Trends : Was uns 2014 bewegt

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Trendforscher Matthias Horx über Katastrophen, digitale Diät und positive Überraschungen

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21. Dezember 2013, 00:34 Uhr

Matthias Horx (58) befasst sich seit 20 Jahren als Zukunftsforscher mit den Trends von morgen. „Den Riecher für das Kommende versuche ich stetig zu trainieren – auch durch Irrtümer“, sagt er über seine Arbeit. Jörn Perske sprach mit dem Wissenschaftler.

Welche gesellschaftlichen Themen werden die Deutschen 2014 verstärkt beschäftigen?

Horx: Ein wichtiges Thema wird unser Verhältnis zu den Medien. Damit zusammen hängt auch der Trend zur „Digitalen Revision“. Wir werden in den nächsten Jahren die Segnungen des digitalen Zeitalters zunehmend kritisch hinterfragen. Müssen wir wirklich ständig online und erreichbar sein? Muss jeder seinen Meinungssenf ins Netz kippen?

Welche Themen sehen Sie darüber hinaus?

„Uralte neue“ Themen werden uns wieder beschäftigen. Die Frauenfrage etwa. Die Emanzipation in Deutschland ist auf halbem Wege steckengeblieben. Jetzt kommt die Frauenquote, und Ursula von der Leyen wird Verteidigungsministerin. Das wird spannend.

Was steht uns noch bevor?

Turbulenzen in der Weltpolitik. Es wird eine Art Wiederkehr des Kalten Krieges geben. Spannungen mit Russland, Spannungen zwischen China und Japan, aber auch überraschende neue Kons-tellationen wie jetzt die Zusammenarbeit von Westen und Russland in der Iran-Frage. Wir werden überraschende Allianzen erleben.

Ähnliches gilt auch für die deutsche Politik, wo sich interessante Koalitionen in allen Farbschattierungen ankündigen.

Naturkatastrophen scheinen sich zu häufen. Doch Lehren werden daraus selten gezogen. Stumpft die Gesellschaft zunehmend ab?

Die These, dass sich Umwelt- und Naturkatastrophen häufen, möchte ich bestreiten. Sie werden nur ganz anders medial inszeniert und dramatisiert. Das hat aber auch einen positiven Effekt: Die Empathie mit Menschen in Katastrophengebieten steigt, und damit wird auch die lokale und internationale Hilfe effektiver.

Leben wir wirklich in einer Welt permanenter Katas-trophen?

Nein, die Welt ist friedlicher, kontinuierlicher, wohlhabender, sogar stabiler geworden, auch wenn wir das anders wahrnehmen. Unser Hirn kann solche graduellen Verbesserungsprozesse aber nicht verarbeiten. Wir sind Bilder- und Angstwesen. Wenn wir auf einem Bildschirm eine riesige Welle sehen, die auf uns zukommt, dann haben wir immer das Gefühl, es könne uns auch treffen. In Hollywood wurden allein 2013 sechs Weltuntergangs-Blockbuster gedreht.

In Ihrem Trend Report 2014 sprechen Sie von „Y-Events – Die positiven Überraschungen unserer Zukunft“ – was ist damit gemeint?

Y-Events sind positive Katas-trophen, also Ereignisse oder Ergebnisse, die uns positiv überraschen. Sie sind die Gegen-These zu den sogenannten „X-Events“, den Mega-Katastrophen: Die globale Hungerkatastrophe, das extreme Steigen der Meeresspiegel, die Killer-Seuche, der Zusammenbruch der Demokratie, der Weltkrieg....

Das Ypsilon kann man auch mit „Yes we can“ übersetzen.

Können Sie Beispiele nennen?

Was wäre, wenn trotz des Scheiterns der Klima-Konferenzen der weltweite CO2-Ausstoß ab 2025 wieder sinkt, weil China eine Energiewende hinbekommt und Erneuerbare Energien immer preiswerter und effektiver werden? Was wäre, wenn wir es schaffen würden, den Hunger weltweit immer weiter zurückzudrängen? Das Erstaunliche ist, dass diese Entwicklungen viel wahrscheinlicher sind, als wir denken.

Wie entwickelt sich der Hype um Facebook, Twitter und Co.?

Die Nutzungszahlen bei Facebook gehen in vielen westlichen Ländern deutlich zurück, weil dieses Medium massive Schattenseiten hat. In den USA gilt Facebook heute bei vielen Jugendlichen schon wieder als uncool. Twitter hat seinen Zenit erreicht und ist heute eher ein Medium für die „Boris-Becker-Krankheit“, für einen narzisstischen Mitteilungswahn.

Sehen Sie einen Trend zur Abkehr?

Wir fragen uns: Ist das wirklich alles so toll? Ist es sozial, 1000 Freunde zu haben, die man nicht kennt? Muss jeder wissen, was wir auf dem Klo tun? Ich sehe, dass immer mehr Menschen auf „digitaler Diät“ sind. Nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern aus Selbsterhaltung.

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