Merkel in Heidenau : „Wir sind das Pack!“

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei Flüchtlingen in Heidenau
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Bundeskanzlerin Angela Merkel bei Flüchtlingen in Heidenau

Rechte Proteste und Merkels „Signal gegen Hass und Gewalt“. Gauck: Helles Land gegen „Dunkeldeutschland“

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26. August 2015, 21:00 Uhr

„Wir sind das Pack!“, skandieren sie. „Volksverräter, Volksverräter“, ruft einer aus der Menge, als die schwarze Kanzlerinnen-Limousine vor dem Flüchtlingsheim von Heidenau vorfährt. Die Atmosphäre hier in der sächsischen Kleinstadt vor den Toren Dresdens ist aufgeheizt, aggressiv, voller Hass. Angela Merkel wird mit Pfiffen, Buhrufen und Eierwürfen empfangen. Heidenau ist gestern wie im Ausnahmezustand, die Notunterkunft der Flüchtlinge wird abgeschirmt mit Gitterzäunen und Sichtblenden, die Polizei hält Demonstranten und Schaulustige auf Abstand. „Mit den Flüchtlingen redet sie, aber mit uns redet niemand“, empört sich eine Anwohnerin.

Merkel, für nicht einmal 90 Minuten in Heidenau. Jener Stadt, die zum Synonym geworden ist für Hass, Gewalt, aufgebrachte Bürger und einen rechten Mob, der mit Flaschen und Böllern gegen Flüchtlinge vorgeht. Zunächst hatte die Kanzlerin gezögert und geschwiegen. Jetzt kommt sie doch. Es ist überhaupt ihr erster Besuch in einem Flüchtlingsheim.

„Es gibt keine Toleranz gegenüber denen, die die Würde anderer Menschen infrage stellen“, stellt Merkel klar und fordert eine menschliche und würdige Behandlung für jeden Einzelnen. Eine Botschaft, die bei denen nicht ankommt, die 200 Meter weiter auf der anderen Seite der Straße ihre Parolen gegen die Flüchtlinge grölen.

Im ehemaligen Baumarkt wird Merkel herzlich, erwartungsvoll und mit Applaus begrüßt. Stickig und warm ist die Luft oben in der zweiten Etage der Notunterkunft mit den vielen Pritschen für die inzwischen rund 600 Flüchtlinge. Merkel hört zu, lässt sich viel übersetzen, fragt nach den einzelnen Schicksalen.

Als Merkel wieder in ihre Limousine steigt, ruft einer: „Verpiss Dich!“

Kontrastprogramm in Berlin: Applaus für den Bundespräsidenten Joachim Gauck und seine Frau Daniela Schadt, die gestern eine Notunterkunft für Flüchtlinge im ehemaligen Rathaus in Wilmersdorf besuchen. Keine Proteste, keine Pfiffe. Stattdessen herzliches Händeschütteln, Helfer und Flüchtlinge machen Selfie-Fotos. Gauck ist gekommen, um ein Zeichen gegen „Hetzer und Brandstifter“ zu setzen, um Solidarität mit den Flüchtlingen zu zeigen, sich selbst ein Bild zu machen und den Helfern hier für ihr Engagement zu danken.

Seit knapp zwei Wochen sind hier in dem Verwaltungsbau aus der Nazizeit mehr als 500 Flüchtlinge untergebracht, darunter 80 Kinder. Es ist eine provisorische Notunterkunft, organisiert und betreut vom Arbeiter Samariter Bund und Freiwilligen. 50 Ärzte und Krankenschwestern, Studenten, Mitglieder der Bürgerinitiative „Wilmersdorf hilft“ arbeiten hier ehrenamtlich.

Am Ende seines Rundganges zeigt sich das Staatsoberhaupt sichtlich beeindruckt, lobt die Helfer und dankt. Sie seien es, die hier „leuchtend“ ein Zeichen setzten und bewiesen, dass es „ein helles Deutschland“ gegenüber dem „Dunkeldeutschland“ mit Anschlägen auf Flüchtlingsheime und Fremdenfeindlichkeit gebe. „Das ist das Deutschland, das wir brauchen“, sagt Gauck. „Das ist die überdeutliche Antwort auf Hetzer und Brandstifter.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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