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Streitbar: Online-Berichterstattung : Was wir wissen und was nicht

vom
Aus der Onlineredaktion

Wenn Medien versuchen Facebook & Co. an Geschwindigkeit zu überholen, dann bleibt die geprüfte Nachricht auf der Strecke, analysiert Jan-Philipp Hein.

svz.de von
erstellt am 30.Jul.2016 | 15:45 Uhr

Wenn sich Einstiege bewähren, kann man sie gerne nochmal verwenden. Beginnen wir auf diesem Sendeplatz also mit einer Variation des Themas der vergangenen Woche: Wer vor ein paar Jahren prophezeit hätte, dass im Fernsehen während akuter Lagen Journalisten stehen und Sätze aus Twitter und Facebook vorlesen, wäre nicht ernst genommen worden. Wer damals davor gewarnt hätte, dass ausufernde Spekulationen die Sendezeit zwischen ein paar bestätigten Informationen füllen, wäre belächelt worden. Wer gesagt hätte, dass Hashtags bald wichtiger sein werden als Korrespondentenschalten, wäre für irre erklärt worden. Mittlerweile ist all das Realität. Logisch also, dass die Medienkritiker der Tageszeitungen und Branchendienste nach dem Amoklauf in München mit ihren Kollegen in den Fernsehstudios ohne Milde abrechneten. „Eine Endlosschleife der Spekulation“ meinte etwa der Kritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gesehen zu haben. Der „Deutschlandfunk“ ließ einen sogenannten „Terrorismus-Experten“ sagen, dass den Medien die „Gelassenheit“ fehle – freilich am Tag danach, als also deutlich wurde, dass man zur Einordnung der Münchner Ereignisse eher ein Psychiater und keinen Terrorfachmann konsultieren sollte.

Niemand beantwortete jedoch die sich aus der Kritik logischerweise ergebende Frage: Was sollen die Sender denn machen? An Abenden, an denen sich Amokläufer, Dschihadisten oder anderweitig gestörte Existenzen in Nizza, Brüssel oder München aufmachen, um ihren tödlichen Wahnsinn der Welt vorzuführen, gibt es unmittelbar nach dem ersten Tweet vom Attentat eine explosionsartig steigende Nachfrage nach... ja nach was eigentlich? Vermutlich nicht nur nach Informationen. Denn niemand, der gerade im Netz einen brandaktuellen Social-Media-Eintrag über Schüsse und mehrere Tote in einem deutschen Einkaufszentrum gesehen hat und zur TV-Fernbedienung greift, wird davon ausgehen, sofort alle offenen Fragen von einem tadellos gescheitelten Redakteur beantwortet zu bekommen. Wer ist der Täter? Was ist sein Motiv? Wer sind die Opfer und wie viele? Offenbar ist mit dem Impuls, den Fernseher einzuschalten auch das Bedürfnis verbunden, nicht allein mit einem unfassbaren Ereignis zu sein.

Der Interneterklärer Sascha Lobo schrieb diese Woche in seiner Kolumne bei „Spiegel Online“ einen klugen Satz: „Mit den gegenwärtig vorhandenen Nachrichteninstrumenten redaktioneller wie sozialer Medien lassen sich in Echtzeit begleitete Geschehnisse noch nicht ausreichend gut abbilden, sondern führen zu oft in eine erst vermutungsschwangere, später verschwörungsgebärende Resonanzkatastrophe.“ In der Tat: Twitter und Facebook machten das Gerücht, es seien drei Attentäter in München unterwegs, so groß, dass die Redaktionen es nicht mehr ignorieren konnten. Sie wären sonst dafür angegriffen worden, relevante Informationen zu unterdrücken.

Doch eben weil die Fernseh-Redaktionen diese falschen Wahrnehmungen schockierter Zeugen stundenlang weitergaben, haben es nach der Bluttat Verschwörungstheoretiker auf den einschlägigen Freakkanälen so einfach, von einer großen Vertuschung zu sprechen. Niemals, so lesen wir beim Rechtsaußenmagazin „Compact“ und bei anderen Wirrköpfen, sei der Amoklauf von München das Werk eines Einzelnen gewesen. Ganz klar: Das waren drei Islamisten, was die herrschende Elite aus „Lügenpresse“ und etablierter Politik mal wieder verschweigen will. So ähnlich erzählen es sich gerade Verschwörungstheoretiker und AfD-Anhänger in den dunklen Ecken des Netz'. Während ich das hier schreibe meldet übrigens die FAZ online exklusiv, dass der Amokläufer von München ein Rechtsextremist war, stolz darauf „Arier“ und wie Adolf Hitler am 20. April geboren worden zu sein.

Als nicht klar war, wie viele Täter durch München laufen und ob das Olympia-Einkaufszentrum der einzige Schauplatz des Attentats ist, kommentierten die Nachrichtenmoderatoren in den Studios erst das Geschehen im Internet und unterhielten sich etwas später mit den in den Studios oder in der Nähe des Schauplatz' eintreffenden Experten und Korrespondenten. Die konnten wiederum auch nur nach den Statusmeldungen im Netz und den dort geposteten Täter-Videos mit den Schüssen vor McDonalds und dem Brüllgefecht auf dem Parkdeck gefragt werden. Betreutes Twittern könnte man große Teile der Live-Berichterstattung im Nachhinein nennen, wobei unklar ist, wer wen betreut hat, das Fernsehen die User oder die User das Fernsehen.

So entstand der von Lobo gut beschriebene Resonanzraum. Erst als der Sprecher der Münchner Polizei diesen betrat, änderte sich etwas. Dabei hatte Marcus da Gloria Martins außer einer vorläufigen Opferzahl kaum Informationen dabei. Doch sein Auftritt setzte die Schwingungsfrequenz herab, da zum ersten Mal an diesem Abend gesicherte Fakten von wilden Spekulationen getrennt werden konnten. Redaktionen und soziale Medien hatten sich bis dahin gegenseitig auf den Weg zu einer Resonanzkatastrophe gemacht. Opferzahlen, Angaben zum Täter, weitere Tatorte, „Allahu-Akbar“-Rufe – das Chaos war undurchdringlich. Der Polizeisprecher sorgte für ein erstes Abschwingen. Welch Erleichterung. Auch deshalb feierten so viele den Auftritt des Kommunikationsprofis.

Das klassische Fernsehen hat eine große Chance, eine neue Rolle zu finden. Jedes katastrophale Ereignis, jedes gewaltige Verbrechen erreicht Mediennutzer heute live. Jedes dieser Ereignisse erzeugt dabei seinen eigenen Resonanzraum. Je weniger gesicherte Informationen vorliegen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass dieser Raum in einem erträglichen Schwingungsrahmen bleibt. Jedes Gerücht, jedes Raunen, jede Vermutung regt den Raum an. Dabei muss man sich bewusst machen, dass viele Gerüchte auch aus böser Absicht und nicht aus Konfusion oder Schockzuständen heraus entstehen.

TV- und Online-Redaktionen könnten sich als Manager dieses Resonanzraums begreifen. Ihre Reporter sind meist, sofern sie überhaupt eine Chance haben, dorthin zu gelangen, nicht schneller am Geschehen als unzählige Smartphone-Nutzer mit Social-Media-Accounts, die zufällig zugegen sind. Die Redaktionen könnten bei Terror- und Katastrophenlagen darauf achten, dass die Schwingungsfrequenzen erträglich bleiben. Jeder Raum ist irgendwann überlastet.

Dafür werden wir lernen müssen, welche Dynamiken Tweets und Facebook-Posts in solchen Lagen entwickeln können. Wir werden lernen müssen, dass ein einzelner Tweet oder Retweet – egal aus welcher Motivation heraus – einen Informationsorkan auslösen kann, der die Interpretation eines Ereignis' in eine völlig falsche Richtung lenkt. Es muss viel stärker betont werden, dass den meisten Informationen nicht getraut werden kann. So gab es in München weder weitere Schüsse am Karlsplatz und auch keine weiteren Attentäter. Es war auch kein islamistischer Anschlag.

Sicher ist in solchen Situationen nur eins: Sie zu erfassen, braucht seine Zeit. Dass muss den Zuschauern und Lesern klargemacht werden. Das tat in München vor einer Woche nur einer: der Sprecher der Polizei. Den gibt es aber nur dort. Verbrechen passieren jedoch überall.

Die Ereignisse in München im damaligen Liveblog:


 
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