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70 Jahre Ende 2. Weltkrieg : Wehret den Anfängen!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Historiker Guido Knopp mahnt 70 Jahre nach Kriegsende alles zu tun, damit so etwas nie wieder geschehen darf

Heute jährt sich zum 70. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges. Unser Berliner Korresponendent Rasmus Buchsteiner sprach darüber mit dem Historiker und Fernsehmoderator Guido Knopp.


Herr Knopp, 70 Jahre nach dem Kriegsende wird die Zahl der Zeitzeugen immer geringer. Wie verändert sich das Gedenken dadurch?
Knopp: Die Aufgabe der Historiker wird immer wichtiger. Sie sind in der Lage, Analysen zu formulieren und die Erinnerung wachzuhalten. Der Zweite Weltkrieg wird zunehmend ein archäologisches Forschungsfeld.

Ich war vor einigen Wochen für Dreharbeiten bei den Seelower Höhen östlich von Berlin, wo die Rote Armee die entscheidenden Kämpfe auf dem Weg nach Berlin geführt hat. Dort findet man im Boden noch heute Orden, Abzeichen, Patronen, Messer, Gabeln und andere Dinge, die von den Soldaten hinterlassen worden sind.

Ist der Schrecken des Weltkriegs und des Holocausts noch stark genug im Bewusstsein der Deutschen? 58 Prozent wünschen sich einen Schlussstrich...

Es kann und darf keinen Schlussstrich geben! Es ist die Aufgabe der Historiker und der Medien, die schrecklichen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Dafür sind Bilder wichtig. Wir haben jede Menge Material, das die Befreiung der Konzentrationslager, der Gefangenenzüge und die Kämpfe dokumentiert. Die wichtigste Erkenntnis für uns heute ist: Wir sind nicht schuld an dem, was geschehen ist. Aber wir tragen Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder geschehen darf.

In manchen Darstellungen werden die Deutschen als „Tätervolk“ beschrieben. Haben Sie mittlerweile eine Erklärung dafür, warum das Hitler-Regime so lange großen Rückhalt in der deutschen Bevölkerung hatte?

Volk der Täter – diesen Begriff würde ich nicht verwenden. Schuld ist immer individuell. Es gibt keine Kollektivschuld. Natürlich hat es Hunderttausende von Tätern gegeben, die in den Konzentrationslagern und während des Krieges Unrecht begangen haben. Das betrifft aber längst nicht alle Deutschen, die im Dritten Reich gelebt haben. Kain und Abel, das Gute und das Böse, sind in jedem Menschen angelegt. Wenn ein Regime die Gelegenheit gibt, das Böse auszuleben, und es damit verbrämt, dass alles einem höheren Zweck dient, sind offenbar viele bereit, dem zu folgen. Die Lehre daraus ist: Wehret den Anfängen! Der Holocaust und der Zweite Weltkrieg hätten verhindert werden können.

Haben Sie Verständnis dafür, wenn die frühere Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach den 8. Mai 1945 auch jetzt nicht allein als Tag der Befreiung verstanden wissen will?

Ja, durchaus. Viele Menschen waren auf der Flucht und dabei schutzlos der Rache der Roten Armee ausgeliefert. Auch für die Menschen in der DDR gab es keine wirkliche Freiheit. Dort wurde eine Diktatur durch eine andere Diktatur ersetzt. Für die Menschen in Ostdeutschland war der 9. November 1989 der eigentliche Tag der Befreiung.

Kanzlerin Angela Merkel fährt am Sonntag nicht zur „Siegesparade“ der Russen nach Moskau. Das richtige Signal angesichts der Ukraine-Krise?

Ich bedaure, dass sich die Dinge so entwickelt haben. Deutsche und Russen waren sich schon mal viel näher. Das begann mit Gorbatschow und änderte sich mit der Ukraine-Krise. Ich hatte in den Neunzigerjahren das Glück, mit dem russischen Fernsehen eine 18-teilige Fernsehserie über den Zweiten Weltkrieg produzieren zu dürfen. Das war ein Politikum, aber wir sind zu einem gemeinsamen Blick auf die Vergangenheit gekommen. Das wäre heute völlig undenkbar. Die Schuld daran tragen Wladimir Putin und seine Leute, aber auch wir. Der Westen hat es versäumt, in den Neunzigerjahren verständnisvoller und offener auf das gedemütigte Russland zuzugehen. Dennoch kann ich verstehen, dass Frau Merkel jetzt nicht zur Parade nach Moskau fährt. Es ist ein Signal an Putin, dass der Westen nicht mit seiner Machtpolitik und der Annexion der Krim einverstanden ist.


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