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Antisemitismus - Islamismus : Wer sind wir wirklich?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Anschläge von Paris zeigen nicht das Problem einer „Islamophobie“, sondern das Problem des wachsenden Antisemitismus, analysiert Jan-Philipp Hein.

Kaum ein Satz dürfte in den vergangenen Tagen häufiger gedruckt, gesendet und gesagt worden sein als dieser: Islamisten missbrauchen den Islam.

Das kann sein. Andererseits: Wo liegt denn die Gebrauchsanweisung dieses Islam, aus der hervorgehen müsste, was sachgerechter Gebrauch ist und wo der Missbrauch beginnt? Kann man die irgendwo runterladen? Oder gehört der Islam in die Kategorie der Dual-Use-Güter? Das sind Dinge, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Man kann sich auf den Islam berufen, um eine Hilfsorganisation zu betreiben. Man kann im Namen Allahs freilich auch losmarschieren, und die Südspitze Manhattans in Schutt und Asche legen, einen Staat ausrufen, der jeden killt, der sich ihm in den Weg stellt oder eben eine Zeitungsredaktion in Paris auslöschen.

Mit Hubschraubern ist es ähnlich: Sie können Schwerverletzte schnell in die nächste Spezialklinik bringen oder am Himmel stehen bleiben und Soldaten so das Abwerfen von Brandbomben ermöglichen. Es kommt eben drauf an, was der Pilot vor hat.

Beim Islam lässt sich das nicht sagen, da es keinen Piloten gibt. Oder anders betrachtet: Es gibt eine Menge Piloten aber keinen Geschwaderführer. Wer sollte das auch sein? Der „religiöse Führer“ des Iran, Ayatollah Khamenei? Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah? Oder Hamas-Vortänzer Ismael Haniye? Vielleicht ja auch Al-Qaida Chef Aiman az-Zawahiri oder ISIS-Anführer Abu Bakr al-Bagdhadi? Man weiß es ja einfach nicht. Vielleicht ist es am Ende doch Aiman Mazyek, der stets freundliche und redegewandte Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, der zwar hin und wieder gewaltigen Unsinn redet, vor dem man aber bestimmt keine Angst haben müsste und der gewiss kein Anti-Demokrat ist.

Dass der Islam ein amorphes Gebilde ist, macht auch die Kritik an ihm so schwierig. Alles, was über „den Islam“ gesagt wird, ist zwangsläufig pauschalisierend, zuspitzend, womöglich polemisch. Einer Religion mit unzähligen Strömungen wird man nie gerecht werden können:

- der Islam hat ein Gewaltproblem

- der Islam ist intolerant

- der Islam unterdrückt Frauen und Mädchen

- der Islam erhebt den Anspruch auf die Weltherrschaft

- der Islam verlangt die völlige Unterwerfung

 

Jede dieser Aussagen ist richtig und gleichzeitig falsch. Es gibt noch einen Satz, der gleichzeitig falsch und richtig ist: Muslime neigen dazu, beleidigt zu sein. Und genau diese kontern jede Kritik am real existierenden Islam mit einem Wort: Islamophobie.

Der Vorwurf ist schnell gemacht und nutzt die Mannigfaltigkeit des Islam geschickt aus. Wenn jede Kritik auch falsch ist, kann sie vielleicht auch Ausdruck einer Phobie, also einer Psychose sein. Da überlegt man sich doch gleich dreimal, ob man sich wirklich mit der zweitgrößten Religion der Welt anlegen muss. Außerdem wird man vielleicht nicht nur pathologisiert, sondern wird zum Fall für die Pathologie, da ein besonders Beleidigter die Sache mit der Waffe regelt.

Der Vorwurf der „Islamophobie“ fällt ärgerlicherweise auf fruchtbaren Boden. Das zeigte die Nachbereitung des Terrors von Paris. So wurden in der Stadt unter Berufung auf den Islam in einem koscheren Supermarkt vier Menschen ermordet, weil sie Juden waren. Dieses Massaker, das mit dem Attentat auf die israelische Olympiamannschaft bei den Spielen von München 1972 und dem auf eine jüdische Schule in Toulouse im Jahr 2012 zu den schlimmsten antisemitischen Exzessen seit dem Holocaust gehört, war jedoch nur ein Nebenschauplatz der Terrorberichterstattung aus Frankreich. Auch waren wir auf Twitter und Facebook zwar fast alle Charlie aber kaum jemand postete „Je suis Juif“ (Ich bin Jude).

Stattdessen hatte es das Feuilleton eilig, vor „Islamophobie“ zu warnen. Man dürfe getrost davon ausgehen, schrieb beispielsweise ein Leitartikler der Frankfurter Rundschau, „dass immer weniger Menschen bereit sein werden, zwischen den Islam missbrauchenden Terroristen und friedfertigen Muslimen zu unterscheiden“. Texte dieses Tenors sind Legion.

Man muss sich diesen Vorgang im Detail klarmachen. In Europa leben Juden knapp oberhalb der Messbarkeitsschwelle. In Deutschland sind es rund 100  000, in Frankreich immerhin 500  000. Das ist etwa ein Prozent der Bevölkerung Frankreichs. Unter den Opfern der Attentate von Paris machen sie jedoch ein Viertel aus. Und wir warnen hinterher nicht vor einem Aufflackern des Antisemitismus, sondern fürchten „Islamophobie“. Das ist schräg, sehr schräg.

Denn eigentlich wäre eher davor zu warnen, dass Muslime zu einer Bedrohung des kümmerlichen Restes jüdischen Lebens in Europa werden. Im Sommer 2014 zogen in deutschen Großstädten tausende hochaggressive muslimische Jugendliche durch die Straßen und riefen anlässlich des damaligen Gaza-Kriegs Parolen wie „Juden ins Gas“, „Kindermörder Israe“ und immer wieder „Allahu Akbar“. In Bremen verletzten antiisraelische Demonstranten einen jungen Mann, der den Nahostkonflikt anders als sie sieht, so schwer, dass er wochenlang im Koma lag. Polizisten, die jüdische Einrichtungen bewachen, berichten, dass es mittlerweile weniger Nazis sind, von denen die Bedrohung ausgeht, als Islamisten. Der Islam hat nämlich auch ein Antisemitismusproblem. Auch dafür werde ich alsbald den Vorwurf der „Islamophobie“ kassieren.

Da der Islam ein Multifunktionswerkzeug ist, wird es darum gehen müssen, diejenigen zu stärken, die mit Messern lieber Kräuter hacken als Köpfe abtrennen – eine entsprechende Sure für den zivilen Umgang mit Schneidewerkzeugen wird sich finden lassen. Zudem tun wir uns keinen Gefallen damit, muslimischen Terror als Verzweiflungstaten unterdrückter, minderbemittelter und benachteiligter Subjekte zu beschreiben, denen gar keine andere Wahl mehr bleibe. Denn damit ist nicht beschrieben, warum andere Verlierer auf der Welt so gut wie nie zu Mitteln greifen, die mit dem islamistischen Terror zu vergleichen wären – mal davon ab, dass die 9/11-Attentäter bestens ausgebildete Akademiker mit fantastischen Zukunftsperspektiven waren. Außerdem nimmt eine solche Haltung den äußeren Reformdruck von den diversen gewaltaffinen islamischen Strömungen. Wem von falschen Freunden im Westen immer wieder erzählt wird, dass sein Terror zwar nicht schön aber doch nachvollziehbar sei, der muss den Laden nicht verändern, sich noch nicht mal die Frage stellen, ob was im Argen liegt.

Es gibt in diesen Tagen einen Lichtblick. Als vor knapp zehn Jahren die dänische Zeitung „Jyllands-Posten“ Mohammed-Karikaturen druckte, kam es auf der ganzen Welt zu gewalttätigen Protesten. Mehr als 100 Menschen starben. Bis heute lebt der Zeichner Kurt Westergaard unter Polizeischutz. Ein Islamist überfiel den Karikaturisten in seinem Haus. Westergaard konnte sich mit seiner fünfjährigen Enkelin in einen Schutzraum retten.

„Jyllands-Posten“ musste sich damals – auch und gerade von Telen des deutschen Feuilletons – vorhalten lassen, mit den Karikaturen des Propheten die Muslime in der Welt provoziert zu haben. „Selbst schuld“ war der Tenor. So dachten und schrieben auch Kollegen, die heute „Je suis Charlie“ sagen. Gut, dass das nun anders ist.

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