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Neuer OECD-Ländervergleich : Vorbild in der Berufsbildung?

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Aus der Onlineredaktion

Neuer OECD-Ländervergleich „Bildung auf einen Blick“: Spitzenplatz bei Mint-Fächern – Nachholbedarf bei Bildungsausgaben

svz.de von
erstellt am 13.Sep.2017 | 05:00 Uhr

Spitzenplatz in Mathematik und technischen Studienfächern, Lob für die Berufsausbildung und die hohe Kita-Quote: Der neue Ländervergleich „Bildung auf einen Blick“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bescheinigt Deutschland ein für die Zukunft gut gerüstetes Bildungssystem. Wo liegen die Stärken? Wo gibt es Schwächen? Und wie ist es um die Bildungsausgaben bestellt? Hintergründe zur OECD-Studie:

Wo ist Deutschland ganz weit vorne?
Bei den sogenannten Mint-Studienfächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Mehr als ein Drittel (37 Prozent) der Hochschulabsolventen kommen aus diesen Fächern. So hoch ist der Anteil in keinem anderen der 35 OECD-Mitgliedstaaten und einigen Partnerländern. Für den Technologiestandort Deutschland und die zunehmende Digitalisierung sei die hohe Mint-Quote „besonders wichtig“, lobt die OECD und bescheinigt der Bundesrepublik „beste Voraussetzungen“, die Herausforderungen des technologischen Wandels zu meistern.

Studieren auch viele Frauen Mint-Fächer?
Das ist der Wermutstropfen. Nur 28 von hundert Studienanfängern in den mathematisch-technischen Fächern sind weiblich, das ist unter dem OECD-Schnitt von 30 Prozent. Bei den Ingenieurswissenschaften sind es nur 22 Prozent, auch das liegt unter dem Mittelwert alle OECD-Länder. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) forderte deswegen eine besondere Förderung von Frauen. „Auf ihr Potenzial können und dürfen wir nicht verzichten“, erklärte sie.

Wie steht es um die Jobsicherheit?
Bei Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sowie den Mint-Fächern liegt die Beschäftigungsquote bei 90 Prozent, auch das ein Spitzenwert. Um sechs Punkte geringer ist die Jobsicherheit für Absolventen von geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern, Künsten oder Journalismus. Insgesamt haben Akademiker oder diejenigen, die eine höhere Ausbildung (Meister) absolviert haben, auf Dauer eine höhere Beschäftigungsquote und eine fünfmal so hohe Chance, zu den Spitzenverdienern zu gehören, als Beschäftigte mit nur beruflichem Abschluss.

Studium oder Berufsausbildung – was empfiehlt die OECD?
Lange Zeit hat die Organisation voll auf Akademisierung gesetzt und forderte von Deutschland eine höhere Abiturienten- und Studentenquote. Jetzt schwenkt sie um und hebt die Vorzüge der dualen Ausbildung stark hervor. Rund die Hälfte aller 24- bis 39-Jährigen hat als höchsten Abschluss eine Ausbildung. Wie Akademikern liegt auch bei ihnen die Beschäftigungsquote zunächst bei rund 90 Prozent. Bei der Beschäftigungsquote aller Menschen im erwerbsfähigen Alter haben die Akademiker indes mit 88 zu 81 Prozent die Nase vorn.

Gleichwohl stelle das deutsche System der dualen Ausbildung eine „hohe Beschäftigungsfähigkeit“ für Nichtakademiker sicher. Dank des Berufsbildungssystems gebe es in Deutschland auch einen geringen Anteil an jungen Menschen, die gar keine Ausbildung machen (10,8 Prozent der 20- bis 24-Jährigen). Nur in Island, den Niederlanden und Dänemark sind es noch weniger.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) begrüßte den Sinneswandel bei der OECD, die die Hochschulausbildung nicht mehr über die Berufsausbildung stellt. Nun komme es darauf an, noch stärker für das duale System zu werben, erklärte DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks mit Blick auf den Fachkräftemangel in Deutschland.

Wie wird die frühkindliche Bildung beurteilt?
Auch hier ist die OECD zufrieden mit Deutschland: 93 Prozent der Dreijährigen, 97 Prozent der Vierjährigen und 98 Prozent der Fünfjährigen besuchten 2015 eine Kita. Alle drei Anteile liegen über dem OECD-Durchschnitt. Die Teilnahme an frühkindlicher Bildung und Erziehung sei „besonders wichtig“ für die späteren Bildungsergebnisse, heißt es in der Studie.

Gibt es Fortschritte bei der Chancengleichheit?
Nein. Bei der Bildungsdurchlässigkeit nach sozialen Schichten sehen die OECD-Experten in Deutschland weiter Nachholbedarf: Nur 14 Prozent der 30- bis 44-Jährigen hätten selbst ein Hochschulstudium abgeschlossen, damit hat sich der unter den OECD-Ländern schlechte Wert kaum verbessert.

Wie viel Geld steckt Deutschland in die Bildung?
Auch hier übt die OECD Kritik: 4,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes wendet der Staat für Bildungsausgaben aus. Das OECD-Mittel liegt bei 5,2 Prozent. Im Grundschulbereich liegen die Ausgaben auch pro Schüler um fast 200 Dollar unter dem OECD-Schnitt. Und mit Blick auf die gestiegene Zahl der Studierenden hätten die Bildungsausgaben „nicht Schritt gehalten“, beklagt die Organisation.

 

Kommentar "Erfreuliche Einsicht bei der OECD" von Tobias Schmidt

 Die digitale Bildung ist noch längst nicht dort, wo sie sein muss. Auf die vielen Wahlversprechen, hier endlich mehr zu tun, müssen nach der Wahl Taten folgen.

Erfreulich an der neuen OECD-Studie ist die Einsicht der Experten, dass die berufliche Bildung einen ebenso hohen Stellenwert haben sollte wie das Hochschulstudium und hervorragende Berufsaussichten bietet. Zu lange hat die Pariser Organisation das Loblied der Akademisierung angestimmt, eine höhere Quote an Studenten für Deutschland gefordert. Die große Zahl der Abbrecher an den Universitäten zeigt, dass für viele junge Menschen die Berufsausbildung eine gute Alternative zur Hochschule wäre.


 

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