Krise in Griechenland : „Warum behandelt man uns wie Vieh?“

Die Nerven liegen blank: Immer wieder kommt es zu Rangeleien unter den Wartenden.
1 von 3
Die Nerven liegen blank: Immer wieder kommt es zu Rangeleien unter den Wartenden.

Sie haben ihr Leben lang gearbeitet und müssen nun stundenlang für ein paar Euro anstehen – die griechischen Rentner sind wütend und verzweifelt.

svz.de von
01. Juli 2015, 21:00 Uhr

„43 Jahre habe ich für meine Rente gearbeitet – und nun nimmt man mir mein Geld weg“, sagt Sofia Petropoulou. Die 67-jährige Athenerin steht vor einer Zweigstelle der Alpha Bank im Stadtteil Pangrati. Sie ist nicht allein. Seit den frühen Morgenstunden, lange bevor die Geschäftsstelle um 8 Uhr öffnete, warten hier hunderte Menschen. Sie sind gekommen, um sich ihre Rente auszahlen zu lassen – oder wenigstens einen Teil davon.

Nachdem die vom Zusammenbruch bedrohten griechischen Banken am Montag auf unbestimmte Zeit schlossen, sind seit gestern rund 1000 Filialen der fünf größten Geldinstitute im ganzen Land wieder geöffnet. Sie sollen jenen Rentnern Geld auszahlen, die keine Bankkarten besitzen und somit keinen Zugang zu Geldautomaten haben.

Aber das läuft ziemlich chaotisch ab. Vielen der alten Menschen fällt das stundenlange Anstehen sichtlich schwer. Immer wieder kommt es zu Rangeleien und Streit unter den Wartenden. Die Nerven der meisten Menschen liegen blank, viele sind verzweifelt. Rund 8000 Polizisten sind im ganzen Land unterwegs, um die Banken zu schützen und für Ordnung zu sorgen.

Doch für viele endete das Warten gestern mit einer Enttäuschung. Erst spät hatten die Banken bekannt gegeben, dass die Kunden in alphabetischer Reihenfolge bedient werden würden: Am Mittwoch jene, deren Nachname mit Alpha bis Iota beginnt, am Donnerstag Kappa bis Mi und am Freitag Ni bis Omega. „Warum hat man uns das nicht früher gesagt, wa-rum behandelt man uns wie Vieh?“, sagt erregt einer der Wartenden, der nun unverrichteter Dinge wieder heimgehen muss.

Aber auch wer schließlich nach stundenlangem Warten zu einem der Schalter vordringen kann, erlebt eine Enttäuschung. Hatte es zunächst geheißen, die Rentner könnten ihre Bezüge in voller Höhe abheben, war später von 360, dann von 240 Euro die Rede. Jetzt werden nur 120 Euro ausgezahlt. „Wie soll das reichen?“, fragt ein alter Mann verzweifelt. „Allein für meine Miete brauche in heute 230 Euro, und Lebensmittel muss ich ja auch noch bezahlen.“

In der nächsten Woche soll die zweite Rate der Renten ausgezahlt werden, wieder maximal 120 Euro. Dann werden wieder Zehntausende vor den Filialen anstehen – wenn die griechischen Banken bis dahin nicht ohnehin zusammengebrochen sind, womit manche Branchenkenner rechnen. Vor allem, wenn die Griechen am Sonntag in der Volksabstimmung mehrheitlich gegen das letzte Hilfsangebot der Geldgeber votieren – sofern das Referendum denn stattfindet.

Man könnte annehmen, das zunehmende Chaos im Land werde der Regierung schaden, die für ein Nein bei dem Referendum wirbt. Das scheint aber nicht so zu sein. Premierminister Tsipras macht die Gläubiger für die Bankenschließung und die Kapitalkontrollen verantwortlich. Sie wollten die Griechen „ersticken“ und dem Land „neo-koloniale Ketten anlegen“, sagt Tsipras. Und viele scheinen ihm zu glauben. Nach einer gestern veröffentlichten Umfrage wollen 46 Prozent der Befragten mit Nein stimmen, wie es die Regierung empfiehlt, und nur 37 Prozent mit Ja.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen