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Deutschland und Jamaika : „What? Jamaica Coalition?“

vom
Aus der Onlineredaktion

In Deutschland reden sie jeden Tag über Jamaika. Aber wie sieht es im echten Jamaika gerade aus, was für Verbindungen zu uns gibt es?

svz.de von
erstellt am 10.Nov.2017 | 05:00 Uhr

Er nennt sich König. Kyng Sharlo führt auf der Speisekarte in seinem „Rastarant“ Hasch-Kekse und Marihuana-Tee, auf dem Tisch stehen Wasserpfeifen. Er hat 1,50 Meter lange Dreadlocks und trägt eine schwarze Sonnenbrille. Aus den Boxen dröhnt Reggae.

Willkommen in Jamaika. Im echten, rund 8500 Kilometer entfernt von der Suche nach einem Regierungsbündnis für Deutschland, das nach der Karibikinsel benannt wird.

Der Kyng schaut ratlos drein. „Jamaica-Coalition?“ Er schüttelt den Kopf. „Nee, noch nie gehört.“ Als er erfährt, dass im fernen Berlin der Name seines Landes Jamaika gekapert wird wegen der farblichen Parallele der vielleicht zur Koalition verschmelzenden Parteien CDU/CSU (schwarz), FDP (gelb) und der Grünen (grün), ist er erstaunt über diese Deutschen.

In Deutschland wird dieser Tage viel über Jamaika geredet. Wenn es keine Begrenzung auf 200 000 Flüchtlinge im Jahr gebe, „bleibt Jamaika eine Insel in der Karibik und wird keine Koalition in Berlin“, sagte zum Beispiel CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt.

Nun, nicht nur aus der Distanz und mit einem Ozean dazwischen lässt sich sagen: Auch ohne Koalition dürfte Jamaika eine Insel in der Karibik bleiben. Doch was bewegt die Menschen hier, welche deutschen Spuren gibt es?

Kyng Sharlo erinnert sich an die Begegnungen mit deutschen Rastafari – und vielleicht helfe die Koalition ja, mehr Touristen an den für seine Klippen und Strände berühmten Küstenort Negril zu bringen. Dann malt er in das Notizbuch des Reporters ein Herz mit einem „R“ für Rastafari, dazu Sonnenstrahlen und schreibt: „Universal Love“. Statt weiter über die Jamaika-Koalition zu grübeln, philosophiert der Musiker lieber über Probleme, eine geeignete Frau zu finden.

Das bei Touristen  beliebte „Ricks Cafe“ im Küstenort Negril
Das bei Touristen beliebte „Ricks Cafe“ im Küstenort Negril Foto: Georg Ismar
 

Als Rastafari lehnt er das westliche Modell und kapitalistische Strukturen ab. Bei der Rastafari-Bewegung spielt die afrikanische Herkunft der Vorfahren eine entscheidende Rolle. Sie verehrten bis heute Ras Tafari Makonnen, der 1930 als Haile Selassie zum Kaiser Äthiopiens gekrönt wurde, als einen schwarzen Gott. Sein Aufstieg galt einer Sekte in Jamaika als Anfang vom Ende der Herrschaft der Weißen.

Jamaika, das steht oft für Klischees, mehr Afrika als Lateinamerika, über 90 Prozent der Bevölkerung sind Nachfahren von Sklaven. Knapp drei Millionen Menschen leben hier – weniger als in Berlin. Es steht für Reggae und Lebensfreude, aber auch für Armut und Kriminalität.

Das Land hat schon bessere Zeiten erlebt. Wirtschaftlich gibt es kaum Wachstum, und während Deutschland für viele Menschen Zufluchtsland ist, träumen gerade junge Jamaikaner von einer Zukunft in den USA.

Konrad Adenauer in Jamaika

Claire McPherson sitzt im trüben Neonlicht hinter ihrem Schreibtisch in der Hauptstadt Kingston. Die 82-Jährige leitet das „Jamaican Institute for Political Education“. Früher war es ein wichtiger Think Tanks, gefördert von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung aus Deutschland. Heute kommen am Tag drei, vier Besucher, erzählt Claire McPherson, die die Führung nach dem Tod ihres Mannes übernommen hat.

Jamaikas Demokratie gilt zwar als stabil. Aber die Bindungskraft der Parteien gehe verloren – ein aus Deutschland bekanntes Phänomen. „Die Kirchen und Sekten sind viel einflussreicher, auf die hören die Menschen“, klagt McPherson. Und berichtet von Aktivismus abseits der Parteien: „Und wer etwas durchsetzen will, blockiert einfach eine Straße.“ Alte Computer, verstaubte Faxgeräte, in der Ecke steht auf dem Boden neben dem Mülleiner ein Bild vom Mauerfall, das Glas gesprungen. Dazu der Spruch: „Open borders, open hearts – The Germans, one nation.“ („Offene Grenzen, offene Herzen – die Deutschen: eine Nation.“).

Die Leiterin hat sogar eine Verbindung nach Deutschland: Ihr Bruder lebe dort, im „Black Forest“, im Schwarzwald. Einen Anruf später hat sie herausgefunden, dass er in Freiburg wohnt. Sie holt Broschüren heraus, von 1996, von der „Konrad Adenauer Memorial Lecture“ in Kingston, in Erinnerung an den Kanzler und den Demokratieaufbau in der Bundesrepublik. Thema der Veranstaltung: „Der Einfluss des Wandels in Europa auf die Karibik“. Es gab damals viel Hilfe beim Aufbau einer stabilen Demokratie in Jamaika und des Justizsystems.„Aber heute gibt es kein Geld mehr“, sagt McPherson ernüchtert.

Angesprochen auf die „Jamaica Coalition“, muss sie schmunzeln, „What? Hihi, funny.“ In Jamaika sind Koalitionsregierungen, die ungleiche Partner je nach Wählerwillen zusammenbringen, eher unbekannt. Es konzentriert sich, ähnlich wie in den USA und Großbritannien, auf zwei große Parteien. Seit 2016 ist die Labour Party dran.

Botschaft in der „Waterloo Street“

300 Deutsche leben in Jamaika. Das Auswärtige Amt betont: „Die Beziehungen (...) sind seit Jamaikas Unabhängigkeit 1962 freundlich und problemfrei.“ Die Deutsche Botschaft in Kingston liegt übrigens, man sollte es nicht als Omen für eine Jamaika-Koalition werten, in der „Waterloo Street“.

Seit 2010 gab es für den gesamten karibischen Raum Entwicklungsgelder in Höhe von 62 Millionen Euro, etwa für den Schutz der Küsten und die Anpassung an den Klimawandel. Für Unternehmen aus Deutschland könnte gerade der Bereich erneuerbare Energien spannend sein. Der meiste Strom kommt hier bisher aus einem Ölkraftwerk.

Der Stein mit der Aufschrift „Welcome to Seaford Town – The German Township, founded 1835“
Der Stein mit der Aufschrift „Welcome to Seaford Town – The German Township, founded 1835“ Foto: Georg Ismar
 

Ein deutsches Dorf

Jenseits aller Farbassoziationen existiert in Jamaika aber auch ein Ort, der deutsche Wurzeln hat. Ihn zu erreichen, rund 160 Kilometer von Kingston entfernt, ist eine Herausforderung. Von der Hauptstraße kommend geht es noch lange durch tropische Wälder, durch Gelände, das an einen Truppenübungsplatz erinnert. Grüner Dschungel, Schlaglöcher, Abgründe. Plötzlich wie aus dem Nichts steht auf einer Kuppe ein Stein: „Welcome to Seaford Town – The German Township, founded 1835“.

Ein Mann namens Lord Seaford wollte nach Abschaffung der Sklaverei Arbeitskräfte gewinnen. Mit allerlei Versprechen wurde um Auswanderer geworben. Hunderte verarmte Bürger aus der Weserregion wanderten nach Jamaika aus. Versprochen waren neue Häuser – doch die standen nicht.

Viele Ankömmlinge starben an Malaria und Cholera. Noch heute zeugen überwucherte Ruinen und alte Häuser in dem 350-Seelen-Ort von dieser Migrationsgeschichte. Hunderte Nachfahren wanderten in den 1950er Jahren nach Kanada aus. Die deutsche Sprache starb in Seaford aus, als eine der wenigen Traditionen blieb das Spanferkelessen am Sonnabend. Einer der letzten weißen Nachfahren ist Curtis Hacker.

Er wartet an einem Sonntag auf den Beginn der Messe. Mit 56 Jahren ist der Handwerker wie sein Bruder Frührentner. Beide gehören zur vierten Generation. Was weiß er über die deutschen Vorfahren? „Nichts Richtiges, hat mich nie so interessiert.“ Mit dem Land der Ahnen verbindet er nichts. „Ich bin zu 100 Prozent Jamaikaner.“

Besuch beim „Jamaica Observer“

Vernon Davidson ist einer der wenigen in Jamaika, dem die Koalition ein Begriff ist. Er führt als Chefredakteur eine der wichtigsten Zeitungen, den „Jamaica Observer“. Er ist von einem Leser darauf aufmerksam gemacht worden, was sich im fernen Deutschland zusammenbraut. „Hey, das passiert da gerade, meinte der Leser und schickte Artikel der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und „Bild“.

Am 8. Oktober – zwei Wochen nach der Bundestagswahl – kam so der erste Artikel über eine „Jamaica Coalition in Germany“ in seine Zeitung. Auflage: rund 150 000. 1993 als Wochenzeitung mit 12 Mitarbeitern gestartet, beschäftigt das Blatt heute 300 Leute.

Davidson ist amüsiert, dass Jamaika nun so oft in deutschen Medien auftaucht. Auf die Frage, was Deutschland von Jamaika lernen könne, bricht er in Lachen aus. „Genau das: Wir lachen gern und haben Spaß.“ Und: Es gebe keinen Druck auf die Medien, keine Lügenpressevorwürfe.

Weltweit liegt Jamaika laut Statistik auf Platz acht in Sachen Pressefreiheit – klar vor Deutschland.

Chefredakteur Davidson mag Deutschland, vor allem den Fußball. In seinem Büro hat er „FC Bayern München TV“ als Sender programmiert.

Und ihm ist eine Botschaft wichtig, unabhängig davon, ob Jamaika zur Koalition in Berlin wird. „Ihr müsst in Russland wieder Fußballweltmeister werden.“ Er habe sich das Trikot mit dem vierten Titelstern gekauft, erzählt er mit Blick auf den 2014 errungenen vierten WM-Sieg. „Ich hätte gerne auch eins mit dem fünften Stern.“

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