Geiselnahme im Supermarkt : Wieder Terroralarm in Frankreich

Ende eines Dramas: Polizisten, Sanitäter und Spezialkräfte stehen vor einem Supermarkt in der südfranzösischen Stadt Trebes, wo ein Geiselnehmer zwei Menschen tötet
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Ende eines Dramas: Polizisten, Sanitäter und Spezialkräfte stehen vor einem Supermarkt in der südfranzösischen Stadt Trebes, wo ein Geiselnehmer zwei Menschen tötet

Geiselnehmer tötet vier Menschen. Spezialkräfte erschießen ihn bei Zugriff im Supermarkt

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23. März 2018, 19:30 Uhr

Schwerbewaffnete Elitepolizisten, abgesperrte Straßen, Sirenengeheul, Hubschrauberlärm: Frankreich ist mit dem Terroranschlag in einem Supermarkt im Süden des Landes wieder im Krisenmodus. Die sonst beschauliche Kleinstadt Trèbes unweit der mittelalterlichen Touristenmetropole Carcassonne im Département Aude ist Schauplatz einer dramatischen Geiselnahme, die das Land für Stunden in Atem hält. Dabei tötet der Angreifer zwei Menschen, ein weiterer stirbt bereits vorher, als der Täter ein Auto in seine Gewalt bringt.

In Trèbes drang der 26-jährige Mann in den Supermarkt der Kette Super U ein, es fielen Schüsse. Der Angreifer war den Sicherheitskräften für kleinere Delikte bekannt, aber nicht als Terrorist. Bei der unvorhergesehenen Attacke berief er sich auf die IS-Terrormiliz, die den Anschlag später auch für sich reklamierte.

Vor dem Überfall auf den Supermarkt bemächtigte sich der Mann in Carcassonne eines Autos. Dabei kam ein Insasse ums Leben, ein zweiter wurde schwer verletzt. Einen Polizisten verwundete der Täter an der Schulter. Am Ende wurde der mutmaßliche Terrorist beim Zugriff der Polizei erschossen.

„Ich habe Schüsse gehört, aber ich habe ihn nicht gesehen“, erzählte ein Metzger dem Nachrichtensender BFMTV. Der Handwerker konnte sich über einen Hintereingang des Supermarkts in Sicherheit bringen. Andere Geiseln retteten sich in eine benachbarte Autowerkstatt. Einige Kunden und Mitarbeiter des Supermarkts hätten sich in der Werkstatt versteckt, berichtete eine Angestellte dem Radiosender RTL. Die Leute seien ruhig geblieben, denn sie hätten gewusst, dass sie in Sicherheit waren. Sicherheitskräfte riegelten die Stadt mit rund 5500 Einwohnern komplett ab. Viele Bewohner waren unter Schock.

Eltern wurden aufgerufen, ihre Kinder nicht aus der Schule abzuholen. Die Schüler seien in Sicherheit und würden versorgt, versicherten die Behörden. Sie befürchteten, dass der Angreifer Komplizen haben könnten. Letztlich stellte sich heraus: Es war ein Einzeltäter.

Im Supermarkt gab es während der Stunden der Angst mindestens einen Helden: Ein Polizist ließ sich gegen eine Geisel austauschen. Der Beamte ließ sein Telefon mit einer offenen Verbindung auf einem Tisch liegen. So hätten die Einsatzkräfte hören können, was sich im Supermarkt abspielte. Als Schüsse fielen, seien sie eingeschritten, berichtete Innenminister Gérard Collomb vor Ort.

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Es war eine trügerische Ruhe in Frankreich in den vergangenen sechs Monaten. Es wurden Attentate vereitelt, unter anderem auf Armeekräfte und eine Sportstätte, aber es gab keine Opfer. Nach dem Anschlag in Trèbes bilanzierte Ressortchef Collomb: „Wir sind in einer kleinen, ruhigen Stadt. Leider ist die Bedrohung überall.“

Einen tödlichen Anschlag hatte es im Oktober vergangenen Jahres gegeben, vor dem riesigen Bahnhof St. Charles in Marseille. Ein 29-Jähriger erstach zwei Frauen und wurde dann getötet.

Auch diese Tat nahm der IS für sich in Anspruch. Seit Jahren ist Frankreich Ziel islamistischen Terrors. Der Kampf gegen den Terrorismus ist eine der Hauptaufgaben der französischen Mitte-Regierung von Premier Édouard Philippe.

7. Januar 2015

Beim Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und weiteren Angriffen sterben in Paris 17 Menschen. Polizisten erschießen die drei islamistischen Täter.

26. Juni 2015

Ein Islamist will in einem Industriegas-Werk bei Lyon eine Explosion herbeiführen, wird aber überwältigt. Er hatte zuvor seinen Chef enthauptet.

21. August 2015

Im Schnellzug von Brüssel nach Paris scheitert ein Anschlag. Fahrgäste überwältigen einen Attentäter mit Schnellfeuergewehr.

13. November 2015

Bei einer Attentatsserie in Paris töten Extremisten 130 Menschen – unter anderem in der Konzerthalle Bataclan. Beim Fußball-Länderspiel Frankreich - Deutschland sprengen sich am Stade de France drei Attentäter in die Luft. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekennt sich dazu.

14. Juli 2016

Am französischen Nationalfeiertag rast ein IS-Unterstützer in Nizza mit einem Lastwagen in die Menschenmenge. Mindestens 86 Menschen sterben, Hunderte werden verletzt.

26. Juli 2016

In Saint-Étienne-du-Rouvray nahe Rouen nehmen zwei Terroristen in einer Kirche Geiseln und töten den Priester. Polizisten erschießen sie, der IS reklamiert die Tat für sich.

3. Februar 2017

Mit Macheten greift ein Mann in der Nähe des Pariser Louvre-Museums Soldaten an, die ihn niederschießen.

8. März 2017

Auf dem Pariser Flughafen Orly versucht ein Mann, einer Soldatin das Gewehr zu entreißen. Andere Soldaten erschießen ihn.

20. April 2017

Mitten in Paris feuert kurz vor der Präsidentenwahl ein Attentäter auf einen Mannschaftswagen der Polizei. Ein Polizist stirbt, andere erschießen den Angreifer.

Staatspräsident Emmanuel Macron meldete sich auch deshalb mit ernster Miene vom EU-Gipfel in Brüssel: Es gebe inzwischen vielen Menschen, die sich selbst radikalisiert hätten. Einige hätten Krankheitssymptome, andere nicht. „Wir sind [. . .] nicht mehr in einer Lage wie vor zwei oder drei Jahren“, resümierte der Staatschef. Damals seien Anschläge vom irakisch-syrischen Kriegsgebiet gesteuert worden. Der 40-Jährige hatte dabei auch die verheerende Attacke vom November 2015 in Paris im Blick, bei der 130 Menschen starben. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bekundete ihre Anteilnahme.

Kommentar von Thomas Ludwig: Die Gefahr bleibt real

Erst vor zwei Tagen haben sich die Belgier der schweren Anschläge in der Brüsseler Metro und am Flughafen im März 2016 erinnert – und mit ihnen ganz Europa. Mit der tödlich verlaufenen Geiselnahme in der französischen Kleinstadt Trebès ist der islamistische Terror nun zurück. Der Täter, der sich zum IS bekannte, stand wegen seiner Radikalisierung unter Beobachtung der Polizei. Warum er dennoch bewaffnet in einen Supermarkt marschieren konnte, wird zu klären sein.

Militärisch gilt die Terrormiliz Islamischer Staat im Nahen Osten als besiegt. Damit ist die Ideologie eines extremistischen Islam freilich nicht aus der Welt. Immer noch sind vor allem muslimische junge Männer mit prekärem Hintergrund besonders anfällig für das Gedankengut. Sie zu identifizieren und frühzeitig vor der Radikalisierung zu bewahren oder aus dem Verkehr zu ziehen, das ist eine Herkulesaufgabe, der sich die westlichen Einwanderungsgesellschaften konsequent stellen müssen.

Neben einer zu verbessernden grenzüberschreitenden Terrorabwehr und Zusammenarbeit der Sicherheitsapparate in Europa ist es deshalb wichtig, Propaganda konsequent zu verfolgen und dem Islamismus über Bildung schon der Jüngsten und Teilhabe der Heranwachsenden den Nährboden zu entziehen. Für Naivität ist im Kampf gegen Islamisten kein Platz.

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