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Streitbar : Wenn nur noch der Paketmann zweimal klingelt

vom
Aus der Onlineredaktion

Immer mehr Dörfer und Regionen fühlen sich abgehängt. Da hilft auch kein Online-Shopping, meint Stephan Richter.

svz.de von
erstellt am 30.Sep.2017 | 16:00 Uhr

Dörfer bluten aus, ganze Regionen fühlen sich abgehängt. Auch in den Innenstädten nehmen Leerstände zu, veröden einst attraktive Ladenzeilen. Die Einkaufszentren auf der „grünen Wiese“ laufen zwar noch. Aber ein Blick in die USA, wo die sogenannten „Malls“ einst erfunden wurden, muss nachdenklich stimmen. Viele der über 1000 Mega-Konsummeilen kämpfen ums Überleben; ein Drittel – so aktuelle Studien – werden in den nächsten Jahren verschwinden. Immer häufiger werden Waren im Internet bestellt, schon bald auch Lebensmittel. Was das Online-Shopping für die Umwelt bedeutet, kann sich jeder selbst ausrechnen. Wer sich alles ins Haus bringen lässt, sollte sich über die immer zahlreicheren Lkw, die Autobahnen und Straßen verstopfen und mit ihren Diesel-Motoren Feinstaub ausstoßen, nicht beschweren. Das Verpackungsmaterial der Sendungen führt zu immer größeren Müllbergen.

Doch das Ökologische ist nur die eine Seite. Wo das Gemeinwesen schrumpft und das gesellschaftliche Leben versandet, entsteht Leere. Mancher glaubt diese – Erfolg der Werbung – mit Ware ausfüllen zu können. Zumal das Internet Online-Bestellern stets suggeriert, ein „Schnäppchen“ gemacht zu haben. Was bei dieser Art des Einkaufens auf der Strecke bleibt, sind die sozialen Kontakte. Wer noch einen „Tante-Emma-Laden“ auf dem Land erlebt hat, weiß um dessen Bedeutung. Hier kannten sich die Menschen, begegneten sich und tauschten Neuigkeiten aus. Von den Schulen und Kultureinrichtungen, die einst zur Seele vieler Dörfer gehörten, ganz zu schweigen.

Nein, früher war nicht alles besser. Richtig ist aber auch, dass es in der schönen neuen Welt keineswegs nur Gewinner gibt. Zu den – am Börsenwert gemessen – größten Unternehmen der Welt zählt der Internetkonzern „Facebook“. Auf dessen Kommunikationsplattform halten Menschen auf digitalem Wege Kontakt. Vor dem Internetzeitalter bildeten die vielen kleinen Läden und örtlichen Handwerksbetriebe kein virtuelles, sondern ein ganz reales soziales Netzwerk. Heimat begann beim heimischen Bäcker oder Schlachter. Die Geschäfte brachten den Kommunen zudem Gewerbesteuern ein.

Doch selbst hier machen Online-Ketten einen Strich durch die Rechnung. Zwar versteuert zum Beispiel der Online-Versandhändler Amazon seine deutschen Verkäufe seit zwei Jahren nicht mehr in Luxemburg, sondern in Deutschland. Aber die Großunternehmen kennen alle Steuertricks und schieben Gewinne so lange hin und her, bis bei der Einnahmen-Ausgaben-Rechnung kaum noch etwas für den Fiskus übrigbleibt.

Gerade im ländlichen Raum geht der Erosionsprozess weit über den Handel hinaus, wie eine aktuelle Untersuchung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung über die Lebensverhältnisse in den verschiedenen Regionen Deutschlands zeigt. Grundschulen und Kitas werden geschlossen, die Landarzt-Praxis gibt es oft nur noch in Fernsehserien. Weil Ausbildungsplätze fehlen, ziehen die Jungen fort – mit entsprechenden Folgen auch für die Altersstruktur. Und Erwerbstätige müssen immer weiter mit dem Auto zur Arbeit pendeln. Zumal der öffentliche Personennahverkehr ebenfalls ausgedünnt wurde. Weil der Fortzug in die Städte anhält, lohnen sich viele Bus- und Bahnlinien nicht mehr.

Mit viel Kreativität und Mut stemmen sich zwar Bürgerinnen und Bürger in zahlreichen Initiativen gegen diesen Abwärtstrend. Das Gemeinschaftsgefühl prägte das Dorfleben bereits, als es den Begriff „Zivilgesellschaft“ in den Städten noch gar nicht gab. Das wirkt nach. Doch der alte gesellschaftliche Kitt wird bröselig. Alltägliches gesellschaftliches Leben kann eben nicht per Mausklick im Paket ins Haus geschickt werden. Das Gefühl, abgehängt zu sein, beginnt dort, wo der Staat in der Fläche nicht mehr sichtbar ist und die Daseinsvorsorge zum Einzelkampf wird.

Ganz oben auf der politischen Agenda fast aller Parteien steht der Ausbau des schnellen Internets. Zweifellos eröffnet die Digitalisierung in strukturschwachen Regionen neue Möglichkeiten. Die Telemedizin wird kommen, und die Arbeit am Computer macht räumlich unabhängiger. Standortnachteile werden so teilweise wettgemacht. Aber selbst das schnellste Internet ersetzt nicht das Vorhandensein familiärer Netze und den sozialen Zusammenhalt, den das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung ebenso wie die Landschaftsqualität als „subjektive Aspekte“ für die Lebenszufriedenheit in den verschiedenen Regionen ausgemacht hat – neben wirtschaftlichen Faktoren (Einkommen, Arbeitslosenquote, Pendeldistanzen, Ausbildungsplätze) oder Infrastrukturdaten (Kindertagesstätten, Grundschulnetzdichte, medizinische Versorgung). In sieben aller 16 Bundesländer, so die Untersuchung, gibt es Kreisregionen, in denen die Lebensverhältnisse „sehr stark“ oder „stark“ unterdurchschnittlich sind. Neben Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt sind dies Mecklenburg-Vorpommern (Vorpommern-Rügen und Mecklenburgische Seenplatte), Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Die „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“, wie sie in Artikel 72 des Grundgesetzes postuliert sind, wird zur wachsenden politischen Herausforderung. Dabei heißt „gleichwertig“ nicht „gleich“. Doch anders als in den Städten mit ihren kulturellen Angeboten droht in manchen Regionen Deutschlands neben der Verödung die Vereinsamung. Wer nicht mobil ist, wird (hoffentlich) von Paketdiensten mit dem Nötigsten versorgt. Aber die ausgebluteten Dörfer und Regionen, in denen sie leben, stiften keine Identität mehr, verlieren ihre Bindungskraft. Erst nach Wahlen fällt diese Spaltung Politikern auf. Ob sich etwas ändert, darf bezweifelt werden.

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