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Angela Merkel auf Wahlkampftour : Von Plätzchen bis Gebrüll

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Aus der Onlineredaktion

Die Kanzlerin, die Proteste im Osten und ihr Heimspiel in Mecklenburg-Vorpommern

svz.de von
erstellt am 31.Aug.2017 | 20:45 Uhr

„Merkel“-Plätzchen statt Gebrüll: Jette Grabow hat drei Backbleche Kekse mit dem Profil der Kanzlerin gebacken, die ihr jetzt am CDU-Stand auf dem Fischmarkt in Greifswald aus den Händen gerissen werden. „Fünf davon hab ich schon selbst gegessen“, erzählt die 39-Jährige aus dem „Team Angela Merkel“, kurz bevor die Regierungschefin um Punkt 13 Uhr eintrifft.

Heimspiel für die Kanzlerin in dem von Gotik-Bauten umrahmten Platz in der schmucken Greifswalder Altstadt. Auftritt in ihrem Wahlkreis hoch oben im Nordosten. Ausgerechnet hier, wo die AfD bei der Landtagswahl in MV im vergangenen Herbst abgeräumt hatte, wo AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm Merkel ihr Direktmandat abjagen will, schlägt der Kanzlerin eine Welle der Sympathie entgegen.

Herzlicher Beifall, als sie sich ihren Weg durch die Menge auf die Bühne bahnt, die rund eintausend Menschen zu der „spontanen, kleinen Veranstaltung“ begrüßt und viele Kinder orangefarbene Luftballons festhalten, auf denen mit roter Schrift ihr Name steht. Selbstsicher wirkt die Kanzlerin, erleichtert, dass sie hier in der Hansestadt nicht wie in Brandenburg, Quedlinburg und zuletzt in Bitterfeld niedergebrüllt wird, wo AfD-Anhänger ihre Reden mit „Merkel muss weg“-Schreien störten.

Das Propellerflugzeug, das über dem Fischmarkt seine Kreise zieht, eine blaue Banderole mit dem Slogan „AfD-Wählen“ im Schlepptau, lässt sie unkommentiert. Aber als vereinzelt Protest-Trillerpfeifen erklingen, kontert sie doch: „Ach, jetzt sind auch die aufgewacht, die pfeifen können“, sagt sie spöttisch. „Deutschlands Zukunft mit Pfeifen bauen – das wird nichts!“

Beifall brandet auf. Klar, auch in Greifswald sind längst nicht alle mit der Kanzlerin zufrieden. „Sie kommt doch nur, wenn sie unsere Stimmen haben will“, sagt Walter Müller, der auf dem benachbarten Wochenmarkt Brathähnchen verkauft. Als Abgeordnete, die hier ihren Wahlkreis habe, schere sich Merkel nicht um die Region. „Und dann ihre Flüchtlingspolitik. Wir sind eine Studentenstadt, haben schon so zu viele Ausländer“, sagt einer, der gerade ein Hähnchen bestellt.

Die Kanzlerin und der Osten Deutschlands – wegen ihrer Flüchtlingspolitik hatte sie sich auf Gegenwind eingestellt, schon im vergangenen Jahr „den härtesten Wahlkampf“ seit ihrem Amtsantritt vor zwölf Jahren erwartet. Doch die Brüllorgien in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg, die hasserfüllten „Hol Dir Dein Land zurück“- und „Grundgesetz vor Merkel schützen“-Plakate der AfD, das hat sie nicht einfach so weggesteckt. Aber wegducken will sich die Kanzlerin nicht. In MV, wo der AfD bei der Bundestagswahl am 24. September bis zu 22 Prozent zugetraut werden, absolviert sie gleich fünf Wahlkampfauftritte. Von den Rechtspopulisten ist am Donnerstag nicht viel zu sehen.

Die Merkel-Partei war im Nordosten auf den dritten Platz abgestürzt, von den Rechtspopulisten überholt worden. In ihrer Rede wirbt die Kanzlerin um Vertrauen und Wählerstimmen, ohne sich anzubiedern. Ihre üblichen Themen handelt sie ab, kündigt an, sich bei ihrer Wiederwahl um „sichere Renten, sichere Arbeitsplätze und gute Schulbildung“ zu kümmern. Ihre übliche Rede im Schnelldurchlauf.

Besonders intensiv widmet sie sich dann aber dem heiklen Thema Flüchtlingspolitik. 2015 dürfe und könne sich nicht wiederholen, erklärt Merkel: „Wer aus rein wirtschaftlichen Gründen kommt, darf nicht bleiben.“ Doch statt auf Abschottungspolitik wie die AfD setzt sie am Donnerstag in Greifswald den Akzent auf Entwicklungshilfe, die „einen viel größeren Stellenwert bekommen wird“, und dann fügt sie hinzu: „Wir können die Aufgaben gemeinsam mit den Herkunftsländern bewältigen.“ Gut 20 Minuten redet die Kanzlerin, dann noch ein Bad in der Menge. Als sie den CDU-Stand erreicht, sind die „Merkel-Plätzchen“ schon längst aufgegessen.

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