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Forscher der Stasi-Unterlagen-Behörde : West-Produkte aus DDR-Knast

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Arbeit von Häftlingen brachte über Jahre wertvolle Devisen – Westfirmen freuten sich über billige Produktion

Im berüchtigten DDR-Frauenknast Hoheneck wurden 100 Millionen Damenstrumpfhosen für den Westen gefertigt, im Gefängnis Cottbus stellten Inhaftierte 200 000 Fotoapparate her. DDR-Häftlinge produzierten auch Möbel, Kerzen, Bettwäsche oder Werkzeugkästen, die westdeutsche Handelsketten preiswert als „Hausmarke“ verkauften. Auch Blutspenden von Gefangenen verhökerte die klamme DDR gegen begehrte Devisen in den Westen, wie aus einer Studie mit dem Titel „Knastware für den Klassenfeind“ hervorgeht. Erst knapp 25 Jahre nach dem Mauerfall rückt dieses Kapitel nun ins Blickfeld.

Der Historiker Tobias Wunschik hat in der dicken Studie, die am Montag herauskommt, akribisch viele Fakten zusammengetragen, doch auch er hat noch kein umfassendes Gesamtbild. Wie viele westdeutsche Firmen genau von der Häftlingsarbeit profitierten, sei weiter unklar. Doch so viel steht fest: Es waren mehr als bisher angenommen. Nachdem die Möbelkette Ikea 2012 unter öffentlichem Druck einräumte, seit den 80er-Jahren vom Einsatz politischer Häftlinge für die Möbelproduktion der Firma gewusst zu haben, war die weitere Untersuchung in Gang gekommen.

Am innerdeutschen Handel seien weit mehr als 100 westdeutsche Firmen beteiligt gewesen, heißt es nun. In 250 Ost-Betrieben wurden Häftlinge zur Arbeit eingesetzt, darunter auch politische Gefangene.

Der Forscher der Stasi-Unterlagen-Behörde schätzt, dass in den 80er-Jahren mindestens 200 Millionen DM mit Waren umgesetzt wurden, die allein auf Häftlingsarbeit beruhten – pro Jahr. Oft wussten die Gefangenen nicht, was ablief.

Behördenchef Roland Jahn fordert nun, beteiligte Firmen von einst sollten ihre Archive öffnen und finanziell zur weiteren Aufarbeitung beitragen. „Wichtig ist es, den Menschen, die damals als Häftlinge gearbeitet haben, gerecht zu werden.“ Die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft regte eine Rente aus einem Fonds an, in den auch Unternehmen einzahlen sollten.

Der Discounter Aldi Süd verurteilte den Zwangseinsatz von Häftlingen, auch Volkswagen betonte, das Unternehmen lehne „jede Form der Zwangsarbeit und wissentlichen Nutzung von Zwangs- und Pflichtarbeit“ ab. Beide Unternehmen sind in der Studie neben anderen genannt.

Auch Autoscheinwerfer, Motorradteile oder Schaltelemente aus der DDR waren für den Westen bestimmt. Allein für das damalige Ministerium für Elektrotechnik/Elektronik hat Forscher Wunschik herausgefunden, dass 1985 in diesem Bereich 5000 Häftlinge einen Umsatz von 156 Millionen D-Mark erwirtschafteten. Insgesamt seien etwa 20 000 Häftlinge in der Produktion eingesetzt gewesen, in den 70er-Jahren sei die Zahl noch viel höher gewesen.

Und überall mischte die Staatssicherheit mit. IMs (Inoffizielle Mitarbeiter) überwachten die Häftlinge. Auf keinen Fall sollten sie die Waren für den Westen verpacken – es hatte Versuche gegeben, heimlich Nachrichten mitzuschicken. Makaber auch dieses Detail aus der Studie: Die Stasi habe versucht, eine Quecksilbervergiftung von Insassen des Haftarbeitslagers Bitterfeld zu vertuschen – der Freikauf von Häftlingen wurde deshalb verzögert. In ihrem Blut war noch zu viel Gift.

Für Aufregung sorgt nun auch, dass Blutspenden von Häftlingen aus den Haftanstalten Gräfentonna (Thüringen) und Waldheim (Sachsen) gegen Devisen in den Westen gingen. DDR-Blutimporte waren bereits in den 90er-Jahren bekannt geworden, als deren mögliche Belastung mit Hepatitis-C- oder Aidserregern hochkochte. Als Empfänger wurden damals neben dem Bayerischen Roten Kreuz, die Duisburger Gesellschaft für Transfusionsmedizin und das Klinikum Karlsruhe ausgemacht.

Seit Ende der 70er-Jahre hätten in der Bundesrepublik so viele Aussagen ehemaliger Häftlinge vorgelegen, dass der Arbeitseinsatz von Gefangenen für Westfirmen „als allgemein bekannt gelten durfte“, wie Wunschik schreibt. Diese Unternehmen seien aber vorrangig an der Qualitätssicherung der Produkte interessiert gewesen.


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erstellt am 16.Jan.2014 | 00:35 Uhr

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