Der Weg von Angela Merkel : Von „Kohls Mädchen“ zur Kanzlerin

Eine schwierige Beziehung: Angela Merkel und Helmut Kohl, hier beim 60. Geburtstag der Kanzlerin am 17. Juli 2014.
Eine schwierige Beziehung: Angela Merkel und Helmut Kohl, hier beim 60. Geburtstag der Kanzlerin am 17. Juli 2014.

Heute ist Angela Merkel auf den Tag genau zehn Jahre Regierungschefin. Ein Blick auf die Anfänge der heute mächtigsten Frau der Welt.

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21. November 2015, 08:00 Uhr

Der Anruf von Chefredakteur Gerhard Deckl aus Neubrandenburg im Herbst 1998 klang wie ein Scherz. „Ein Vögelchen in Bonn hat mir gezwitschert, wer bei der CDU neuer Generalsekretär wird“, raunte der knorrige alte Fuchs, der zuvor viele Jahre Korrespondent in der alten Bundeshauptstadt war. „Die Ändschie!“ Unglaublich!

Die unscheinbare Frau aus der Uckermark hatte niemand auf dem Zettel. In die Politik war sie über die Bürgerrechtsbewegung „Demokratischer Aufbrauch“ und dann als Sprecherin des ersten und letzten frei gewählten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maiziere (CDU) gekommen. Helmut Kohl, übermächtiger Kanzler der Einheit, holte sie als Familienministerin in sein Kabinett, später war sie für Umwelt zuständig. Und erwarb sich zumindest Respekt mit ihrem Verhandlungsgeschick beim Weltklima-Gipfel im japanischen Kyoto. Höher hinaus aber dachte niemand, vor allem wohl nicht sie selbst.

Rückblick: Merkels Bundestags-Wahlkreis liegt eher zufällig in Vorpommern. Organisiert hatte ihr den Ost-CDU-Zampano Günter Krause, einst DDR-Chefunterhändler zum Einigungsvertrag, später umtriebiger „Sause-Krause“ als Bundesverkehrsminister. Ihre Kandidatur vor Ort gegen drei West-Kandidaten eingefädelt hatte jedoch der damalige Landrat Wolfhard Molkentin. „Ich wurde einem relativ strengen Verhör unterzogen“, erinnert sich Merkel später an ihre Vorstellungsrunde in Vorpommern, „das gipfelte darin, dass ich sagen sollte, bei welcher Bodenwertzahl man Zuckerrüben anbaut.“ Molkentin wollte sich später nicht mehr an solche Strenge erinnern. „Ich habe sie leicht in den Arm genommen, und habe gesagt: Frau Merkel, wenn Sie vor den Bauern stehen und etwas gefragt werden, dann sagen Sie lieber ehrlich, davon habe ich keine Ahnung, als dass Sie den Menschen etwas vorgaukeln.“ Bis heute holt sich Merkel ihre Weihnachtsgans vom inzwischen pensionierten Hobby-Landwirt Molkentin.

Um aber die derzeit dienstälteste Regierungschefin Europas heute zu verstehen, lohnt ein Blick zu den Anfängen. „Kohls Mädchen“ sollte 1998 plötzlich die Volkspartei managen, die nach 16 Jahren Regierungszeit verschlissen und mit ihrem „ewigen Kanzler“ Helmut Kohl ein Wahldebakel erlebt hatte. Der neue Partei- und Fraktionschef Wolfgang Schäuble, Kohls ewiger Kronprinz, holte sich ausgerechnet dessen Zögling Angela Merkel als Generälin – und nicht einen „Parteisoldaten“, der sich in üblicher Ochenstour hochgedient hatte. Notbesetzung, hieß es denn auch in der politischen Männergesellschaft, die bleibt nicht lange. Die ist nur Übergang, bis die Herren sich sortiert haben. Doch denkste! Angela Merkel setzte sich fest und arbeitete beharrlich und akribisch am Neuaufbau der Partei, der angesichts einer dilettantisch gestarteten Rot-Grünen Regierung jederzeit drohte, unvermittelt wieder in Regierungsverantwortung springen zu müssen.

Doch Rot-Grün fing sich. Und fast genau ein Jahr später stürzte die CDU in eine existenzielle Krise: Am 16. November 1999 offenbarte Kohl in einem ZDF-Interview, dass er während seiner Kanzlerschaft am Parteispendengesetz vorbei Millionenbeträge entgegengenommen hatte. Kohl weigerte sich unter Verweis auf sein Ehrenwort, die Geldgeber zu nennen. Ein Ex-Kanzler, der sein Ehrenwort höher stellte als das Gesetz. Da war das Maß wohl voll: Generalsekretärin Angela Merkel veröffentlichte am 22. Dezember 1999 einen Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), in dem sie die Partei zur Abnabelung aufforderte: „Die Partei muss also laufen lernen, muss sich zutrauen, in Zukunft auch ohne ihr altes Schlachtross... den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen. Sie muss sich wie jemand in der Pubertät von zu Hause lösen, eigene Wege gehen.“

Die oft als Quotenfrau aus dem Osten diffamierte Merkel kratzte nicht nur am Denkmal ihres Ziehvaters, sie stieß es um. Was hat sie da geritten? Womöglich war es gerade die Prägung aus DDR-Zeiten: Merkel hatte erlebt, wie ein „Kabinett der greisen Männer“, das Politbüro der SED, die losgelöst von der Wirklichkeit „da draußen“ die Bodenhaftung längst verloren und sich in einer Scheinwelt eingeigelt hatten.

Doch trotz dieses Coups und ihrer Spitzenkandidatur zur vorgezogenen Bundestagswahl 2005 wurde sie immer noch nicht von allen für voll genommen. Legendär ist die ARD-„Elefantenrunde“, als der gescheiterte SPD-Kanzler Gerhard Schröder in weingeschwängerter Trance sich über ihren Regierungsanspruch lustig machte.

Nun regiert Merkel bereits im zehnten Jahr. Sie konnte dank der rot-grünen Vorarbeiten, vor allem der Agenda 2010, die Ernte einfahren. Andererseits ist unstrittig, dass sie die Weltfinanzkrise für Deutschland erfolgreich managte. In der Ukraine- wie der Griechenland-Krise verschaffte sie sich international gewaltigen Respekt.

Doch nun wächst in der Flüchtlingskrise die Kritik an der Kanzlerin, vor allem in der CDU: 34 Parteifunktionäre verfassten unlängst einen Brandbrief an die Kanzlerin. „Die gegenwärtig praktizierte 'Politik der offenen Grenzen' entspricht weder dem europäischen oder deutschen Recht, noch steht sie im Einklang mit dem Programm der CDU“, hieß es darin. Starker Tobak. Ex-Generalsekretär und CDU-Rebell Heiner Geißler wies die Aufmüpfigen im Oktober öffentlich zurecht: „Hätte sie zuschauen sollen, wie diese Leute in Ungarn verrecken?“ Geißler meinte gar: „Angela Merkel hätte den Friedensnobelpreis verdient. Nächstenliebe ist keine Gefühlsduselei und kein Gutmenschentum, sondern eine Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind“, sagte er in einem Zeitungsinterview.

Während das US-Magazin „Forbes“ Merkl einmal mehr zur mächtigsten Frau der Welt kürte, liegt sie in deutschen Meinungsumfragen bei den schlechtesten Werten ihrer Kanzlerschaft. Noch vor wenigen Wochen hatte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig seiner SPD geraten, zur nächsten Bundestagswahl erst gar nicht mit einem Spitzenkandidaten anzutreten.

Momentan ist es auffällig ruhig um Angela Merkel. Mancher Kommentator beschwor schon die „Kanzlerdämmerung“ herauf. Sie werden sich wohl wieder täuschen wie viele vor ihnen. Legt man die Erfahrungen zugrunde, dann tut Merkel, was sie immer tat: Sie lässt die Herren aller Ressorts „vortanzen“, bis sich Spreu vom Weizen trennt, Loyalität und Apologetentum sich offenbart. Während sie selbst beharrlich internationale Diplomatie zur Bewältigung der Flüchtlings- und der Terrorkrise betreibt. Sorgen um potente politische Konkurrenz muss sie sich nicht machen - weder im eigenen Lager noch bei der SPD.

Sorgen dürfte ihr eher der massive Zulauf für die Rechtspopulisten bereiten. Selbst wenn sie wirklich vorgehabt haben sollte, selbstbestimmt zur Mitte ihrer dritten Kanzlerschaft an einen Nachfolger zu übergeben, so ist sie momentan dazu verdammt, das Zepter in der Hand zu behalten, bis die großen Krisen bewältigt sind. Denn als Verliererin wird sie sich keinesfalls verabschieden wollen.

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