz-Rot will offenen Streit darüber vermeiden

svz.de von
erstellt am 15.Jan.2014 | 00:34 Uhr

In vielen Ländern vom Nordkap bis zum Mittelmeer können Frauen bereits heute die „Pille danach“ rezeptfrei bekommen. Es gibt auch Studien, die zeigen, dass das nicht unbedingt zu einem sorgloseren Umgang mit anderen Verhütungsmitteln führt. Ein Fachausschuss beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat empfohlen, das Mittel auch in Deutschland freizugeben. Ob es allerdings dazu kommt, ist fraglich.

Insgesamt ist der Einsatz in Deutschland keine Seltenheit. Nach einer Umfrage im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2011 haben 13 Prozent der erwachsenen Frauen schon mal zur Notfall-Nachverhütung gegriffen. Auch bei einer Befragung von 14- bis 17-Jährigen zeigte sich der gleiche Anteil an Nutzerinnen.

Spätestens nach 72 Stunden muss das Präparat eingenommen werden. Der Inhaltsstoff Levonorgestrel verhindert den Eisprung, wenn auch nicht mit völliger Sicherheit. Argumente für die Freigabe sind, dass eine mögliche fruchtschädigende Wirkung nicht bekannt ist und dass Rezeptfreiheit die Nachfrage nicht unbedingt ansteigen lässt.

Bei SPD und Opposition rennen die Fachleute damit offene Türen ein. „Dort, wo man sie verschreibungsfrei einsetzt, ist sie nicht zu einem allgemeinen Mittel der Verhütung geworden“, sagt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

Bereits im Herbst verlangte die rot-grüne Ländermehrheit in einem Bundesratsbeschluss die Freigabe – Bedenken wegen möglicher negativer Auswirkungen etwa bei häufiger Einnahme hätten sich über die Jahre nicht bestätigt. Dazu müsste die Bundesregierung eine Verordnung erlassen – doch so weit ist es noch lange nicht. Die Union stellt sich quer. „Die Pille danach ist keine Kopfschmerztablette“, gibt die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) zu bedenken. In anderen Ländern gebe es bei leichterem Zugang auch mehr abgebrochene Schwangerschaften. Der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn legt in einem langen Blogeintrag die Argumente gegen die Freigabe dar und listet mögliche Nebenwirkungen von Übelkeit bis hin zu Fällen von Thrombose auf. Vor allem aber: In der Debatte ist nur die Freigabe von Levonorgestrel. Ein neuerer Wirkstoff Ulipristalacetat könnte laut Spahn im Gegensatz dazu nur von der EU-Kommission freigegeben werden. Und der gelte mittlerweile als Standardmittel. Also würden viele Frauen bei einer Freigabe künftig automatisch zum leichter erhältlichen Levonorgestrel greifen – obwohl es mehr Nebenwirkungen habe und weniger zuverlässig wirke.

Auch der Berufsverband der Frauenärzte hat sich deshalb gegen eine Freigabe des älteren Mittels gewandt. Spahn ist ganz auf Seiten der Ärzte: „Nur durch das Beratungsgespräch bleibt die gesundheitliche Vorsorge und die Intimsphäre der Patientinnen ausreichend bewahrt.“

Sollen also Frauen auch künftig auf jeden Fall vorher zum Arzt? Union und SPD dürften noch einmal darüber reden. Aber es kann gut sein, dass sich die Geschichte von 2003 wiederholt – schon damals empfahlen Experten die Freigabe, aber eine entsprechende Verordnung blieb aus. Zu einem offenen Koalitionsstreit will es Schwarz-Rot wegen der „Pille danach“ nicht kommen lassen, heißt es hinter den Kulissen.


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