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Interview Gregor Gysi : „Wehmut kommt nicht auf“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der scheidende Vorsitzende der Linken-Bundestagsfraktion Gregor Gysi freut sich jetzt auf sein neues Leben

von
erstellt am 12.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Morgen wählt die Linksfraktion im Bundestag eine neue Führung. Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch sollen Gregor Gysi ablösen. Rasmus Buchsteiner sprach mit dem scheidenden Fraktionsvorsitzenden.

Herr Gysi, Sie treten ab als Fraktionschef der Linken. Wie schwer fällt Ihnen der Rückzug aus der ersten Reihe?

Gysi: Ehrlich gesagt: Wehmut kommt nicht auf bei mir. Die Entscheidung aufzuhören, habe ich für mich schon im Mai 2013 getroffen. Ich bereue sie nicht, bin mit mir im Reinen und freue mich jetzt auf mein neues Leben. Es ist vorbei!

Ein enger Freund von Ihnen hat einmal gesagt: Gysi ist ein Gaukler, er braucht die Bühne!

Ich werde natürlich ein politischer und wahrnehmbarer Mensch bleiben. In den nächsten Monaten werde ich meine Autobiografie schreiben. Da gibt es viel zu tun. Ein Politiker sollte immer dann gehen, wenn er den Zenit seines Ansehens erreicht hat. Sie dürfen nicht vergessen: Ich war schon einmal weg, zwischen 2002 und 2005. Zurückgekommen bin ich nur, weil mich Oskar Lafontaine überredet hat - mit seiner Idee, aus PDS und WASG eine starke gesamtdeutsche Partei zu machen.

Ein weiteres Comeback schließen Sie aus?

Natürlich bin ich auch eitel. Ich stehe gerne in der Öffentlichkeit, halte es aber auch ohne aus. Für mich gibt es kein Zurück in die erste Reihe. Im nächsten Jahr werde ich entscheiden, ob ich noch einmal als Abgeordneter kandidieren werde. Mal sehen. Mich reizt die Idee, eines Tages Alterspräsident des Bundestages zu werden. Dann könnte ich vor dem Bundestag eine Eröffnungsrede ohne jede zeitliche Begrenzung halten. (lacht)

Was war Ihr größter Fehler in der Politik?

Es war ein Fehler, dass ich im Juni 1990 nicht versucht habe, Michail Gorbatschow zu treffen. Mit ihm hätte ich noch einige Dinge bereden müssen, die wichtig gewesen wären, um die deutsche Einheit etwas anders und besser zu gestalten.

Was war der größte Erfolg?

Es ist gelungen, dass die ostdeutschen Eliten und die ganze mittlere Funktionärsebene der DDR ihren Platz im vereinten Deutschland gefunden haben. Das war nicht leicht. Für mich ist es auch ein Erfolg, dass wir jetzt im Bundestag eine akzeptierte linke Opposition haben. Auch viele Anhänger der Union finden nicht falsch, dass es uns im Bundestag gibt.

Der Preis dafür sind Spaltung und Schwächung des linken Lagers. Hier die Linkspartei, dort die SPD!

Die SPD hat nach der Wende völlig falsch reagiert. Hätte sie den pragmatischen Flügel der SED zu sich geholt, wäre ich mit der Kommunistischen Plattform fast alleine geblieben. Für die PDS wäre es das Ende gewesen. Diese Entwicklung war die Voraussetzung dafür, dass wir letztlich sogar eine gesamtdeutsche Linke etablieren konnten.

Aber eine Koalition mit der SPD auf Bundesebene ist weiter undenkbar, oder?

Die Linke muss regieren wollen! Wenn wir das nicht ausstrahlen, machen wir es den anderen viel zu leicht. Es geht darum, für Kompromisse bereit zu sein. Die SPD muss für sich klären, ob sie auf Dauer zum Anhängsel der Union werden will oder zu ihrem Gegenpol. Auch die Grünen müssen sich mal entscheiden, was sie eigentlich wollen - linke Reformpolitik oder schwarz-grünen Stillstand. Die Linke darf nicht dauernd sagen, warum Rot-Rot-Grün nicht geht. Man erreicht nie alles. Die Kunst ist doch, in einer Koalition gemeinsam Schritte in die richtige Richtung zu gehen.

Sie haben die Hoffnung auf Rot-Rot-Grün 2017 noch nicht aufgegeben?

Es spricht vieles dagegen. Ich spüre jetzt keine Wechselstimmung im Land. Aber das kann sich ändern. Genauso wie wir uns ändern müssen.
Natürlich gehört zu einer linken Partei auch Ideologie, aber wir dürfen nicht verklemmt sein, wenn es ums Regieren geht.

Sie sind mit der Linken durch Höhen und Tiefen gegangen. Vor gut zwei Jahren beklagten Sie beim Parteitag in Göttingen regelrechten Hass. Warum neigen Ihre Genossen zu derart heftigen Grabenkämpfen?

In Göttingen war für mich das Ende der Fahnenstange erreicht. Ich wollte aufrütteln. Und es hat gewirkt. Nach diesem Parteitag hat sich das Klima in der Fraktion verbessert. Wir streiten auch heute noch, aber in einer völlig anderen Tonlage. Deshalb bin ich noch heute etwas stolz auf diese Rede.

„Zuverlässig“, „Unabhängigkeit“ und „Lafodödel“ - in diese Kategorien sind Vorstandsmitglieder der Linken in Vermerken eingeteilt worden, die für Sie angefertigt wurden. Geheimdienst-Methoden in der Linkspartei?

Das liegt zwei Jahre zurück. Heute würde das niemand mehr machen. Ich hatte nach dem Parteitag in Göttingen um Aufklärung über die Mehrheitsverhältnisse im Parteivorstand gebeten. Ich wollte aber keine Liste haben. Deshalb ist das Ganze geradezu grotesk. Aber intern haben wir das längst geklärt und bereinigt.

Sie haben Sahra Wagenknecht lange politisch bekämpft. Jetzt soll sie Ihnen zusammen mit Dietmar Bartsch nachfolgen. Kann dieses Duo funktionieren?

Das Verhältnis zwischen mir und Sahra war nie einfach, aber ich habe sie nicht bekämpft. Ich habe beide vorgeschlagen, weil sie es schaffen können. Sie werden Kompromisse suchen müssen, nicht zwischen sich, sondern für die Fraktion, und sie haben die Mehrheitsmeinung zu vertreten. Ich glaube nicht, dass Sahra und Dietmar sich hintergehen. Da ist jetzt ein Vertrauensverhältnis entstanden.

Der Linken wird immer wieder vorgeworfen, DDR-Vergangenheit und Stasi-Unrecht nicht richtig aufgearbeitet und das riesige SED-Parteivermögen beiseite geschafft zu haben. Gibt es Fehler in diesem Zusammenhang, die Sie sich selbst vorwerfen?

Diese Vorwürfe sind unverschämt. Wenn einer nicht die Vergangenheit aufarbeitet, dann sind das CDU und FDP, die je zwei Blockparteien aufgenommen haben. Wir haben uns der Vergangenheit gestellt, in zahllosen Veranstaltungen. Das mit dem Parteivermögen ist einfach Blödsinn. Ich habe 1991 den Verzicht auf sämtliches Vermögen der Partei im Ausland unterschrieben. Sonst ist nie etwas gefunden worden, was nicht angegeben war. Und ich bin sicher, dass da nichts an die Seite geschafft worden ist.

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