Terror In Tunesien : „Wie ein Schlachtfeld“

Tatort Badestrand: Eine Touristin trauert am Strand vor dem Hotel Imperial Marhaba.
Tatort Badestrand: Eine Touristin trauert am Strand vor dem Hotel Imperial Marhaba.

Trauer nach Terrorangriff in Tunesien: Deutsche Familie will nur noch weg, Moscheen werden geschlossen

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28. Juni 2015, 21:00 Uhr

Am Samstagabend kommt es zu einer spontanen Demonstration: Hunderte Tunesier laufen den kleinen Weg entlang, der zum Ferienhotel „Imperial Merhaba“ führt. Sie tragen Kerzen in den Händen, Nationalflaggen und Schilder mit der Aufschrift „Nein zu Terroristen“. Sie gedenken der 38 Menschen, die auf der Hotelanlage erschossen wurden.

Noch immer ist nicht ganz klar, was genau am Freitag geschah, als der 24-jährige Seifeddin R., ein Student aus der ärmlichen nordtunesischen Provinz Siliana, in der Hotelanlage eine Waffe zückte und Urlauber erschoss, die am Strand oder am Pool lagen. Manche sagen, er sei auf einem Surfbrett angepaddelt gekommen. Andere betonen, er sei zu Fuß gewesen, die Waffe habe er in einem Sonnenschirm versteckt. Am Ende waren Dutzende Menschen tot – die Bilanz des schlimmsten Angriffs auf Touristen in der Geschichte Tunesiens. Innenminister Mohamed Najem Gharsalli erklärte, der Attentäter hätte wesentlich früher gestoppt werden können. Er warf dem Sicherheitsservice des Hotels vor, nicht sofort die Polizei informiert zu haben.

Die weißen Liegestühle am Strand der Hotelanlage sind längst zum Symbolbild für die Bluttat geworden. Einige der Plastikliegen wurden mit einem gelb-schwarzen Band zu einer Art Zaun zusammengebunden, um den Tatort abzusperren. Inzwischen liegen dort viele Blumen. Ein Ball wurde zurückgelassen und auch ein Buch.

Im Nachbarhotel warten noch einige wenige Deutsche darauf, nach Hause gebracht zu werden. Unter ihnen ist auch Familie Schneider aus der Nähe von Stuttgart. „Ich bin ohnmächtig geworden, als die Schüsse fielen“, erzählt sie. Die Menschen seien in Panik geraten, hätten alles liegenlassen und seien barfuß geflüchtet. „Der Strand sah aus wie ein Schlachtfeld.“ Seitdem möchte sie nur noch fort. „Wir haben die ganze Nacht nicht geschlafen.“ An Urlaub ist für sie nicht mehr zu denken. Doch sie hat bei einem kleinen Reiseveranstalter gebucht, sagt sie, und muss noch zwei Tage länger ausharren.

Nach dem Terrorangriff ist die Identität vieler Toter noch ungeklärt. Unter den 38 Opfern ist mindestens ein Deutscher, eine deutsche Frau wurde verletzt. Nach Angaben des tunesischen Gesundheitsministeriums konnten bis gestern 18 Opfer identifiziert werden. Die meisten Toten – 14 – stammen aus Großbritannien. Der Angreifer studierte nach bisherigen Erkenntnissen Elektro-Ingenieurswesen in der Stadt Kairouan, einer Hochburg von Salafisten. Zu dem Angriff bekannten sich Unterstützer der IS in einer nicht verifizierbaren Twitter-Mitteilung.

Tunesien will als Konsequenz den Kampf gegen den Terrorismus verschärfen und bis zu 80 Moscheen schließen, in denen Extremisten verkehren sollen. Kanzlerin Angela Merkel sicherte Tunesien Unterstützung zu, Innenminister Thomas de Maizière will heute an den Ort der Terrorattacke reisen.

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