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Streitbar : Wie viel Islam gehört zu Deutschland?

vom
Aus der Onlineredaktion

Die institutionelle Gleichstellung von Religionsgemeinschaften darf keine Einbahnstraße sein, stellt Stephan Richter fest

svz.de von
erstellt am 02.Sep.2017 | 16:00 Uhr

Um die Integration der fast fünf Millionen muslimischen Einwanderer in Deutschland voranzubringen, hat die Bertelsmann-Stiftung in ihrem aktuellen Religionsmonitor „die institutionelle Gleichstellung der islamischen Religionsgemeinschaften mit den christlichen Konfessionen und dem Judentum“ gefordert. An den Schulen solle es mehr muslimischen Religionsunterricht geben, der Bau neuer Moscheen sei zu erleichtern. Doch die Bertelsmann-Stiftung macht es sich mit dieser Empfehlung zu einfach. Das grundgesetzlich verbriefte Recht auf freie Religionsausübung ist keine Einbahnstraße. Glaubensgrundsätze stehen nicht über staatlichen Gesetzen, und religiöse Institutionen sind keine rechtsfreien Räume.

Abgesehen davon, dass die Rolle der Religion bei der Integration von Zugewanderten nach Erkenntnissen des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration überschätzt wird, lässt sich der Spieß sehr wohl umdrehen. Die institutionelle Gleichstellung der islamischen Religionsgemeinschaften ist in Deutschland deutlich vorangeschritten. Man nehme die Staatsverträge Hamburgs mit islamischen Verbänden, die vom Religionsunterricht und religiösen Feiertagen für Muslime bis hin zum Bestattungswesen und zum Bau von Moscheen reichen. Jetzt, so die Sachverständigenrats-Vorsitzende Prof. Dr. Christine Langenfeld bei der Veröffentlichung des Jahresgutachtens 2016, seien die Muslime am Zuge, ihrerseits Beiträge zu leisten. Dies fange bei den organisatorischen Voraussetzungen für die Bildung einer Religionsgemeinschaft an und ende damit, „dass die eigenen religiösen Überzeugungen nicht absolut gesetzt werden.“

Gleichstellung als Tarnkappe

Für die große Mehrzahl friedlicher Muslime ist die geforderte Erleichterung beim Bau neuer Moscheen und Gebetsstätten gewiss ein wichtiger Weg, um ihren Glauben in der Gemeinschaft leben zu können. 40 Prozent aller hier lebenden Muslime bezeichnen sich der Bertelsmann-Studie zufolge als „hochreligiös“. Werte, von denen die christlichen Kirchen nur träumen können. Doch es gibt auf der anderen Seite auch Moscheen und eingetragene Vereine, in denen Gewalt gepredigt wird oder in denen der türkische Geheimdienst Horchposten hat.

Die institutionelle Gleichstellung von Religionsgemeinschaften hat spätestens dort Grenzen, wo sie als Tarnkappe missbraucht wird. So kollidiert der Ausbau islamischer Theologie an deutschen Hochschulen mit massiven Versuchen in- und ausländischer Islam-Verbände, bei der Auswahl der Professoren oder gar bei inhaltlich-theologischen Fragen mitzureden. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam muss möglich sein, ohne den Zorn orthodoxer Muslime auf sich zu ziehen. Mehr noch. Die institutionelle Gleichstellung der islamischen Religionsgemeinschaften mit den christlichen Konfessionen und dem Judentum verlangt umso mehr, dass sich muslimische Gemeinden und Islam-Verbände endlich unmissverständlich von Gewalt und Terror distanzieren und aufhören, die Welt in Gläubige und Ungläubige aufzuteilen. Ungläubige wohlgemerkt, die als Feinde betrachtet und bekämpft werden müssen.

Wo sind Aufschrei und Empörung muslimischer Gemeinden und Verbände, wenn es in islamischen Familien wegen anderer Lebensweisen zu grausamen Tötungen von zumeist Frauen kommt – zynisch als „Ehrenmord“ bezeichnet? Oder warum bedarf es zwölf Jahre nach Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten immer noch besonderer Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der Redaktion? Schließlich: Wo war die laute und deutliche Verurteilung des jüngsten Terroranschlags in Barcelona durch die Ajatollahs dieser Welt?

Eine Klärung des Gottesbildes in der arabischen Welt ist unumgänglich. Im Gegensatz zum Christentum fehlt dem Islam eine Epoche der Aufklärung. Solange dies nicht passiert, wird der islamistische Terror nicht an der Wurzel zu packen sein, wie der Generalsekretär der größten muslimischen Vereinigung Indonesiens, Kyai Haji Yahya Cholil Staquf, jetzt in einem ungewöhnlich offenen Interview in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ verdeutlichte. Staquf wörtlich: „Westliche Politiker sollten aufhören zu behaupten, Extremismus und Terrorismus hätten nichts mit dem Islam zu tun. Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang zwischen Fundamentalismus, Terror und Grundannahmen der islamischen Orthodoxie.“

Hinter institutionellen Mauern

Der mutige sunnitische Gelehrte begründet den Zusammenhang zwischen Islam und Terrorismus vor allem mit dem tiefen religiösen Graben zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Der Hass auf Ungläubige mache „ein friedliches Leben von Muslimen in den multikulturellen, multireligiösen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts tendenziell unmöglich“. Hinzu komme, dass viele Muslime die islamischen Gesetze – die Scharia – über die staatlichen Gesetze stellten. Staquf sagt dann in dem FAZ-Interview Sätze, die man zweimal lesen muss: „Der Westen kann den Muslimen keine moderate Interpretation des Islams aufzwingen. Aber die westlichen Politiker sollten aufhören zu erzählen, dass Fundamentalismus und Gewalt nichts mit dem traditionellen Islam zu tun hätten. Das ist schlicht falsch.“

Vor allem die orthodoxen geistlichen Führer des Islam verschanzen sich gern hinter institutionellen Mauern. Oft werden diese finanziell unterstützt von arabischen Golfstaaten wie Saudi-Arabien, die die Menschenrechte mit Füßen treten, Christen verfolgen und auf Freiheit für andere Religionen pfeifen. Asien ist da weiter – nicht nur in Indonesien, dem Land mit den meisten Muslimen auf dem Kontinent. Mit knapper Mehrheit hat das höchste Gericht Indiens jetzt die arabische Scheidung für verfassungswidrig erklärt. Sie erlaubte es muslimischen Männern, sich rechtskräftig von ihren Ehefrauen zu trennen, indem sie dreimal kurz hintereinander das arabische Wort „talaq“ (Scheidung) aussprechen. Selbst eine entsprechende SMS reichte, um Musliminnen nach Lust und Laune aus den Häusern zu werfen.

 

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